Dux Belgicae secundae

römischer Militärdienstgrad From Wikipedia, the free encyclopedia

Der Dux Belgicae secundae (wörtlich: „Heerführer der Provinz Belgica II“) war ein hoher Offizier in der spätrömischen Armee des Westens, Oberkommandierender der Limitanei und eines Flottengeschwaders an der sogenannten Sachsenküste im nordwestlichen Gallien.

Heerführer der Comitatenses und Limitanei im 5. Jahrhundert n. Chr.
Notitia Dignitatum: Die Festungsstädte Quartensis, Portuae Patiaci und die Kastelle am Litus Saxonicum (symbolisch als ein Kastell dargestellt) unter dem Kommando des Dux Belgicae secundae

Ein namentlich bekannter Dux war der fränkische König Childerich I. (spätes 5. Jahrhundert).

Definition, Funktion und Kommandobereich

Das Amt wurde wahrscheinlich um 395 n. Chr. eingerichtet. Am kaiserlichen Hof zählte der Dux zur höchsten Rangklasse der viri spectabiles. In der Notitia Dignitatum werden für den gallischen Teil des Litus Saxonicum zwei hohe Kommandostellen und ihre Einheiten für die Sicherung der Küsten

aufgezählt, der o. a. Befehlshaber[2] und der benachbarte Dux tractus Armoricani et Nervicani. Der Amtsbezirk des Dux der Belgicae II dürfte in etwa den Küstenstreifen von der Schelde bis zur Somme umfasst haben.[3] Sie werden ansonsten in keinen anderen antiken Quellen erwähnt.

Entwicklung

Im Zuge der Reichsreform unter Kaiser Diokletian wurden in Britannien und Gallien neue Militärämter eingeführt. An beiden Seiten des Ärmelkanals entstand damals der Limes der sogenannten Sachsenküste. An stark exponierten Abschnitten und Flussmündungen wurden Kastelle teilweise neu errichtet oder schon vorhandene umgebaut. Deren Besatzungen hatten die Aufgabe, Plünderer und Invasoren abzuwehren oder ihnen den Zugang zum Landesinneren so weit wie möglich zu erschweren. Die Hauptverantwortung für die Sicherung beider Küsten lag in der Mitte des 4. Jahrhunderts bei einem Comes Maritimi Tractus. 367 kam es zu einem Einfall mehrerer Barbarenvölker in Britannien, in dessen Verlauf die dortigen Einheiten der Provinzstreitkräfte zersprengt oder fast zur Gänze aufgerieben wurden. Auch ihre Oberbefehlshaber fanden dabei den Tod, darunter der „Graf der Küstenregionen“, Nectaridus. Sein Zuständigkeitsbereich muss danach – spätestens um 395 – in drei Militärbezirke geteilt worden sein. Man wollte damit auch verhindern, dass ein Heerführer zu viele Soldaten unter sein Kommando bekam und ihm damit ein Aufstand (wie z. B. die Usurpation des britischen Flottenbefehlshabers Carausius) ermöglicht werden konnte. Für den gallischen Teil der Sachsenküste wurden zwei neue Dukate geschaffen, die bis ins frühe 5. Jahrhundert existierten.[4] Um 401 n. Chr. dürfte der weströmische Regent Stilicho, (seit 395 n. Chr. „magister utriusque militiae“) die limitanei des damals vielleicht noch bestehenden niedergermanischen Dukats in das mobile Feldheer eingegliedert haben; zusätzlich wurde die Rhein-Grenze von dort angesiedelten Foederaten (Franken etc.) überwacht.[5]

