Johann Gaudenz von Salis-Seewis

Schweizer Lyriker und Generalstabschef From Wikipedia, the free encyclopedia

Johann Gaudenz Gubert (Freiherr, ab 1815 Comte) von Salis-Seewis[1] (* 26. Dezember[2] 1762 in Malans; † 29. Januar 1834 ebendort) wurde als «namhaftester Schweizer Lyriker vor Gottfried Keller» bezeichnet.[3] Obwohl er dem einflussreichsten Adelsgeschlecht des Freistaats der Drei Bünde angehörte, begeisterte er sich als Offizier in französischen Diensten für die Ideale der Revolution. Nach Hause zurückgekehrt, gehörte er der regimekritischen Partei der Patrioten an, setzte sich aber nicht genügend für die Befreiung des Untertanengebiets Veltlin ein. Andererseits betrieb er den Beitritt seiner Heimat zur Helvetischen Republik, als deren Generalstabschef er im Frühjahr 1799 zugleich Oberbefehlshaber der Armee war.[4] Danach bekleidete er Ämter in Politik und Justiz des revolutionären Einheitsstaats wie auch Graubündens, das vom helvetischen Kanton Rhätien zum Stand der von Bonaparte mediatisierten Eidgenossenschaft wurde.

Johann Gaudenz von Salis-Seewis, Edme Quenedey (Physionotrace, um 1790)

Drei Bünde (1762–1778)

Malans gehörte zur Herrschaft Maienfeld. Diese war – was die verworrenen Rechtsverhältnisse des Ancien Régime widerspiegelt – Untertanengebiet der Drei Bünde, im Gegensatz zum Veltlin gleichzeitig aber auch Teil der herrschenden Lande, genauer gesagt des Zehngerichtenbundes. (Auf den Bundstagen, die alternierend in Ilanz, Chur und Davos stattfanden, besass der Obere oder Graue Bund 27, der Gotteshausbund 22 und der Zehngerichtenbund 14 Stimmen.)

Die Salis-Seewis, einer der zehn Zweige des konservativen Salis-Clans,[5] gehörten wie dessen überwiegende Mehrheit der evangelisch-reformierten Landeskirche des nicht nur sprachlich, sondern auch konfessionell gemischten Freistaats an. 1588 waren sie von Kaiser Ferdinand I. in den Freiherrenstand erhoben worden.

Vater von Johann Gaudenz (im Folgenden «Salis» genannt) war Johann Ulrich (1740–1815),[6] Sohn von Johann Gaudenz Dietegen (1708–1777)[7] und Anna Katharina Cleric (1709–1793).[8] Die Eltern der Mutter Jacobea von Salis-Bothmar (1741–1791), Gubert Abraham (1704–1766) und Jacobea von Buol (1700–1764), starben beide schon in der frühen Kindheit des Enkels.

Vater Johann Ulrich Comte de Salis Sevis, anonym

In der väterlichen wie der mütterlichen Familie gab es einen General: Der bei Fontenoy gefallene Grossonkel der Mutter Anton Rudolf Freiherr von Salis (1688–1745) war französischer Brigadier (Ein-Stern-General).[9] Der Vater erbte von seinem Bruder Herkules (1734–1774), der es ebenfalls zum französischen Brigadier gebracht hatte,[10] die Schlösser Seewis und Flims (Oberer oder Grauer Bund) sowie Güter in Bergün (Gotteshausbund), St. Margrethen (Fürstabtei St. Gallen) und Meilen (Kanton Zürich), was ihn zum wohlhabendsten Bündner gemacht haben soll.[11] Grossvater und Vater waren Inhaber einer Kompanie des französischen Régiment des Gardes Suisses et Grisons.

In der Heimat war der Grossvater 1734/35 und 1750/51 Bundslandammann des Zehngerichtenbundes sowie jahrzehntelang Oberhaupt der französischen Partei, bis Ludwig XV. 1768 Ulysses von Salis-Marschlins zu seinem dortigen Geschäftsträger ernannte.[12] Der Vater bekleidete 1761–1763 das Amt des Landvogts in Maienfeld, 1766/67, 1782/83 sowie 1792/93 des Bundslandammanns des Zehngerichtenbundes und 1787–1789 des Landeshauptmanns im Veltlin mit Sitz in Sondrio. 1776 verlieh ihm Ludwig XVI. den Titel Comte, den Salis als ältester Sohn erbte. 1792–1797 war der Vater Korrespondent des französischen Botschafters in der Eidgenossenschaft, Barthélemy.

Der Grossvater mütterlicherseits war 1725 Landvogt in Maienfeld, 1744/45 Bundslandammann des Zehngerichtenbundes sowie 1749–1751 Podestà in Morbegno.[13] Die Mutter brachte als Letzte ihres Geschlechts – einer ihrer Brüder war im Duell gefallen, der andere schwermütig geworden[14] – Schloss Bothmar in Malans in die Ehe ein, wohin der Vater nach der Heirat aus dem Stammschloss in Seewis im Prättigau übersiedelte. Die sensible Seele des «weichen phantasievollen Knaben» Johann Gaudenz war laut Adolf Frey[15] von der Mutter geprägt.[16]

Salis hatte sechs Geschwister, denen der Vater nur eine Heirat innerhalb des Clans gestattete:

  • Jacobea (1765–1850), ∞ Vincenz von Salis-Sils (1760–1832), 1803, 1806 und 1810 Regierungsrat[17], Teilnehmer an der Krönung Napoleons und am Wiener Kongress
  • Gubert Abraham Dietegen (1767–1840), ∞ Perpetua von Salis-Soglio (1771–1845), 1788 Unterleutnant im französischen Regiment Salis-Samaden,[18] später Oberstleutnant
  • Katharina (1768–1845), ∞ Daniel von Salis-Soglio (1765–1832), Unternehmer, Stadtrichter in Chur, Teilnehmer am Wiener Kongress
  • Herkules Dietegen (1770–1847), ∞ Perpetua von Salis-Soglio († 1825), 1789–1791 Podestà in Piuro[19]
  • Anna Paula (1773–1740), ∞ Karl Ulysses von Salis-Marschlins (1760–1818), Italienreisender, Schriftsteller
  • Johann Ulrich Dietegen (1777–1817),[20] infolge eines Badeunfalls in der Plessur halbseitig gelähmt und unverheiratet, Historiker, Präsident der Ökonomischen Gesellschaft von Graubünden[21]

Salis wuchs im Marktflecken Malans und in der Kleinstadt Chur auf. Im Bergdorf Seewis wurde er von der Grossmutter verwöhnt. Von seinen Privatlehrern Conradi, Schulze und Heinrich Ludwig Lehmann dürften die beiden erstgenannten Deutsche gewesen sein.[22] Vom 14. Jahr bis zum 31. Geburtstag, an dem er heiratete, führte Salis mehr oder weniger ausführlich Tagebuch.[23] Der Religionsunterricht beim Seewiser Pfarrer, Dekan Anton Zanuck, war ihm «nicht immer angenehm».[24] Den letzten Schliff erhielt er 1778/79 zusammen mit Schweizern, Deutschen, Franzosen, Holländern und Engländern in der Pension Bugnon in Lausanne.[25] (Die Nachricht, Salis sei wie seine beiden nächstjüngeren Brüder Schüler der École militaire des blinden Dichters Pfeffel in Colmar gewesen,[26] beruht auf einem Irrtum.[27])

Seine Jugendfreundin Barbara Laurer (1763–1796), deren Vater später Churer Stadtvogt wurde, heiratete zu seinem Leidwesen 1787 den späteren Stadtschreiber Schwarz.[28] In Lausanne verliebte der Fünfzehnjährige sich in die neunzehnjährige Marianne Porta, der er ein verschollenes Drama widmete und die ihrerseits für den amerikanischen Freiheitshelden Washington schwärmte.[29]

Königreich Frankreich (1779–1792)

Salis mit Genius, Johann Rudolf Schellenberg (Radierung, zwischen 1790 und 1806?)

