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Anno 1829

Gedicht von Heinrich Heine From Wikipedia, the free encyclopedia

Anno 1829 ist ein Gedicht von Heinrich Heine das als siebtes im Zyklus Romanzen als Teil der Neuen Gedichte 1844 erschienen ist. Erstmals abgedruckt wurde es in der Zeitung für die elegante Welt vom 2. November 1839, danach wurde es von Heine 1840 in sein Sammelwerk Der Salon. Vierter Band aufgenommen.

Die sieben Strophen des Gedichts sind mit halbem Kreuzreim gebundene Vierzeiler aus jambischen Vierhebern.

Text

Daß ich bequem verbluten kann,
Gebt mir ein edles, weites Feld!
O, laßt mich nicht ersticken hier
In dieser engen Krämerwelt!

Sie essen gut, sie trinken gut,
Erfreu’n sich ihres Maulwurfglücks,
Und ihre Großmuth ist so groß
Als wie das Loch der Armenbüchs.

Cigarren tragen sie im Maul
Und in der Hosentasch’ die Händ’;
Auch die Verdauungskraft ist gut, —
Wer sie nur selbst verdauen könnt’!

Sie handeln mit den Spezerei’n
Der ganzen Welt, doch in der Luft,
Trotz allen Würzen, riecht man stets
Den faulen Schelfischseelenduft.

Ο, daß ich große Laster säh’,
Verbrechen, blutig, kolossal, —
Nur diese satte Tugend nicht,
Und zahlungsfähige Moral!

Ihr Wolken droben, nehmt mich mit,
Gleichviel nach welchem fernen Ort!
Nach Lappland oder Afrika,
Und sey’s nach Pommern — fort! nur fort!

O, nehmt mich mit — Sie hören nicht —
Die Wolken droben sind so klug!
Vorüberreisend dieser Stadt
Aengstlich beschleun’gen sie den Flug.[1]

Hintergrund und Deutung

Entgegen dem Titel ist das Gedicht bei einem Besuch Heines in Hamburg 1830 entstanden, wo er eine 6-strophige Fassung in das Album von Charlotte Moscheles schrieb.[2] Die erste Strophe schließt mit dem Wunsch nach einem geeigneten Ort für den Tod an das vorhergehende Gedicht Unstern an, wo es in der letzten Strophe heißt:

O, fiel ich doch in den Garten,
Wo die Blumen meiner harrten,
Wo ich mir oft gewünschet hab'
Ein reinliches Sterben, ein duftiges Grab![1]

Heine beschreibt und verflucht zugleich die „Krämerwelt“ des Hamburger Bürgertums. In der 1844 eingefügten vierten Strophe heißt es:

Sie handeln mit den Spezerei’n
Der ganzen Welt, doch in der Luft,
Trotz allen Würzen, riecht man stets
Den faulen Schelfischseelenduft.

Heine vermisst bei seinen Hamburgern vor allem das Format, und sei es im Bösen:

O, daß ich große Laster säh’,
Verbrechen, blutig, kolossal, –
Nur diese satte Tugend nicht,
Und zahlungsfähige Moral!

Kein Wunder, dass der Dichter sich weit fort wünscht. Am Ende fleht er die Wolken an, ihn doch bitte mitzunehmen egal wohin, aber die hören nicht, sondern beeilen sich, möglichst schnell wegzukommen von diesem Ort.

Bei einem Besuch Moscheles in Paris hatte Heine das Gedicht mit der Anmerkung „Verse gedichtet zu Η[amburg] Anno 1830 und wieder aufgefunden zu Paris 1839“ versehen. Im Erstdruck war das Gedicht unter dem Titel Sehnsucht nach der Fremde und dem fingierten Entstehungsort „Bremen 1831“ erschienen. Der endgültige Titel Anno 1829 könnte gewählt worden sein, um zu signalisieren, dass das Gedicht aus der Zeit vor der Julirevolution von 1830 stammt, also aus einer Zeit, als Heine unter der erstickenden Restaurationsatmosphäre der Metternichschen Epoche in Deutschland fast verzweifelte.[3]

Das im Zyklus folgende Gedicht Anno 1839 bildet offensichtlich ein Pendant zu diesem: Während hier das lyrische Ich sich fort sehnt in egal welche Fremde, lebt 1839 der Dichter serit Jahren im Pariser Exil, wo er sich irgendwie nach deutschen Verstaubtheiten und Schrulligkeiten, nach deutschen „Nachtwächterhörnern“ und „Nachtwächterliedern“, versetzt mit romantischem „Nachtigallenlaut“ zu sehnen beginnt:

Dem Dichter war so wohl daheime,
In Schilda’s theurem Eichenhain;
Dort wob ich meine zarten Reime
Aus Veilchenduft und Mondenschein.[4]

Rezeption

Das Gedicht wurde vertont von Reiner Bredemeyer (Heine-Lieder. 15 Lieder, no. 8, 1978) und von Don Forsythe (Romanzen, no. 7, Gesang und Klavier, ca. 2008).[5]

Ausgaben

  • Erstdruck: Sehnsucht nach der Fremde. (Bremen 1831). In: Zeitung für die elegante Welt, 2. November 1839 (6-strophige Fassung).
  • Aufgenommen als: Anno 1829. In: Der Salon. Vierter Band. Hoffmann und Campe, Hamburg 1840, S. 134f. (6-strophige Fassung).
  • Erstausgabe als: Anno 1829. In: Neue Gedichte von H. Heine. Hoffmann und Campe, Hamburg 1844, S. 176f.

Werkausgaben:

Literatur

  • Irmgard Möller, Hans Böhm: Heinrich Heine Säkularausgabe Band 2. Gedichte 1827–1844 und Versepen. Kommentar I. Akademie Verlag, Berlin 1995, ISBN 3-05-005299-6, S. 329–331.
Wikisource: Anno 1829 – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise

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