In der Endphase der römischen Herrschaft über Gallien fungierte der Heerführer der Salfranken, Childerich, als ziviler Verwalter und Befehlshaber einer nach römischer Art organisierten Streitmacht (exercitus) auf dem Territorium um die Stadt Tournai im Norden der Provinz. Die Stadt diente ihm als Residenz und Verwaltungsmittelpunkt. Seine Macht stützte sich u. a. auch auf hier ansässige Waffenschmieden. In seinem 1653 entdeckten Hügelgrab fand man u. a. oströmische Goldmünzen, einen goldurchwirkten Offiziersmantel (paludamentum) und eine goldene Zwiebelknopffibel. Erstere wurden in der Forschung als Sold für geleistete Kriegsdienste, letztere als Rangabzeichen der spätrömischen Armee gedeutet. Es ist jedoch unklar, ob Childerich noch als römischer General oder schon weitgehend unabhängig als König (rex gloriosissimus) agierte; sehr wahrscheinlich waren beide Ämter damals schon miteinander verschmolzen. Childerich fühlte sich aber wohl noch der spätrömischen Militäraristokratie Galliens verpflichtet. Letztendlich entscheidend waren ohnehin nicht die formalen Befugnisse, sondern die realen Machtverhältnisse, gestützt auf militärische Ressourcen. Diese Bündelung ziviler und militärischer Ämter in seinen Händen lässt jedenfalls auf eine herausragende Stellung Childerichs unter den germanischen Heerführern schließen. Wahrscheinlich war er direkt von der Administration Odoakers in Italien und auch dem oströmischen Kaiserhof in seinem Amt bestätigt worden. Es wird vermutet, dass er als dux vor den anderen Foederatenbefehlshaber rangierte. Als rex oder princeps wäre er auch berechtigt gewesen, kirchliche und weltliche Ämter und die damit verbundenen Titel wie patricius, comes und dux an verdiente Germanen oder Römer in seinem Herrschaftsbereich (regnum) zu vergeben.[6]

Verwaltungsstab

Das Officium (Verwaltungsstab) des Dux umfasste folgende Ämter:[7]

  • Principem xe eodem corpore (Kanzleivorsteher aus den Reihen der Armee)
  • Numerarium (zwei Buchführer)
  • Commentariensem (Rechtsbeistand)
  • Adiutorem (Assistent)
  • Subadiuuam (Hilfskraft)
  • Regrendarium (Verwalter)
  • Exceptores (Juristen)
  • Singulares et reliquos officiales (Leibwächter und sonstige Beamte)

Truppen

Die Einheiten des Dux dienten zum Schutz des Hinterlandes und der Küstenregionen gegen Einfälle, etwa durch die Franken oder Sachsen, im Rahmen des Verteidigungssystems des Litus Saxonicum (Sachsenküste). Der Dux dürfte ursprünglich noch mehr Truppen unter seinem Kommando gehabt haben. Arnold Hugh Martin Jones identifizierte die Herkunft einiger Einheiten aus der gallischen Feldarmee. Sie stammten alle aus der Belgica II. Ihre Namen sind dieselben wie die der bekannten römischen Städte in dieser Provinz:[8] Im Gegensatz zu Vexillationen anderer Duces werden diese Einheiten nicht mehr zusätzlich als unter dem Kommando des Dux Belgicae II stehend angegeben. Es scheint, dass diese Provinz nach der Zerschlagung der Grenzeinheiten am Rhein (Rheinübergang von 406 n. Chr.) als einer der ersten viele ihrer Einheiten an die Feldarmee abgeben musste. In der Notitia ist kein Dux Belgicae primae angeführt, obwohl sarmatische Siedler in dieser Provinz nachweisbar sind. Vermutlich wurden die dortigen römischen Einheiten schon sehr viel früher von dort abgezogen oder dem Kommando des Dux der Belgica II unterstellt. Als Foederaten (lat. Singular foederatus, Plural foederati): wurden alle Gruppen von Nichtrömern bezeichnet, mit denen ein Vertrag (foedus) geschlossen worden war. In der Forschung wird diese Bezeichnung zumeist in Bezug auf die Spätantike (4. bis 6. Jahrhundert n. Chr.) für „barbarische“ Kontingente verwendet, die unter ihren eigenen Anführern kämpften und als Gegenleistung von Rom Versorgungsgüter und oft auch Siedlungsland zugewiesen bekamen.

Distributio Numerorum

Die Rangstufe der für die laeti verantwortlichen Offiziere war dem der Kommandeure für Waffenfabriken und Marineeinheiten, erwähnt in einem Reskript aus dem Jahr 369 n. Chr., ähnlich.[9] Ein Praepositus fabricae beispielsweise war ein Offizier im Rang eines Tribuns, der auch sein Fabrikspersonal wie eine militärische Einheit führte. In der Liste dieses Dux, hatten die meisten Laetenkommandeure ihr Hauptquartier in oder nahe einer der Kantonsmetropolen Galliens.[10]

Laut der ND Occ. standen dem Dux folgende Einheiten zur Verfügung:[11]