Mit sechzehn wurde Salis 1779 bei der Schweizergarde in Paris Fähnrich im Offiziersrang.[30] Anfangs betreute ihn dort wie in Lausanne der in der Herrnhuter Brüdergemeine in Niesky (Sachsen) ausgebildete,[31] laut Salis «edle, gutherzige, geschickte und fromme» Theologe Gottlob Friedrich Hilmer (1756–1835) als Hofmeister.[32] Salis brachte es in der Garde nicht zum Hauptmann, wie immer wieder zu lesen ist,[33] sondern erst nach sieben Jahren zum Unterleutnant (erster Unterleutnant der Generalskompanie).[34] Die Richtigkeit der Nachricht, dass «der geistvolle junge Mann bei der unglücklichen Königin Marie Antoinette ausgezeichnete Gunst genoß»,[35] ist «durch keine Silbe des Dichters zu erweisen».[36]

Über sein Verhältnis zu Paris schrieb sein Dichterkollege und Freund Friedrich Matthisson (1761–1831):[37] «[…] die Schimmerscenen der üppigen Hauptstadt und des glänzenden Hofes hatten für ihn höchstens den flüchtigen Reiz einer Feenoper; die feine Welt, die sonst dem Neuling in zauberischem Helldunkel zu erscheinen pflegt, zog seine Blicke kaum so lange an, als nöthig war, um […] auch dies Kapitel des Buchs der Menschheit im Original zu lesen.»[38]

Lyriker (1781 ff.)

1780 begann Salis Gedichte bzw. Liedtexte in deutscher Sprache zu verfassen.[39] Erhalten haben sich ca. hundert, die laut Rose Friedmann «oft von wahrer und tiefer Empfindung erfüllt, oft anmutig und herzlich» sind. Zwar nehmen sie in der Literaturgeschichte keinen bedeutenden Platz ein, doch wurden sie zur Zeit der Veröffentlichung von Friedmanns Dissertation über ihre Entstehungsgeschichte (1907) noch immer gelesen und gesungen.[40]

Salis frequentierte in Paris das Cabinet de littérature allemande von Adrian Christian Friedel, mit dem er sich befreundete.[41] Christian Erni äusserte die Vermutung, jener habe ihn auf die schweizerischen und deutschen Almanache aufmerksam gemacht, in denen er seine Gedichte veröffentlichte.[42] Salis selbst fand diese einmal von der Allgemeinen Literatur-Zeitung[43] «weit über ihren Werth erhoben»[44] und bestritt lebenslang, den «Dichter-Namen im strengeren Sinne des Wortes» zu verdienen.[45]

Anregungen empfangen haben soll er von Young, Thompson, Haller, Ewald von Kleist, Gray,[46] Klopstock, Gessner, Hölty, Goethe, Schiller und dem erwähnten Matthisson. Letzterer schrieb über Salis: «[…] abgeschieden von deutschem Umgange, hat der Dichter mit der Sprache gerungen, wie Winckelmann und Haller, und gleich ihnen dadurch an Kraftfülle des Ausdrucks gewonnen.»[47] Von Matthisson unterscheidet den Bündner gemäss Frey ein schlichter, «von Manier fast gänzlich freier Ausdruck».[48] Die französische Literatur vermittelte ihm laut Alfred Rufer[49] «ausgeprägten Sinn für Einfachheit, Eleganz, Klarheit und Präzision der Ausdrucksweise».[50] Im Gegensatz zu Roeder[51] schrieb Frey dem französischen Gessner-Epigonen Florian keinen nennenswerten Einfluss auf Salis zu.[52] Gemäss Rémy Charbon fand dieser «einen eigenen, meist etwas melancholischen, gelegentlich auch patriotisch-enthusiastischen Ton». Als seine hauptsächlichen Sujets bezeichnete er «die heimatliche Landschaft, die Liebe zu seiner (späteren) Gattin und die Vergänglichkeit alles Irdischen».[53]

Was die Verbreitung seiner Lyrik betrifft, schrieb Matthisson, in der Deutschschweiz sei Salis neben Haller und Gessner als vaterländischer Dichter «allbekannt und allgelesen».[54] Bewunderung zollten seiner Dichtkunst gemäss Humm unter anderen Klopstock, Voss, Wieland, Schiller, Meyer, Keller, Hofmannsthal und Rilke.[55]

Das 1782 verfasste, 1799 von Reichardt vertonte Herbstlied gilt heute als Volkslied. Es schildert – aus der Perspektive des 20-jährigen Gutsbesitzerssohnes – in Sechszeilern die Zeit der Weinlese in der Herrschaft Maienfeld:

«1. Bunt sind schon die Wälder;
Gelb die Stoppelfelder,
Und der Herbst beginnt.
Rothe Blätter fallen,
Graue Nebel wallen,
Kühler weht der Wind.

2. Wie die volle Traube,
Aus dem Rebenlaube,
Purpurfarbig stralt!
Am Geländer reifen
Pfirsiche mit Streifen
Roth und weiss bemalt.

3. Sieh! wie hier die Dirne[56]
Emsig Pflaum’ und Birne
In ihr Körbchen legt!
Dort, mit leichten Schritten,
Jene, goldne Quitten
In den Landhof trägt!

4. Flinke Träger springen,
Und die Mädchen singen,
Alles jubelt froh!
Bunte Bänder schweben,
Zwischen hohen Reben,
Auf dem Hut von Stroh!

5. Geige tönt und Flöte
Bei der Abendröthe
Und im Mondenglanz;
Junge Winzerinnen
Winken und beginnen
Deutschen Ringeltanz.»[57]

(In der Erstfassung hatte das Gedicht noch zwei weitere, allzu erotische bzw. sententiöse Strophen.[58])

Vielleicht von Merciers Tableau de Paris inspiriert, das von der Société typographique de Neuchâtel gedruckt wurde,[59] konfrontiert die Elegie An mein Vaterland (1785) das idyllisierte Bünden mit Frankreichs Hauptstadt, ihrem Lärm, ihrem Verkehrschaos, ihrem Luxus und ihrer Luftverschmutzung. In der Erstfassung heisst es – mit 17 «aktivischen» Präsenspartizipien in 9 Distichen – nach Reminiszenzen des Dichters an die Heimat:

«[…] Aber – die Täuschung zerschmilzt;[60] von deinen hebenden Schwingen,
    Gaukelnde Fantasie, stürz’ ich in luftiges Nichts!
Langsam flatternd, sinkt so der heimatzu streichende Kranich,[61]
    Wenn das quetschende Bley plötzlich den Fittig ihm lähmt.
Schon erweckt mich das Donnergetöse der spritzenden Räder,
    Und des raschen Gespanns schlagender klappernder Huff;
Der geschwungenen Geißel Knall, des treibenden Fuhrmanns
    Wilder drohender Fluch; heischerer Krämer Geschrey;
Und des gierigen Pöbels Gewühl um den faulenden Fischmarkt,
    Oder die triefende Bank, blutiger Metzger gedrängt.
Ha! mich umschlingen weit Lutetiens kreutzende Gassen:
    Mancher Zauberpallaß, voll des Goldes und Grams!
Wo der wolkichte Staub, umdüsternd brütende Dünste,
    Stockender Niederung Duft, und der gekräuselte Rauch
Ewig die thürmenden Giebel in bläuliche Nebel verhüllen,
    Welche mit stumpferem Strahl mühsam die Sonne durchwühlt.
Lebet nun wohl, ihr blühenden Thäler, ihr waldigten Berge;
    Fernher tönet mein Lied Seegen und Frieden euch zu! […]»[62]

Von den 64 immer wieder umgearbeiteten und ergänzten Gedichten der Ausgabe letzter Hand entstanden 36 im Zeitraum von 1780 bis 1792 und je 14 von 1793 bis 1799 bzw. von 1800 bis 1821.[63] Es existieren über 400 Vertonungen einer Vielzahl von Komponisten, allen voran Schubert. Allein von dem «literarisch-musikalischen Bestseller» Das Grab (1783) fand Weinmann 43 Kompositionen.[64] Er endet mit den Worten:

«[…] Das arme Herz, hienieden
Von manchem Sturm bewegt,
Erlangt den wahren Frieden
Nur wo es nicht mehr schlägt.»[65]

(Salis glaubte an die Unsterblichkeit der Seele, spottete aber über Bigotterie und sinnentleerten Gottesdienst.[66] 1787 kaufte er die Pensées von Pascal, die seine Einstellung zur Religion beeinflussten.[67])

