Wikiwand AI

Anno 1839

Gedicht von Heinrich Heine From Wikipedia, the free encyclopedia

Anno 1839 ist ein Gedicht von Heinrich Heine das als achtes im Zyklus Romanzen als Teil der Neuen Gedichte 1844 erschienen ist. Das Gedicht besteht aus sieben vierzeiligen Strophen aus kreuzgereimten jambischen Vierhebern, wobei der jeweils 1. und 3. Vers hyperkatalektisch verlängert sind.

Text

O, Deutschland meine ferne Liebe,
Gedenk’ ich deiner, wein’ ich fast!
Das muntre Frankreich scheint mir trübe,
Das leichte Volk wird mir zur Last.

Nur der Verstand, so kalt und trocken,
Herrscht in dem witzigen Paris —
O, Narrheitsglöcklein, Glaubensglocken,
Wie klingelt ihr daheim so süß!

Höfliche Männer! Doch verdrossen
Geb’ ich den art’gen Gruß zurück. —
Die Grobheit, die ich einst genossen
Im Vaterland, das war mein Glück!

Lächelnde Weiber! Plappern immer,
Wie Mühlenräder stets bewegt!
Da lob’ ich Deutschlands Frauenzimmer,
Das schweigend sich zu Bette legt.

Und alles dreht sich hier im Kreise,
Mit Ungestüm, wie’n toller Traum!
Bei uns bleibt alles hübsch im Gleise,
Wie angenagelt, rührt sich kaum.

Mir ist als hört’ ich fern erklingen
Nachtwächterhörner, sanft und traut;
Nachtwächterlieder hör’ ich singen,
Dazwischen Nachtigallenlaut.

Dem Dichter war so wohl daheime,
In Schilda’s theurem Eichenhain;
Dort wob ich meine zarten Reime
Aus Veilchenduft und Mondenschein.[1]

Hintergrund und Deutung

Das Gedicht lag zusammen mit vier anderen einem Brief an Gustav Kühne vom 11. Oktober 1839. Der Erstdruck erfolgte unter dem Titel Heimweh (Paris 1839) in der Zeitung für die elegante Welt vom 2. November 1839, wo Kühne Redakteur war. Ein weiteres Mal erschien das Gedicht 1840 unter dem Titel Anno 1839 im 4. Band von Der Salon.

Während das im Zyklus der Romanzen vorangehende Gedicht Anno 1829 die Sicht des Autors auf Deutschland und insbesondere Hamburg vor der Übersiedelung nach Paris und (ausweislich des Titels) vor der Julirevolution von 1830 wiedergibt, zeigt Anno 1839 die umgekehrte Perspektive. Der Autor lebt nun seit mehreren Jahren im Pariser Exil, das „muntre Frankreich“ mit seinem „leichte[n] Volk“ wird ihm zur Last und er beginnt sich nach deutschen Verstaubtheiten zu sehnen, nach deutschen „Nachtwächterhörnern“ und „Nachtwächterliedern“, versetzt mit romantischem „Nachtigallenlaut“ sowie „Veilchenduft und Mondenschein“, wobei er sich von seinen früheren Dichtungen wie etwa dem Buch der Lieder ironisch distanziert, in seiner Darstellung Frankreichs zugleich deutsche Vorurteile und Stereotypen munter reproduzierend. Wie auch immer das zu bewerten sei, nach Jeffrey L. Sammons darf an der Nachhaltigkeit solcher Sentimente bei einer tatsächlichen Rückkehr nach Deutschland gezweifelt werden, man vergleiche die Darstellung der Heimat in Deutschland. Ein Wintermärchen.[2]

In der französischen Übersetzung des Gedichts ersetzte Heine die in der letzten Strophe erscheinende deutsche Narrenstadt Schilda durch das „château de Thunder-ten-thronkh“ aus Voltaires Candide.[3.1]

Rezeption

Vertonungen des Gedichts liegen vor von Reiner Bredemeyer (Heine-Lieder: 15 Lieder, no. 5, 1976) und Don Forsythe (Romanzen, no. 8, ca. 2008).[4]

Ausgaben

  • Erstdruck: Heimweh. (Paris 1839.) In: Zeitung für die elegante Welt, 2. November 1839.
  • Abgedruckt als Anno 1839 in: Der Salon. Vierter Band. Hoffmann und Campe, Hamburg 1840, S. 136f.
  • Erstausgabe: Anno 1839. In: Neue Gedichte von H. Heine. Hoffmann und Campe, Hamburg 1844, S. 178f.

Werkausgaben:

Literatur

  • Irmgard Möller, Hans Böhm: Heinrich Heine Säkularausgabe Band 2. Gedichte 1827–1844 und Versepen. Kommentar I. Akademie Verlag, Berlin 1995, ISBN 3-05-005299-6, S. 331f.
Wikisource: Anno 1839 – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise

Related Articles

Timelines

Top Qs

Fact Checks