Kavallerie

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Equites Dalmatae in Marcis[12] In der ND wurde kein kommandierender Offizier für diese - wohl ursprünglich in Dalmatien rekrutierten - Reitertruppe angegeben. Die Verbände der equites Dalmatae wurden während der Herrschaft des Gallienus (253–268) geschaffen, als schnelle, leicht bewaffnete Eingreiftruppe eingesetzt und im 4. Jahrhundert den Grenztruppen zugewiesen. Ähnlich wie andere zu dieser Zeit aufgestellte Kavallerieformationen, die aus den Reiterkontingenten der Legionen und Auxiliareinheiten herausgelöst wurden. Equites Dalmatae waren zu dieser Zeit eine der am weitesten verbreiteten Reiterverbände. Allein im Westreich sind über 30 von ihnen dokumentiert. Der Name Dalmatae bedeutet, dass anfangs wohl viele ihrer Soldaten aus dieser Provinz stammten. Onomastische Analysen deuten darauf hin, dass sie in der Spätantike aber vorwiegend aus lokalen Ressourcen rekrutiert wurden und dieser Name entweder auf ihre Kampftaktik zurückgeht oder später aus alter Tradition beibehalten wurde. Diese Reiterformationen waren also nie als ethnische reine Einheiten gedacht. Ihre enorme Präsenz unterstreicht ihre Rolle als Rückgrat der mobilen Grenzverteidigung am norisch-pannonischen Limes. Ihre Aufgabe war die Überwachung ihres jeweiligen Flussabschnitts und die schnelle Reaktion auf Einfälle transdanubischer Völker.[13] Das Kastell auf dem Gebiet des heutigen Calais (an der Küste des Ärmelkanal) war Bestandteil der Festungskette des Limes der Sachsenküste (litus saxonicum). Diese Einheiten wurden in der Spätantike oft zusammen mit der Infanterie eingesetzt und dienten primär bei den Grenztruppen (Limitanei).[14][15]
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Infanterie