Die adligen Offiziere erhielten alljährlich lange Urlaube, in denen Salis meist in die Heimat zurückkehrte. Dort wurde der Theologe Heinrich Bansi (1754–1835) sein Mentor. Mit diesem späteren Revolutionär und französischen Geheimagenten begann er 1783 zu korrespondieren.[68]

Titelkupfer einer Wiener Ausgabe der Gedichte, Johann Blaschke (1815)

Über Sophie von La Roche (1730–1807), die Salis 1785 in Paris kennenlernte, schrieb er Bansi: «Warmes Gefühl für Tugend und Natur, Kenntnisse in allen Fächern der Litteratur und philosophischer Scharfsinn unterscheiden sie gänzlich von den eitlen, gefallsüchtigen Putzpuppen, die von nichts als faden französischen Romanen Kopf und Herz angefüllt haben.» Das Gefallen war gegenseitig: In ihrem 1787 veröffentlichten Reisetagebuch nannte ihn die Schriftstellerin «einen der edelsten jungen Männer, welche ich je sah; Sitten, Geist und Grundsätze vortrefflich. Er wohnt am äussersten Ende des schönen Dorfs Chaillot,[69] um von dem Getümmel in Paris und Versailles gleichweit entfernt zu seyn, und nach der Schweizer angebohrnen Liebe für die Natur, eine schöne Aussicht auf Gottes Boden zu geniessen, wo er Stoff zu artigen Gedichten, voll der edelsten Gefühle, sammelt.» Laut der Verfasserin empfindsamer Romane war Salis «zugleich eine der schönsten Mannspersonen».[70] (Nach einem Pass von 1802 war er brünett[71] und 5 Fuss 6 Zoll = nach Pariser Mass 1,79 m gross.[72])

1786 wurde er in die Freimaurerloge La Bienfaisance aufgenommen.[73] Die Welt der Aufklärung lernte er beim Zürcher Kaufmann Johann Caspar Schweizer[74] kennen, der mit Bansi befreundet war und dessen älteste Tochter Barbara[75] adoptiert hatte. Schweizer übersiedelte im erwähnten Jahr nach Paris, wurde dort mit Mirabeau bekannt und trat später dem Jakobinerklub bei. Einen grossen Einfluss übten auf Salis die Werke Rousseaus aus, zu dessen Grab in Ermenonville er damals pilgerte.[76]

Hauptmann (1786–1793)

Modell der Zitadelle von Arras, wo das Regiment Salis-Samaden 1786–1789 stationiert war

Weil Salis keine Aussicht auf das Kommando der Erbkompanie der Salis-Seewis hatte,[77] wurde er auf den 25. August 1786, unter Beibehaltung seiner Bezüge in der Garde, kommandierender Hauptmann[78] der Oberstenkompanie im Regiment Salis-Samaden.[79] (Neben den Cent-Suisses und der Schweizergarde stellten die Eidgenossenschaft und ihre Verbündeten dem König elf Regimenter Linieninfanterie. Dies obwohl die entsprechenden Kapitulationen 1789 abgelaufen waren.[80] Hauptaufgabe der Schweizer war die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung, oft fungierten sie als Marktpolizei.[81] Wichtigstes Rekrutierungsgebiet war Bünden, das 19 von 176 Kompanien stellte.[82])

Das Regiment Salis-Samaden, dessen greiser Inhaber[83] in der Heimat lebte und dessen Mannschaft 1789 nur noch zu drei Vierteln aus dem Gebiet des Corps helvétique stammte,[84] war in der nordfranzösischen Grenzfestung Arras stationiert. Von den Offizieren unterstützten neben Salis die Hauptleute Buxtorf, Burckhardt und Joseph Ignaz von Flüe sowie Leutnant Remi(gius) Frey die Revolution. Nachdem Letzterer 1791 in seiner Heimatstadt Basel geheiratet hatte, blieb er mit Salis durch Briefwechsel verbunden. Wie Frey waren auch dessen Landsleute Buxtorf und Burckhardt mit dem späteren Autor der helvetischen Verfassung und Mitglied des helvetischen Direktoriums Peter Ochs befreundet, den Frey Anfangs 1798 als Deputierter seiner Heimatstadt in Paris ablöste.[85] Der Obwaldner von Flüe bekleidete in der Helvetik hohe Ämter und war 1799 Regierungskommissär im Hauptquartier des französischen Oberkommandierenden Massena. Der Freimaurerloge von Arras fehlte es an Niveau.[86]

Die wohl in Arras entstandene Elegie an die Ruhe (1786) stellt das Gutsbesitzerleben in der Heimat dem Garnisonsdienst gegenüber:

«Wie nach dem röthenden Abend die Schnittermädchen sich sehnen,
    Also sehnt sich mein Herz, ländliche Ruhe, nach dir. […]
Aber was lullst du mich ein in Zauberschlummer der Täuschung,
    Nichtige Phantasie? Selten, ach! selten gedeiht
Deine Blüthe zur Frucht! Mir ruft die wirbelnde Trommel,
    Und der Kanonen Zug klirrt durch die Wölbung des Thors,
Bayonette blitzen in langen, starrenden Reihen,
    Hoch vom Flattergeräusch farbiger Fahnen umweht. […]
Ruhe, dich lieb’ ich umsonst! Ich flieh’ und wende die Blicke;
    Nur noch ein Seufzer entschlüpft mir in betäubendem Lärm,
Wie der entführten Braut im Arme des siegenden Jünglings,
    Wenn sie an’s heimische Haus zärtlicher Ältern gedenkt.»[87]

Berenice (1787 ff.)

Sophie von La Roche nannte Salis «einen Mann, der von früher Jugend in Frankreich im Militär oder am Hofe in tausend verführerischen Lagen war,[88] mit diesem Feuer, mit dieser Gestalt, der dennoch unverdorben blieb und mit der höchsten männlichen Schönheit die größte moralische Vollkommenheit vereinigte».[89]

In Heinrich und Mariechen, ein ländliches Gedicht[90] schilderte er das Schicksal eines Mädchens, das von seinem Geliebten verlassen wird. In Arras ging er keine Liebesbeziehung ein, und zwar nicht nur, weil er das «schöne Geschlecht» dort grösstenteils nicht schön fand.[91] Nur einmal gab ihm «die sanfteste griechische Bildung, der schlankeste Wuchs, ein Auge voll jungfräulichen Unschuld-Sinns und Milde […] einige Tage ein leichtes Seelenfieber».[92]

Bansi gestand er: «[…] sey es nun Furcht schief beurtheilt zu werden, schüchterne Zurückhaltung, Abneigung vom süßthuenden Geziere, oder nöthig angenommene Kälte, – Ich darf und kann mich fast keinem Weib offen zeigen […].» Und in einem anderen Brief: «Ein Weib zur Freundin haben, muß für den ders kann und darf ein Himmel seyn. – Ich dürfte es nicht, wie sehr ich auch fühle, daß ihr sanftes [Wesen] meinen Menschenfeindlichen (nicht Menschenfeindlichen; Ich haße dieses Wort und war es Gottlob nie! aber Menschenscheuen) Anfällen heilsam seyn würde; Ich dürfte es nicht – denn ich fühle zu tief, und meine Seele haftet zu sehr auf einem Punkt, um nicht immer [nach einer] Verbindung zu streben.»[93]

Von den Bündnerinnen seines Standes schrieb Salis, dass man sie «unbarmherzig verhunzt und entweder in fremden Verziehungsanstalten zu Pietistischen Statuen versteinern läßt, oder zu krittelnden Schwätzerinnen zu Hause bildet».[94]

Ursina von Salis-Seewis, geb. von Pestalozzi, Carl August Richter (Zeichnung, um 1797)

Eine Ausnahme war offenbar Ursina, genannt Sina von Pestalozzi (1771–1835), in die er sich Ende 1787 in Malans verliebte.[95] Die Tochter des ehemaligen piemontesischen Oberstleutnants Johann Jakob von Pestalozzi (1733–1814) und der Margaretha Dorothea von Albertini († 1815)[96] kam von einem siebenjährigen Aufenthalt im Herrnhuter Töchterinstitut Montmirail im preussischen Fürstentum Neuenburg zurück, der ihr nicht geschadet zu haben scheint.[97]

Salis nannte sie Berenice, gemäss Frey weil ihn ihr blondes Haar an das zum Sternbild erhobene dieser antiken Königin erinnerte.[98] Im 1792 veröffentlichten Gedicht Berenice schrieb er:

«[…] Ihr schönes Haar, wie sichs mit weichem Wallen
      In lose Ringel schlingt,
Und der Natur aus ofner Hand entfallen,
      Auf ihren Gürtel sinkt! […]»[99]

Im Gegensatz zu Frey sah Erni den Grund für die Wahl des Namens Berenice darin, dass Ursina das Schicksal der Heldin von Racines gleichnamiger Tragödie drohte, die Titus aus Gründen der Staatsräson nicht heiraten kann.[100] Denn in den Augen des Vaters war sie keine ebenbürtige Partie für den Stammhalter.

Beim nächsten Urlaub Ende 1788 musste Salis Pestalozzi mitteilen, dass er auf die Hand der Geliebten verzichte. Ins Tagebuch schrieb er: «Meine Seele war erschüttert, ob ich gleich kalt und gelassen zu sein suchte. Abends schrieb ich einen Brief an Sina, nahm Abschied und holte ihr Porträt [von mir] zurück; das Losreissen kostete mich Kraft.»[101] Ursina erklärte er auf Französisch (damit es vom Personal nicht verstanden werden konnte): «Mes parents; mon métier de militaire, les circonstances; enfin des plus fortes raisons – que je ne puis vous dire, me retiennent de toutte liaison. […] Accusez le sort et le destin; accusez ceux, que je nomme point, mais ne m’accusez point.»[102] Ursina aber war entschlossener und antwortete: «[…] Sie sagen, ein andrer soll mich glücklich machen, nein, das soll niemals geschehen, nicht wahr, ich kann ja unschuldig seyn und Sie doch lieben, biß ich nicht mehr bin … aber vergessen, ach daß kann ich Sie nicht […]» Seinem Basler Freund Remi Frey klagte Salis: «[…] was ist das Leben ohne die Beunruhigung der Liebe? […] O das Geld, das Herzen trennet, die füreinander geboren wären!» Vergeblich bewarb er sich um eine einträglichere piemontesische Hauptmannsstelle. Schließlich gestand er Ursina in einem (vermeintlichen) Abschiedsbrief: «Oh, wie so manche Stunde Ihres Umganges versagte ich mir – oh, oh wie so sehr that ich meiner Seele Gewalt an, nicht mit Ihnen vertrauter zu werden – Sie nicht ein einziges Mal (darf ich’s sagen) an mein Herz zu drücken!»[103]

Sturm auf die Bastille (1789)

Auf dem Rückweg nach Frankreich liess Salis sich 1789 in Olten in die gemässigt regimekritische Helvetische Gesellschaft aufnehmen.[104]

Am 1. Juni traf er in Paris ein, wohin das Regiment Salis-Samaden zum Ordnungsdienst verlegt worden war. Nachdem sich die Abgeordneten des Dritten Standes in den Generalständen am 17. zur Nationalversammlung erklärt hatten, stand der Dichter im Brennpunkt des Geschehens, wovon sein Tagebuch Zeugnis ablegt.[105] «[Am] 25.», notierte er, «bekamen wir Kanonen mit Munition und Kugeln […].» Am 30.: «[…] man theilte scharfe Patronen aus und wir brachen auf. Mit muthiger Entschlossenheit zog ich der vermutheten so widrigen als gefährlichen expedition entgegen; (das Volk stand betäubt. Der Mond schien etwas düster feyerlich). es kam aber, als wir kaum eine Viertelstunde marschirt hatten, contreordre [Gegenbefehl] […].»[106]

Zum vollen Ausbruch brachten den Aufstand am 12. Juli die Nachricht von der Absetzung Neckers als Directeur général des finances[107] und Kavallerieattacken auf meuternde Gardes françaises vor dem Tuilerien-Palast.[108] Während der Kornpreis in Frankreich ein Allzeithoch erreichte,[109] drang das Volk am Quatorze Juillet ins Hôtel des Invalides ein und erbeutete 40'000 Gewehre. Laut Salis schätzte man die Zahl der Bewaffneten auf 60'000. Er schrieb: «An diesem Tage ward durch Mord, Brand und alle Gräuel des fürchterlichen Aufruhrs die Stadt und die Nation gebrandmarkt […]. Die Bastille wurde erobert, drin war auch ein detachement von unserem Regiment. Die Commandanten wurden enthauptet, unser commandirender offizier, Louis von der Flüe soll … aufgehängt worden sein.»[110]

Reichard wollte von Salis gehört haben, Ludwig von Flüe sei «sein Lieutenant» gewesen. Während dieser mit 30 Mann die aus Invaliden bestehende Besatzung der Bastille unterstützte, habe Salis mit dem »Rest der Kompanie» an der Drehbrücke zwischen der Place Louis XV und dem Jardin des Tuileries gestanden.[111] In Wirklichkeit hatte das Regiment Salis-Samaden die heutige Place de la Concorde nur in der Nacht vom 12. auf den 13. einige Stunden lang besetzt gehalten.[112]

Im Gegensatz zur Mehrzahl ihrer aristokratischen Offiziere waren die Schweizer Söldner für die Forderung der Revolutionäre nach Demokratie keineswegs unempfänglich. Nach dem Fall der Bastille traten 350 Gardes-Suisses zur Bürgerwehr über.[113] Ludwig XVI. befahl den Truppen, Paris zu räumen. Gemäss Salis war es seine Kompanie, an deren Spitze die Generäle Narbonne-Fritzlar[114] und Besenval,[115] «sehr verlegen» zu Fuss marschierend, den nächtlichen Rückzug der Regimenter Salis-Samaden, Diesbach, Lullin de Châteauvieux und Rheinach sowie von Kavallerieeinheiten vom Marsfeld nach Sèvres anführten.[116]

Dass Salis tags darauf die dortige Porzellanmanufaktur besichtigte,[117] deutet darauf hin, dass ihn das Schicksal Ludwig von Flües nicht besonders beschäftigte.[118] Reichards Mutmassung, die Französische Revolution hätte nicht stattgefunden, wenn die Verteidigung der Bastille Salis anvertraut worden wäre,[119] entbehrt jeder Grundlage, auch wenn der Dichter am 16. ins Tagebuch schrieb: «Ich stand die Mühseligkeiten leicht aus; meine Heiterkeit und Festigkeit wuchs in der Gefahr. Ich habe alle Ursache mich für den Krieg tüchtiger und fähig zu halten, mehr als ich mir selbst zutraute.»[120]

Als der König sich am 17. die dreifarbene Kokarde der Revolution an den Hut steckte,[121] sollte das Regiment nach Arras zurückkehren (wohin die Stadt Paris sein Gepäck sandte). Stattdessen wurde es vom 18. an in Pontoise zurückgehalten, um Getreidetransporte zur Versorgung der Hauptstadt zu sichern. Tags darauf notierte Salis: «Streifende Horden von Bösewichtern […] beunruhigten die Gegend […] plünderten, enthaupteten und marterten [folterten] die Leute bey denen sie überflüssiges Korn fanden […]. Seit 3 Tagen verlor ich 6 Mann durch desertion, das Regiment mehr als 100 […].»[122]

Zwischen Beschreibungen der durchgemachten Strapazen und des Zusammenbruchs der öffentlichen Ordnung finden sich im Tagebuch immer wieder Naturschilderungen in rhythmisierter Prosa wie Bruchstücke ungeschriebener Gedichte. So am 26., anlässlich eines erfolglosen Einsatzes in Mantes: «Der Abend war schön; von der Brücke […] bewunderte ich mit Frei [Frey] den herrlichen Lauf der Seine, deren Weidenufer und stillhergleitende Flut von einem röthlichen Schlaglicht der untergehenden Sonne sanft verklärt war.»[123]

Am 4. August musste das Regiment zur Bekämpfung von Unruhen in Eilmärschen nach Rouen aufbrechen.[124] Wie sich die Schweizer fühlten, schrieb Salis an jenem Tag dem mit Schiller befreundeten württembergischen Hofarchitekten Wilhelm von Wolzogen (1762–1809), der in Paris seine Bekanntschaft gesucht hatte:

«Verläumdet, verabscheuet, verrathen, – weil wir gehorchten! – gehaßt, als Werkzeuge der Unterdrückung, zu einer Zeit, wo wir wähnten unser Leben nur für die öffentliche Ruhe auszusetzen. Doch ich bin mit allem zufrieden, wenn nur die Freiheit aus den düstern Rauchwolken emporsteigt, die diese Stadt [Paris] bedecken, wo manche leichtsinnige Grausamkeit in diesen Tagen der Rache zwar ewig die Thäter schändet – doch nur Vergeltung ist.»[125]

Rouen von der Seine aus, Jean-Baptiste Lallemand (1716–1803), Aquarell

Auf dem Weg nach Rouen bewunderte Salis die von der Natur «mit allen ihren Lieblichkeiten überschüttete» Umgebung und den Blick vom Hügel Sainte-Catherine auf die Kathedrale und die «mit dem Forst von Masten und Thauwerk von mehr als hundert Schiffen bepflanzte» Seine. Beim Näherkommen erwartete ihn der Anblick zweier Gehängter. Später musste er selbst bei Exekutionen Kordon bilden.[126]

Um der Heimat und Ursina aus dem Weg zu gehen,[127] unternahm Salis 1789/90 eine Reise durch die Österreichischen und die Vereinigten Niederlande. In den Letzteren war sein (angeheirateter) Onkel Battista von Salis-Soglio (1731–1797) Generalmajor und später Generalleutnant.[128] Beim Verlassen Frankreichs schrieb Salis ins Tagebuch: «O Freiheit, heilige, grosse, missverstandene, verkannte Freiheit, wie viel Unheil richten Menschen unter deren Namen an.»[129]

Eine Erkrankung an Nervenfieber (Typhus) hielt ihn ein Vierteljahr lang im Haag fest, wo er den Zürcher Schriftsteller und Zeichner David Hess kennenlernte, der dort als Gardeoffizier diente. Während der Rekonvaleszenz begann er wieder zu dichten.[130] Durch Goethes An die Entfernte (Charlotte von Stein)[131] inspiriert worden sein dürfte das an Ursina gerichtete Gedicht Der Entfernten, in dem die fiebernde Phantasie vom Meeresstrand zur Heimat schweift:

«1. Wohl denk ich allenthalben,
O du Entfernte, dein!
Früh, wenn die Wolken falben
Und spät im Sternenschein.
Im Grund des Morgengoldes,
Im rothen Abendlicht
Umschwebst du mich, du holdes,
Geliebtes Traumgesicht.

2. Es folgt in alle Weite
Dein trautes Bild mir nach,
Es wallt mir stets zur Seite,
In Träumen oder wach;
Wenn Lüfte sanft bestreifen
Der See beschilften Strand,
Umflüstern mich die Schleifen
Von seinem Busenband.[132]

3. Ein Abglanz seines Schleiers
Scheint auf die Saat gewebt;
Sein Hauch, was des Gemäuers
Bewegten Eppich hebt,
Der Kleidung weiche Falten,
Geformt aus Glanz und Duft,
Entschwinden in den Spalten
Der öden Felsenkluft.

4. Wo rauschender und trüber
Der Strom Gebirge trennt,
Weht oft sein Laut herüber
Den meine Seele kennt;
Wenn ich den Fels erklimme,
Den noch kein Fuß erreicht,
Lausch ich nach jener Stimme;
Doch Kluft und Echo schweigt.[133]

5. Wo durch die Nacht der Fichten
Ein Dämm’rungsflimmer wallt,
Seh’ ich dich zögernd flüchten,
Geliebte Traumgestalt!
Wenn, sanft dir nachzulangen,
Der Sehnsucht Arm sich hebt,
Ist dein Phantom zergangen,
Wie Thaugedüft verschwebt.»[134]

Der beschriebene «Strom» erinnert an den Alpenrhein, die «öde Felsenkluft» an den Durchbruch der Landquart in der Klus zwischen Seewis und Malans, der unbestiegene «Fels» an die senkrechte Wand über der dortigen Grottenburg Fracstein (Erstbesteigungen bis hin zu jener des Mont Blanc im Jahr 1786 waren gefeierte Heldentaten der Zeit).

In Schillers Beziehungsdreieck (1790)

Caroline von Wolzogen geschiedene Beulwitz, Philipp Friedrich Hetsch (Gemälde, um 1800)

Auf der Weiterreise besuchte Salis die Berühmheiten von Weimar. Dort notierte er: «Wielands Genius ward oft zum ausgelassenen SatyrHerder hingegen sei «von reiner Anmuth». Der (konterrevolutionär eingestellte) Goethe habe ihn «mit viel Anstand und Kälte» empfangen.[135]

Dass Wilhelm von Wolzogen 1789 in Paris die Bekanntschaft von Salis gesucht hatte, war auf Anraten seiner Cousine Charlotte von Lengefeld (1766–1826), der künftigen Gattin Schillers, geschehen.[136] Wolzogen hatte darauf in seinem Tagebuch über Salis geschrieben:

«Er ist allerdings ein interessanter Mensch, der fein fühlt, ohne Schwärmer zu sein. Er drückt sich gut aus und spricht mit Wärme und umfaßt seinen Gegenstand ganz. […] Es ist unglaublich, wie ein Mensch in seinen Verhältnissen […] jenen feinen Takt, jenes Gefühl für alles moralisch Gute und Edle so beibehalten kann.»

Wolzogen fuhr fort, er habe sich besser gefühlt, als er von Salis weggegangen sei. Es sei in ihm der glückliche Seelenzustand erwacht, in dem er oft bei Charlotte von Lengefelds älterer Schwester, der Schriftstellerin Caroline von Beulwitz (1763–1847), und deren «Club» gewesen sei. Er habe eingesehen, wie nötig seiner moralischen Existenz der Umgang mit Leuten sei, «die besser und gescheiter sind als ich». Nach einem späteren Besuch bei Salis notierte er: «Es freute mich sehr, wie er mir sagte, er kenne Caroline aus Schriften und schätze sie sehr.»[137] Gemeint waren ihre Beschreibung des Waadtlands, die im selben Almanach erschienen war wie eines seiner Gedichte,[138] und ihr Brief über eine Schweizreise in einer Frauenzeitschrift.[139]

Bei Frau von Stein lernte Salis nun die Lengefeld-Schwestern persönlich kennen. Über Caroline schrieb er ins Tagebuch: «Ein Glücklicher, der die herrlichen Briefe dieser liebenswürdigen Dame über das Pays de Vaud im Schweizerischen Museum kennt.»[140] Vielleicht hatten ihm dort Stellen gefallen wie: «O! Natur, du liessest mich trinken süssen Rausch, aus deinem mit reiner Wonne gefüllten Becher.»[141] Line, von der ihm deren späterer Gatte Wolzogen in Paris vorgeschwärmt hatte,[142] lebte von ihrem damaligen Gatten getrennt in einer Dreiecksbeziehung mit Schiller und Lotte, die vor der Heirat standen.[143]

Obwohl die Begegnung mit den Schwestern kaum eine Stunde gedauert haben soll,[144] verliebte die ältere sich etwas in Salis, wie Caroline von Dacheröden ihrem Verlobten Wilhelm von Humboldt berichtete. Sie sage, er sei noch schöner als Sophie von La Roches Sohn Carl (der frühere Verlobte der Schreibenden) «und so mild und graziös».[145]

Salis bat Wolzogen 1791, ihn bei Caroline in Erinnerung zu rufen, «deren Geist und Herz ich innig verehre, obgleich mein Blick nur Momente auf ihr ruhte, und meine Seele sich ihr nur mit wenigen fliegenden Worten entdeckte». Auch erkundigte er sich, ob diese «liebenswürdige Schriftstellerin» seit ihrem Welschlandaufenthalt nichts mehr veröffentlicht habe.[146]