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Limitanei
Tribunus militum Nerviorum, Portus Epatiacus Eine ursprünglich aus dem keltischen Volk der Nervier rekrutierte Einheit die entweder in einem Kastell bei Étaples (Quentia)[16] (Pas-de-Calais, F), an der Mündung der Canche, oder in einem Lager bei Oudenburg (B)[17] stand. Die Einheit sicherte wohl den Hafen und überwachte den Schiffsverkehr im Ärmelkanal. Über die Garnison in Oudenburg im 4. Jahrhundert existieren bislang keine inschriftlichen Hinweise, es lassen sich dennoch einige Erkenntnisse über das stationierte Militär in dieser Zeit gewinnen. Zunächst weist das Fehlen von Waffen bei den Grabbeigaben darauf hin, dass es sich um eine reguläre Einheit der römische Armee gehandelt haben muss und nicht um eine Söldnertruppe. Münzen aus einem Grab des spätrömischen Gräberfeldes sprechen dafür, dass einer der dort begrabenen Soldaten (und damit wohl auch seine Einheit) vorher in der Provinz Pannonia stationiert gewesen war, bevor er nach Oudenburg versetzt wurde. Eine Studie der belgischen Archäologin Kathy Sas hatte überdies gezeigt, dass die Grabbeigaben von Soldatenfrauen oft auch Aussagen über ihre Ehemänner zulassen.[18][19] Die Funde der Frauengräber aus Oudenburg wiesen wiederum auf vormals in Pannonien, aber auch in Raetien, in den Rheinprovinzen und Britannien stationierte Einheiten hin. Darüber hinaus deuteten zwei Gräber mit Tutulus-Fibeln an, dass diese beiden Soldatenfrauen möglicherweise nordgermanischer Abstammung gewesen waren.[20]
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Legiones Comitatenses
Geminiacenses, Geminiacum Die legiones comitatenses bildeten den Kern der spätrömischen Armee. Sie standen unter dem direkten Kommando der Heermeister und stellten in beiden Reichsteilen das Gros der Feldarmeen.[21] In der ND wurde der Rang des kommandierenden Offiziers dieser Truppe nicht überliefert. Ihr Name bezieht sich auf ihren Stationierungsort Geminiacum, das heutige Pont-à-Celles/Liberchies[22] in der belgischen Provinz Hennegau. Er lag an einer römischen Fernstraße von Bagacum (Bavay)[23] nach Atuatuca Tungrorum[24] (Tongern). In der Spätantike sicherte das Kastell diesen logistisch wichtigen Verkehrsweg im gallischen Hinterland. Im späten 4. oder frühen 5. Jahrhundert – vermutlich nach dem Zusammenbruch der Rheingrenze um das Jahr 406 n. Chr. – wurde die Einheit abgezogen und in das gallische Feldheer des Magister equitum Galliarum eingegliedert.
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Cotoriacenses, Cotoriacum In der ND wurde kein kommandierender Offizier für diese Truppe angegeben. Ihr Name leitet sich von ihrem Stationierungsort Cortoriacum[25], das heutige Kortrijk/Courtrai in Belgien (Flandern) ab. Der Ort war ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt und lag an der Straße von Cassel (bei Dünkirchen/Dunkerque) nach Tongern und wurde durch andere Straßen mit Tournai, Gent, Lille und Arras verbunden. Im späten 4. oder frühen 5. Jahrhundert – vermutlich 406 n. Chr. im Zuge der Reorganisation der westlichen Armee nach dem Zusammenbruch der Rheingrenze – wurden die Legionäre aus Cotoriacum abgezogen und in die gallische Feldarmee des Magister equitum Galliarum eingereiht.
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Prima Flavia, Metis (pseudocomitatenses) In der ND wurde kein kommandierender Offizier für die Truppe angegeben. A.H.M. Jones identifiziert Metis mit Divodurum Mediomatricum, die heutige Stadt Metz[26] in Lothringen, im Nordosten Frankreichs. Durch ihre Lage an der Kreuzung der Straßen nach Reims, Lyon, Trier, Straßburg und Mainz gelegen – entwickelte sich zu einer der größten Städte im römischen Gallien. In der Vita des Arnulf von Metz aus dem 10. Jahrhundert wird sie als Metis civitatis bezeichnet. Die Truppe scheint auch in der Liste der gallischen Feldarmee des Magister Equitum auf. „Pseudocomitatenses“ bedeutet, dass diese Legionäre eigentlich den stationären Grenztruppen (Limitanei) angehörten, nur bei Bedarf wurden sie - meist vorübergehend - in das mobile Feldheer eingereiht. Im Westen scheinen sie nur in der Notitia dignitatum auf. Es ist allerdings sehr wahrscheinlich, dass es schon früher zu Mobilisierungen solcher Kontingente (z. B. in Bürgerkriegen) kam. Nachzuweisen ist dies jedoch nicht, da die oft lange andauernden Einsätze in den Feldarmeen die Chance vergrößerten, zu regulären comitatenses „befördert“ zu werden. Man weiß, dass comitatenses nach Beendigung ihres Einsatzes wieder in den Status von pseudocomitatenses zurückversetzt wurden; der Historiker Ammianus Marcellinus berichtet auch von Einheiten, denen die Degradierung zu Limitanei angedroht wurde. Der Beiname „die erste flavische Legion“ deutet darauf hin, dass sie von einem Herrscher der flavischen Dynastie (entweder Constantius I. oder seinen Nachfolgern wie Konstantin I. oder Constantius II.) aufgestellt wurde. „Die erste Flavische...“ war im 4. Jahrhundert sehr häufig als Einheitsname in Gebrauch, z. B. die:
  • Prima Flavia Pacis, eine legio comitatenses unter dem Kommando des Comes Africae. Die
  • Prima Flavia Theodosiana, eine weitere legio comitatenses unter dem Kommando des Magister Militum per Orientum (Ostreich). Die
  • Prima Flavia gemina, eine legio comitatenses unter dem Magister Militum per Thracias (Ostreich). Die
  • Prima Flavia Augustae, eine Flotteneinheit unter dem Dux Pannoniae secundae. Die
  • Prima Flavia Raetorum eine Reitertruppe unter dem Dux Raetiae. Die
  • Prima Flavia Sapaudica, eine Kohorte die zwar in Gallien stationiert, aber nicht Teil der gallischen Feldarmee unter dem Magister Equitum war und die
  • Prima Flavia, eine Kohorte unter dem Befehl des Dux Palaestinae (Ostreich).
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Flotte

Die römische Flotte wurde unter Diocletian und Konstantin I. wieder verstärkt genutzt und zur Piratenabwehr, Truppenverlegung und Versorgungszwecken eingesetzt. Sie war besonders für die Versorgung mit Getreide aus Britannien wichtig. An den gallischen Küsten im Süden, Westen und Norden lagen Flottenkastelle, deren Besatzungen auf mehrere Kommandeure aufgeteilt waren. Die Stützpunkte im Süden bei Marseille[27], Vienne[28] oder Grenoble[29] standen unter dem direkten Befehl des magister peditum praesentalis, ein Stützpunkt lag im Norden bei Paris.[30] Die restlichen Marinebasen standen unter dem Kommando des dux Belgicae secundae.