Drei Jahre später sollte Salis Wolzogen Auskünfte für einen Freund liefern, der eine ungeplant schwanger gewordene Dame in die Schweiz begleitete. Der Dichter riet darauf von einer Niederkunft an seinem damaligen Wohnort Chur ab, weil es dort an einem diskreten Wirt und einem kompetenten «Accoucheur» mangle. Und er fragte: «Sind Sie auch noch in Briefwechsel mit Ihrer edeln Freundin Caroline v. Beulwitz, welche mir erst durch ihre Briefe über die Schweiz, sodann durch persönliche Bekanntschaft in Weimar – unendlich interessant geworden[?]»[147] Er ahnte also wahrschenlich, dass der bewusste Freund Wolzogen selber und die Dame Caroline war. Die Geburt fand schliesslich im damals zürcherischen Stein am Rhein statt.[148] Um den Eindruck zu erwecken, die Zeugung des Kindes sei erst nach der Scheidung der Mutter und ihrer anschliessenden Heirat mit Wolzogen erfolgt, wurde die Taufe im Kirchenbuch massiv umdatiert und der kleine Adolf bis 1797 in Bibermühle bei Stein in Pflege gegeben. Zur Hochzeit gratulierte Salis Wolzogen mit den Worten: «Wenn ich mir zurückrufe, mit welcher Innigkeit Sie mir bereits in Paris das schöne Bild ausmalten, das meine Phantasie von Ihrer Freundin Lengefeld auf ihre trefflichen Briefe hin entworfen hatte, dann glaube ich, daß Ihre süßeste Ahnung erfüllt worden und ihr Wunsch sein Ideal erreicht habe.»[149]

Biologischer Vater des Kindes hätten allerdings wegen der damals in Klerus und Adel verbreiteten Libertinage neben Wolzogen auch ein Behaghel von Adlerskron, Karl Theodor von Dalberg, Koadjutor des Bischofs von Konstanz, sowie – last, not least – Schiller sein können.[150] Die nunmehrige Frau von Wolzogen verarbeitete die Themen Liebe und Mutterschaft darauf in ihrem Roman Agnes von Lilien, der 1796–1798 in Fortsetzungen erschien[151] und solchen Erfolg hatte, dass sich Goethe geschmeichelt fühlte, für den anonymen Verfasser gehalten zu werden.[152] Äusserungen Carolines über Salis sind nicht erhalten ausser der einzigen, dass die Persönlichkeit des «liebenswürdigen Dichters» ganz mit seinen Dichtungen in Einklang gestanden habe.[153]

Weniger positiv als über dessen künftige Schwägerin urteilte Salis im Tagebuch über Schiller, damals Professor in Jena, den er 1790 ebenfalls besuchte: «Seinen Genius, seine Talente konnte [ich] bewundern, wenn ich ihn auch nicht liebgewinnen und mich ihm nähern [konnte]. Sein Angriff auf mein Vaterland in den Räubern[154] könnte noch eher entschuldigt werden als das ebenso frevelnde Gedicht Griechenlands Götter […].»[155]

Schiller hingegen berichtete Charlotte von Lengefeld über Salis: «Er erzählte mir von Wolzogen, von Paris, was mich intereßirte. Ueberhaupt hat er mir wohl gefallen, er scheint etwas stilles und ernstes in seinem Wesen zu haben, was mich an ihn feßelt. Diesen Abend werde ich noch mehr mit ihm umgehen, ich verspreche mir viel Vergnügen. Ich glaube ihr[156] seid ihm gut aus seinen Gedichten, und dieß hat ihn mir noch mehr empfohlen.»[157] Lotte ihrerseits schrieb Schiller über Salis: «[…] er hat so einen artigen Ton, die Französischen Sitten haben ihm nicht die Schweizerische Offenheit, und Treuherzigkeit geraubt, ich könnte ihm [sic] recht gern sehen, lebte ich mit ihm an einen [sic] Ort.» Dass Wolzogen Salis (vertrauliche) Briefe von ihr und Line gezeigt hatte, missfiel ihr.[158] Dem Cousin gestand sie: «[…] Salis ist einer von denen wenigen, dem ich gern ein liebliches Bild von mir in der Seele lassen möchte.» Es sei ihr gewesen, als hätten sie sich lange gekannt. «Wenn er nur wieder nach Deutschland käme, er müßte lange bei uns in Jena bleiben […].»[159]

Die letzte drei Monate seines verlängerten Urlaubs verbrachte Salis in Malans, wo er sich auf Wunsch des Vaters von Ursina fernzuhalten versuchte. Sie aber liess ihm «dann und wann in kurzen Briefen einen Wink zukommen, welche Richtung sie auf ihrem Spaziergang einschlagen werde».[160] Währenddessen sandten 54 Bündner eine vielbeachtete Adresse an die französische Nationalversammlung, um ihre Bewunderung für die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte zu bekunden. Zu den Unterzeichnern gehörte kein Salis, auch nicht Johann Gaudenz.[161]

Friedrich Matthisson (1790 ff.)

Friedrich Matthisson, Ferdinand Hartmann (Gemälde, 1794)

Die Kunstepoche der Empfindsamkeit war die hohe Zeit der Männerfreundschaften. Nach Frankreich zurückkehrend, traf Salis auf der Esplanade Montbenon bei Lausanne erstmals den zwei Jahre älteren Matthisson, mit dem er seit 1788 korrespondierte. Der Dichterkollege, damals Gast des Berner Landvogts von Bonstetten in Nyon, gestand ihm darauf, dass er nie ein Wesen («selbst kein weibliches») zärtlicher und feuriger geliebt habe als ihn. Der Bündner seinerseits beteuerte dem Norddeutschen gegenüber: «O Du, den meine Seele liebt, Du fehlst mir; hier ist kein Wesen, das Dir gleicht, Liebling Uraniens[162]

Namentlich wegen seiner Freundschaft mit Matthisson erklärte Hergemöller Salis für homosexuell,[163] doch sind viele seiner Belege an den Haaren herbeigezogen. So handelt ein angebliches «Liebesgedicht», das der Dichter 1787 aus Arras dem Hofmeister seiner Geschwister[164] gesandt hatte, einzig von Mangel an Lebensfreude und Suche nach Trost in der Natur.[165] Seine heterosexuelle Orientierung manifestierte er in Gedichten wie Tändeley.[166] Matthisson hatte ihm vor ihrem Zusammentreffen das Gedicht Die Grazien gesandt, in dem es heisst:

«[…] Unser Pokal, geweiht von Mädchenlippen,
  Unsre Leier, bekränzt von Mädchenhänden,
    Bleibe, bis Elysium winkt, den keuschen
      Göttinnen heilig. […]»[167]

Vor allem aber heirateten Salis und Matthisson, als es ihnen die Umstände erlaubten, Letzterer sogar zweimal.[168]

Eine Auswahl seiner Gedichte, die Johann Heinrich Füssli (1745–1832) Anfang 1791 in Zürich herausgab, widmete Matthisson Bonstetten und Salis, Letzterem zudem zwei der Gedichte. Auch erwähnte er ihn in drei weiteren.[169]

Zur selben Zeit gelang es Salis, mit 75 seiner Soldaten, 200 Nationalgardisten, 75 Kavalleristen und 12 Polizisten einen Aufstand in Elbeuf bei Rouen unblutig niederzuschlagen.[170] Wenn er seinen politischen Überzeugungen Ausdruck verlieh, bediente er sich der unverblümten Sprache des Sturm und Drang. So schrieb er Matthisson, als er nach der vereitelten Flucht Ludwigs XVI. nach Varennes (20./21. Juni 1791) den Eid auf die Nation abgelegt hatte:[171]

«Im entscheidenden Augenblicke der Königsflucht habe ich mich geprüft und bewährt gefunden, bereit, Alles aufzuopfern für Freiheit, und entschlossen, mir eher jedes Glied zerschmettern zu lassen als wieder dem heillosen Despotismus zu fröhnen. Ich habe der Frankennation und dem Gesetze den heiligen Eid der Treue geschworen und das letzte Band abgestreift, das mich an einen König heftete. Nun darf ich scheinen was ich schon lange war, ein Vertheidiger der Freiheit und der Menschenrechte […].»[172]

Verhaftung Ludwigs XVI. in Varennes, Jean-Baptiste Lesueur (Zeichnung, 1791)

Matthisson, damals Hauslehrer eines St. Galler Kaufmanns in Lyon, veröffentlichte diese Stellungnahme, worauf sie zum Ärger der Familie seines Freundes in das Zeitungsblatt für Graubünden eingerückt wurde. Nachdem Frankreich zur konstitutionellen Monarchie übergegangen war, entwarf Salis nachstehende (wohl nicht veröffentlichte) Rechtfertigung: «Damals theilten alle ächten Patrioten meine Gesinnungen, mit welchen ich nun in der Person des Königs die Stütze der Verfassung, das gesetzmäßige Oberhaupt der Armee und den Vater eines freien Volkes verehre.»[173]

Im Spätsommer 1791 wurde das Regiment nach Givet[174] an der Maas verlegt. Dort notierte Salis, hoffentlich werde auf den Kanonenrohren bald statt ultima ratio regum (letztes Mittel der Könige) ultima ratio populorum (letztes Mittel der Völker) stehen. Kurz darauf konnte er einen Heimaturlaub antreten, unter anderem um Ersatz für die Deserteure zu suchen.[175]

Spätestens in jenem Jahr entstand das Lied im Freien, das mit den nachstehenden Strophen schliesst:

«[…] Hier sträubt sich kein Pförtner,
Hier schnörkelt kein Gärtner
Kunstmäßig am Hain.
Man braucht nicht des Geldes;
Die Blumen des Feldes
Sind Allen gemein.