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Classes
Praefectus classis Sambricae Eine Flottille von Patrouillenschiffen (naves iusoriae), die wahrscheinlich seit dem 4. Jahrhundert an der Sommemündung in den Ärmelkanal stationiert war. Ihre Stützpunkte lagen in Locus Quartensis oder Vicus ad Quantiam/Quentovicus[31] (Etaples-sur-Mer, Frankreich, nördlich der Sommemündung[32]) als Hauptquartier und die operative Basis der Classis Sambrica, Locus Hornensis (Cap Hornu, Saint-Valery-sur-Somme[33], Département Somme, Region Hauts-de-France).[34] Diese Stützpunkte lagen im Einzugsgebiet der Kastellkette an der britischen Sachsenküste. Aufgabe der Flottille war die Sicherung des Ärmelkanals und der Küste der Provinz Belgica II gegen Überfälle von Franken und Sachsen. Obwohl die Flottille an der Somme stationiert war, leitet sich der Beiname Sambricae höchstwahrscheinlich vom Fluss Sambre (antiker Name Sabis) oder einem damit verbundenen Grenzabschnitt ab.
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Laeti und Gentes

Laeti (Plural laetus) waren per Vertrag im Reich angesiedelte Bevölkerungsgruppen, die dafür als Gegenleistung Rom Soldaten stellen mussten. Ihre Angehörigen waren oft schon lange vorher im Imperiums ansässig. Sie waren also nicht nur rein „germanischen“ Ursprungs. Als Laetus galten seit dem Ende des 3. Jahrhunderts auch jene germanischen Volksgruppen, die nach ihrer – z. T. freiwilligen – Unterwerfung von Constantius Chlorus (293–306), in Nordgallien, vorwiegend auf Staatsland angesiedelt wurden. Sie standen damit ebenfalls im Rechtsstatus der Hörigkeit und mussten Kriegsdienst für Rom leisten.[35] Die römische Militärverwaltung unterschied sie auch nach ihrer ethnischen Herkunft. Der Begriff wurde auch für Einheiten unterschiedlicher Zusammensetzung verwendet. Diese rekrutierten sich aus gallo-römischen Provinzialen und höchstwahrscheinlich auch Flüchtlingen der Grenzprovinzen an Rhein und Donau, die aus ihrer ursprünglichen Heimat vertrieben worden waren. Sie galten nicht als Wehrbauern, sondern als reguläre Soldaten der Provinzarmee und waren damit auch den damals üblichen militärischen Regularien unterworfen. Laut einem Rescript aus dem Jahr 400 n. Chr. (das sich mit dem Problem der Wehrdienstverweigerung befasst) geht hervor, dass die Laeti dem erblichen Militärdienst unterlagen. Ihr Rechtsstatus scheint aber nicht dem der gentes im Westreich entsprochen zu haben – vielleicht standen sie auch rangmäßig über ihnen. Möglicherweise lieferten die Laeti-Siedlungen aber nicht nur Rekruten, sondern bildeten auch Soldaten aus. Auch nach Auflösung der weströmischen Armee und dem zunehmenden Erstarken der Franken im Laufe des 5. Jahrhunderts dürften ihre Siedlungen und Militärtradition noch eine lange Zeit weiterbestanden haben. Gregor von Tours, berichtet u. a. für das Jahr 560 von einem Aufstand der „Theifali“ in Poitiers (Pictavis).[36][37] Diese taifalischen gentes – unter dem praefectus Sarmatarum et Taifalorum gentilium – sind auch durch ihren Eintrag in der Notitia Dignitatum (Armee des Magister equitum Galliarum)[38] belegt.

Gens (lateinisch, wörtlich „[das] Geschlecht“; Plural: gentes) galt ursprünglich als Bezeichnung für eine Sippe oder Familienclans, später verstand man darunter im weiteren Sinne auch einen Stamm oder ein Volk mit gemeinsamer Abstammung. Für gentile Einheiten galt wohl dasselbe wie für die Laeten, nur dass sie, zumindest zum Zeitpunkt der Ansiedlung, aus noch nicht gänzlich befriedeten und integrierten Gemeinwesen bestanden. d. h. nicht als Teil des Reichsvolkes angesehen wurden. Wie aus einem amtlichen Dokument vom Ende des 4. Jahrhunderts hervorgeht[39], durften sie offenbar keine zwischenmenschlichen Kontakte mit den römischen Provinzialen pflegen.[40] Die Aufgebote der Sarmaten, Marcomannen und Sueven wurden in der Notitia stets mit dem Zusatz „gentilium“ eingetragen. Im Laterculus Veronensis, dass wahrscheinlich aus dem frühen 4. Jahrhundert stammt, werden alle Völker am Rande des Imperiums aufgezählt, wie z. B. Scoti, Marcomanni, Franci, Saxones, die Sarmaten und Sueven, aus denen die gentilen Einheiten in Gallien aufgestellt wurden.[41] Die Aufgebote der Laeti und Gentiles-standen unter dem direkten Befehl der Heermeister, dies könnte bedeuten, dass sie als eine Art staatliches Rekrutenreservoir dienten und die duces keinen uneingeschränkten Zugriff auf sie hatten.[42][43]

Besonders die Region im Nordosten Galliens - zwischen Tongern, Paris (Lutetia)[44] und Langres (Andemantunnum)[45] - war stark vom Militär geprägt. Alleine dort lagen vier Gentilen- und sechs Laeten-Siedlungen, wie auch vier militärische Produktionsstätten (fabricae).

  • Soissons: Schilde, Pferdepanzerung (vielleicht für die sarmatischen Panzerreiter) und Ballisten,
  • Reims: Schwerter,
  • Trier: Schilde, Ballisten und Textilien,
  • Amiens: Schwerter und Schilde.[46]
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Praefectus Sarmatarum gentilium, inter (zwischen) Renos et Tambianos provinciae Belgicae secundae[47] Der Präfekt eines Aufgebots sarmatischer Siedler. Sarmatische Gentes stellten gemäß ihrer langen Reitertradition wohl hauptsächlich berittene Verbände, wie z. B. Kataphrakten. Die Benennung ihres Zuständigkeitsbereich es wird in der Forschung mehrheitlich als Abschreibfehler des fränkischen Kopisten gesehen und heute als „inter Remos et Ambianos“ interpretiert, d. h. die Region zwischen dem nordfranzösischen Reims (Remi)[48] und dem Land der Ambiani mit ihrer Metropole Amiens (Samarobriva ).[49] Neben einer Brücke über die Somme kreuzten sich dort auch mehrere Römerstraßen.
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Praefectus laetorum Nerviorum, Fanomantis Der Präfekt eines Aufgebots von Laeten aus dem Volk der Nervier, die um die heutige Stadt Famars (F)[50] angesiedelt wurden. Die Nervier galten als gute Bogenschützen, vielleicht wurden nervische und trungrische laeti deswegen bevorzugt Bogenschützeneinheiten zugeteilt[51], wie z. B. die

die direkt dem magister peditum unterstanden. Ihr Garnisonsort war auch als Fanum Martis („Tempel des Mars“) bekannt und befand sich in Nordfrankreich, nahe Valenciennes[52]. Vom im 4. Jahrhundert n. Chr. erbauten Kastell Fanommantis wurden wohl die Straßen und schiffbaren Flüsse der Region überwacht. Der Ort war durch eine Römerstraße mit der Via Belgica von Bavay[53] (Bavacum) nach Tournai[54] (Turnacum) verbunden.[55] Die Kastellmauern waren wahrscheinlich mit bis zu zehn Türmen verstärkt.