Wie schön ist’s im Freien!
Despoten entweihen
Hier nicht die Natur,
Kein kriechender Schmeichler,
Kein lästernder Häuchler
Vergiftet die Flur.»[176]

Ende 1791 musste Salis Abschied von der Mutter nehmen, die in seiner Anwesenheit (offenbar an Tuberkulose) starb. Er erbte von ihr neben Ländereien das Brückersche Haus oder Haus zum grünen Turm in Malans.[177] In einem Sonett, das Frey als einziges aus der Ausgabe letzter Hand der Gedichte nicht in die eigene, sondern nur in die Biografie von Salis aufnahm,[178] gedachte er später ihres 30. Todestags. Es endet:

«[…] Wie als geboren dir im Mutterarm’ ich lag.
   Und schmerzverlächelnd noch dein Blick auf mir verweilte,
   Erst Mitleid, Hoffnung dann aus deinen Zügen sprach:

So wenn des Todes Nacht sich schon vor mir zertheilte,
   Empfange meinen Geist der liebend zu dir eilte:
   Durch Dunkel geht die Bahn, die Herrlichkeit darnach!»[179]

Tuileriensturm (1792)

Da der Vater sich 1792 als Mitglied einer Delegation in Mailand aufhielt, konnte Salis Ursina ungehinderter besuchen und mit ihr den Frühling erleben.[180] Schliesslich aber musste er wieder zum Regiment einrücken, das nach Rouen zurückverlegt worden war.

Eine production sur la révolution, die Salis damals verfasste,[181] ist nicht erhalten. Als der Erste Koalitionskrieg ausbrach, ersuchten Buxtorf, Burckhardt und er die Nationalversammlung, auf Seiten Frankreichs kämpfen zu dürfen.[182]

Es war ein offenes Geheimnis, dass Konterrevolutionäre planten, Ludwig XVI. in die Normandie zu holen und ihm von dort die Flucht nach England zu ermöglichen. Dabei zählten sie auf die Unterstützung des Regiments Salis-Samaden,[183] auf dessen Fahne der Kommandant Oberstleutnant Niklaus Franz von Bachmann vor der Umtaufe in 64e régiment d’infanterie im Jahr 1791 den Wahlspruch Pro patria et liliis (Lilien des Hauses Bourbon) hatte sticken lassen.[184]

Im Juni kehrten die Kompanien der drei erwähnten Hauptleute aus Le Havre zurück, wohin Bachmann sie wegen ihrer revolutionären Gesinnung detachiert hatte. Als sie in Rouen ankamen, beschimpfte der Regimentskommandant – laut Frey «eine rücksichtslose und tyrannische Seele»[185] – die vom Marsch erschöpften Soldaten als «Halunken» etc. und schlug vom Pferd herab mit flachem Säbel auf ihre Köpfe ein. Anschliessend verweigerte er den beleidigten Kompaniechefs Satisfaktion. Darauf nahmen die drei ihren Abschied und beschwerten sich beim Administrateur général des Suisses et Grisons, d’Affry, die Basler aber auch bei den Behörden ihrer Vaterstadt, die eine Untersuchung verlangten. Zudem intervenierte der französische Botschafter Barthélemy zu ihren Gunsten.[186]

Den Tag des Tuileriensturms verbrachte Salis im Zimmer, wo er jeweils in Paris abstieg.[187] Währenddessen liess der ältere Bruder ihres Vorgesetzten, Maréchal de camp (Général de brigade) Karl Joseph von Bachmann, Gardes-Suisses auf Demonstranten und Nationalgarde schiessen, was zu sinnlosem Blutvergiessen führte und ihm später den Kopf kostete.

Am 13. August befasste sich die Nationalversammlung mit dem Fall des Regimentskommandanten von Rouen.[188] Nach Entlassung der Fremdenregimenter (20. August) erhielten Salis und seine beiden Kollegen Genugtuung, indem der Provisorische Vollziehungsrat sie seiner Zufriedenheit versicherte, Bachmann hingegen tadelte und aus Frankreich auswies.[189]

Französische Republik (1792/93)

Salis meldete sich zur Armée du Midi unter dem Marquis de Montesquiou,[190] wie dies vor ihm schon die Bündner Gardeoffiziere Salis-Samaden und Aloys Jost getan hatten.[191] Montesquiou stellte ihm die Ernennung zum Generaladjutanten in Aussicht.[192]

Durch die Septembermorde liess Salis sich nicht von seinen Gängen und Besuchen abhalten. Dann begab er sich nach Lyon. Er meldete sich aber vorerst nicht bei Montesquiou, weil diesem die Besetzung Genfs befohlen worden war.[193] (Montesquiou hatte dem Kriegsminister bereits mitgeteilt, er zähle nicht mehr auf Salis als Generaladjutanten.[194])

Savoyen (1792)

Zeitgleich mit der Absetzung Ludwigs XVI. und der Proklamation der Republik besetzte die Südarmee praktisch kampflos Savoyen.[195]

Zu Ursinas 21. Geburtstag sandte ihr Salis, der mit dem Soldatentod rechnen musste, das Gedicht Der Herbstabend. Es beschreibt einen Kirchhof unter Linden und endet:

«[…] Wenn schon meine Rasenstelle
    Nur dein welker Kranz noch ziert,
Und auf Lethe’s leiser Welle
    Sich mein Nebelbild verliert:

Lausche dann! Im Blätterschauer
    Wird es dir vernehmlich wehn:
Jenseits schwindet jede Trauer;
    Treue wird sich wieder sehn!»[196]

In Savoyens Hauptstadt Chambéry wartete er nochmals zehn Tage ab. Der Geliebten schrieb er von dort: «Mein ganzes Verlangen nach meiner Heimath ist nur eine Sehnsucht – nach Ihrem Ofensteglein[197] oder gar nach der Manschnixen[198]-Hütte. An die letzte darf ich kaum denken – denn in allem Ernst, die süße Erinnerung kann mich rühren zu Thränen der Sehnsucht. Denken Sie, wie sich das schickte – mitten im Kriegsgetümmel, unter unsern von der Sonne schwarzgebräunten Grenadieren, schnurrbärtigen Reutern und blutgierigen Volontairs […].»[199]

Am 23. Oktober traf er endlich im Hauptquartier der Südarmee in Bardonnex ein, wo ihm die Funktion eines Aide-de-camp (Flügeladjutanten) zugewiesen wurde.[200] Zwei Tage später führte er ein Bataillon Kriegsfreiwillige von Saint-Julien-en-Genevois nach Bossey.[201]

Unterdessen quittierten Salis-Samaden und Jost den Dienst, da sie ihre Zugehörigkeit zur Garde des Royalismus verdächtig machte.[202] Weil Montesquiou sich weigerte, die Neutralität von Genf zu verletzen, ordnete das Jakobinerregime in Paris seine Verhaftung an; doch gelang es ihm, über den Genfersee in die Waadt zu fliehen.[203] Während drei seiner Aides-de-camp festgenommen wurden,[204] blieb dies Salis erspart, wohl weil er in ein Linienregiment übergetreten war und dessen Kommandanten verklagt hatte. Als sein Bataillon aber Winterquartier in Chambéry bezog, ersuchte er um einen Urlaub, aus dem er nicht zurückkehrte.

Gedichte von J. G. von Salis. Erstausgabe (Zürich 1793), Titelkupfer: Johann Heinrich Meyer nach Conrad Gessner

In dreizehn Jahren französischer Dienste hatte der Grafensohn es nur zum Hauptmann der Linieninfanterie gebracht und praktisch keine Kriegserfahrung erworben. Die ersehnte Heirat mit Ursina lehnte der Vater erneut ab.