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Praefectus laetorum Batavorum Nemetacensium, Atrabatis Der Präfekt eines Aufgebots von batavischen Laeten in Nemetacum, die in der Region um die heutige französische Stadt Arras (Nemetacensium), Département Pas-de-Calais, im Gebiet der Atrebati lebten.[56] Nemetacum, ab der Spätantike auch mit einer Stadtmauer befestigt, war der Hauptort des keltischen Volkes der Atrebaten.[57] Die Laeti waren vermutlich unter Constantius I. Chlorus aus der Batavia (Betuwe, Niederrheingebiet mit unterer Maas) dorthin umgesiedelt worden. Vermutlich hatte auch der aus der Historia Francorum Gregor von Tours bekannte merovingische Kleinkönig Chararich seine Residenz in Atrabatis aufgeschlagen.
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Praefectus laetorum Batavorum Contraginnensium, Noviomago Der Präfekt eines Aufgebots von batavischen Laeten, die um die heutige französische Stadt Noyon (Noviomagus Veromanduorum, die Stadt der Viromanduer)angesiedelt wurden.[58] „Contraginnensium“ bezieht sich vermutlich auf eine Bevölkerungsgruppe oder Herkunftsregion (eventuell auch ihr früherer Stationierungsort).
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Praefectus laetorum gentilium [Suevorum] in Remo et Silvanectas Der Präfekt der Aufgebote von Laeten und Gentes, die in der Region um die heutige Stadt Reims und im Land der Silvanekter mit ihrer Metropole Senlis (Augustomagus) (F) ansässig waren.[59] Der Stammesname in eckigen Klammern deutet darauf hin, dass der Originaltext der Notitia an dieser Stelle entweder durch Rekonstruktion oder Textvergleich mit Suevorum ergänzt wurde, da dort wohl nur laetorum gentilium stand, bzw. entziffert werden konnte. Im 3. Jahrhundert avancierte Augustomagus zur Garnisonsstadt und wurde mit einer Stadtmauer umgeben. Ihre Besatzungstruppe stammte ursprünglich vom germanischen Volk der Sueben ab. Sie wurden wohl ebenfalls während des 4. Jahrhunderts in dieser Region angesiedelt, um die dortigen, vermutlich weitgehend entvölkerte Gebiete für Rom wieder wirtschaftlich nutzbar zu machen und gleichzeitig deren Verteidigung zu stärken. In der Forschung geht man heute davon aus, dass mit „laetorum gentilium Suevorum“ in Wirklichkeit zwei Einheiten gemeint waren,
  • laeti Suevi und
  • gentiles Suevi,

die aber unter dem Befehl eines gemeinsamen Präfekten standen. Während die in der Notitia aufgelisteten germanischen Verbände meist nach ihren Stationierungsorten benannt sind, bestanden die hier angesiedelten Sueben wohl weiterhin auf ihre ethnische Bezeichnung, was auf einen tief verwurzelten Stolz auf ihre germanische Identität hindeutet.[60]

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Literatur

  • Arnold Hugh Martin Jones: The Later Roman Empire, 284–602. A Social, Economic and Administrative Survey. 2 Bände. Johns Hopkins University Press, Baltimore 1986, ISBN 0-8018-3285-3 (Paperback-Ausgabe).
  • Heinrich Beck u. a. (Hrsg.): Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Band 18. de Gruyter, Berlin-New York 2001, ISBN 3-11-016950-9, S. 524.
  • Dieter Geuenich (Hrsg.): Die Franken und die Alemannen bis zur „Schlacht bei Zülpich“ (496/97). Walter de Gruyter, Berlin 1998, ISBN 3-11-015826-4, S. 97–98.
  • Stephen Johnson: The Roman Forts of the Saxon Shore, 1976 und J. C. Mann, in V. A. Maxfield (Hrsg.): The Saxon Shore, 1989, S. 45–77.
  • Stefanie Dick: Königtum, Barbaren auf dem Thron in: Spektrum der Wissenschaft Spezial/Archäologie – Geschichte – Kultur, Nr. 1/2015, S. 26ff
  • Eugen Ewig: Die Merowinger und das Frankenreich, 5. aktualisierte Auflage, Stuttgart 2006, S. 17.
  • Karen Ramsey Dixon, Pat Southern: The Late Roman Army, Batsford, London 1996, S. 60, ISBN 978-0-300-06843-6.
  • Hans D. L. Viereck: Die Römische Flotte, Classis Romana. Köhlers Verlagsgesellschaft mbH, Hamburg 1996, S. 258. ISBN 3-930656-33-7.
  • Edith Mary Wightman: Gallia Belgica, University of California Press, Los Angeles 1985.
  • Peter Salway: History of Roman Britain, Oxford History of England, Oxford Paperbacks 2001.
  • Michael S. DuBois: Auxillae: A Compendium of Non-Legionary Units of the Roman Empire. Lulu Press 2015, ISBN 978-1-329-63758-0.
  • C. J. Simpson: Laeti in the Notitia Dignitatum. "Regular" Soldiers vs. "Soldier-Farmers". Artikel im Revue belge de Philologie et d'Histoire, 1988. PDF

Einzelnachweise und Anmerkungen

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