Ende 1792 traf Salis zunächst in Vevey Matthisson, der mit seinem Arbeitgeber in die Waadt übergesiedelt war. Auf dem Friedhof von Montreux besiegelten die beiden Dichter ihren Freundschaftsbund.[205] Nachdem Salis von Matthisson lange vergeblich gedrängt worden war, einer Sammlung seiner verstreuten Gedichte zuzustimmen, erlaubte er diesem nun, eine solche zu veranstalten. Verlegt wurde sie von Füssli, der Matthissons Gedichte herausgegeben hatte und mit Salis lebenslang in Kontakt blieb. Matthisson schrieb Füssli, dass er den Gedichten des Freundes «durch die letzte Feile gern den höchsten Grad der Vollendung geben möchte». In der Auswahl wolle er streng sein. Diese wurde von Salis aber persönlich beaufsichtigt, heisst es in der Vorrede des Bändchens, und er selbst sei es gewesen, der die Verbesserung der 35 ausgewählten «Arbeiten seines Jünglingsalters» vorgenommen habe.[206] Auf der Titelseite wurden seine Vornamen abgekürzt, weil er Gaudenz nicht leiden konnte. Matthisson schrieb Füssli: «Auch den Freyherrn hat er hinzuzufügen verboten.» Das Adelsprädikat von blieb ausgeschrieben, der Stammsitz des Familienzweigs aber unerwähnt. Obwohl das poetische Werk von Salis schmal blieb, erlebte es zahlreiche Ausgaben, worunter allein achtzehn weitere bei Orell Füssli in Zürich, die von 1803 bis zum Tod des Verfassers von diesem selbst herausgegeben wurden.[207]

In einem Brief an die Geliebte begründete Salis vier Tage, nachdem Ludwig XVI. (am 21. Januar 1793) hingerichtet worden war, sein Ausscheiden aus dem französischen Dienst wie folgt: «[…] auch Frankenfreiheit war nur ein Schatten, den blutige Hunde besudelten; eine Freiheit, die ich mir einst schön und hold dachte wie meine Berenice, die aber je länger je unwürdiger ist, mit einem Engel verglichen zu werden […] Frankenfreiheit ward Cromwellisch[208]

Gegenüber Wolzogen hingegen nannte der Dichter im März 1794 als Grund für seine Rückkehr, von der Mutter so viele liegende Güter geerbt zu haben, «daß ich nicht ohne große Unbequemlichkeit länger aus meinem Vaterlande fernbleiben konnte». Dazu habe er (im Brückerschen Haus) endlich einen «Zufluchtsort für meine gehinderte, sechs Jahre treu befestigte Liebe» gefunden. Dann erst erwähnte er die Radikalisierung der Ereignisse in Frankreich, wohl mehr auf die Hébertisten als auf Robespierre gemünzt: «Die Revolution hatte einen blutgierigen Lauf genommen, und die neue Sonne, welche über das Menschengeschlecht aufgehen sollte, hatte sich schrecklich verfinstert.»[209]

Drei Bünde (1793–1798)

Im Juli 1793 besuchte Matthisson den Freund in Malans, wo er dessen künftige Lebensgefährtin kennenlernte.[210] Er schrieb darauf: «Gewiss, ihm fiel ein schönes Loos; denn die harmonische Vereinigung der sittlichen Grazie mit dem reinsten Natursinne und der sanftesten Weiblichkeit, verheisst ihm unwandelbare Glückseligkeit […].»[211]

Schliesslich konnte Salis an seinem 31. Geburtstag (in Masans bei Chur) Ursina heiraten. Da das Brückersche Haus renoviert wurde, zog das Paar in das Pestalozzische Haus in Chur und blieb dort.[212]

Patriot (1793 ff.)

Der Freistaat der drei Bünde galt zwar als Zugewandter Ort der Eidgenossenschaft, blieb aber «nach Innen eine eigene Eidgenossenschaft in kleinerem Maßstabe, nach Außen ein Staat mit selbständiger Politik».[213] Einerseits verband ihn ein Soldvertrag mit Frankreich, andererseits ein Bündnis mit Österreich.[214] Letzteres war Mitglied des Oberen oder Grauen Bundes, weil es (bis 1819) die Herrschaft Rhäzüns[215] besass. Die Herrschaften Haldenstein und Tarasp wurden erst 1803 Teile Graubündens, und bis dahin bildete auch der Bischofshof in Chur (Gotteshausbund), das von seinen evangelischen Zünften beherrscht wurde, eine Exklave des Heiligen Römischen Reiches.

Laut Frey zeigte der Freistaat starke Ähnlichkeit mit den Innerschweizer Kantonen: «auf dem Grunde der Demokratie eine weitgehende Geschlechterherrschaft und neben der eigenen Freiheit Untertanen in erobertem Gebiet». 52 nahezu souveränen Gerichtsgemeinden standen rund 40 Familien gegenüber, welche die Macht weitgehend unter sich teilten und sich von Paris oder Wien mit Pensionen bestechen liessen.[216] Auch die Stimmen der Gemeinden bei Wahlen und Abstimmungen waren käuflich.

1786 hatte Salis das Epigramm Die Eiche des Bundes der Rhezier (gemeint ist der Ahorn von Trun) veröffentlicht, das er nicht in die Sammlung seiner Gedichte aufnahm:

«Eiche des Bundes der Freiheit, dich splittern nicht zündende Blize,
    Und kein schneidendes Beil droht dir Verheerung und Fall;
Aber wer schüzet die Wurzel vor heimlich verderbender Fäulniß?
    Ach! das gefährlichste Gift ist das im Inneren schleicht.»[217]

Nach der Französischen Revolution wandte sich die Partei der Aristokraten oder Oligarchen (vom Salis-Clan angeführte Anhänger des Ancien Régime) von Frankreich ab und dem reaktionären Österreich zu.[218] Johann Gaudenz hingegen wurde zum Ärger des Vaters eines der eifrigsten Mitglieder der von Johann Baptista von Tscharner (1722–1806)[219] angeführten Partei der Patrioten.[220] Diese wird von Chocomeli zu den «jakobinischen Sozietäten» gezählt, die in der Schweiz aber den Feuillants bzw. Girondisten näher gestanden hätten als den Anhängern Robespierres.[221] Ihre Hochburgen waren Chur und Umgebung sowie die Herrschaft Maienfeld.[222]

Denkmal zu Ehren der Demokratiebewegung, Stäfa, August Bösch (1898)

Während einer Hungersnot, die durch eine Kornsperre Österreichs verschlimmert wurde, kam es im Februar 1794 zu einer Revolution,[223] die von der Val Lumnezia (Oberer oder Grauer Bund) ausging. Ihre Initianten Balletta und Columberg hatten bei den Gardes-Suisses gedient.[224]

Vom März bis im August tagte darauf in Chur eine ausserordentliche Standesversammlung. Ein Strafgericht rechnete mit den Salis ab. So wurde der 1792 entlassene französische Geschäftsträger Salis-Marschlins lebenslänglich verbannt.[225]

Als Österreich mit einer Invasion drohte, bildete man nach französischem Vorbild einen Wohlfahrtsausschuss. Als dessen Präsident erhielt Jost, der mit Salis befreundet war,[226] diktatorische Macht.[227]

Nach Abschaffung des Adelsprädikats[228] schrieb Salis an Bansi: «Man kann den Junkergeist und das Junkeriren[229] nicht mehr verabscheuen als ich […].»[230] Er arbeitete mit Tscharner ein Projekt zur Verbesserung des Schulwesens aus und mit Jost ein solches zur Reorganisation der Bündner Miliz, das die Volkswahl der Offiziere vorsah.[231] Bevor Jost aber umfassende Reformen durchführen konnte, musste er nach dem Sturz Robespierres in Frankreich die Standesversammlung auflösen.

Im selben Jahr schlugen Russland und Preussen den Kościuszko-Aufstand in Polen nieder, der mit dem von Suworow befohlenen Massaker von Praga endete. Gleichzeitig wurden die Verfasser des Stäfner Memorials verhaftet,[232] das die Ausbeutung der Landbevölkerung durch die Stadt Zürich anprangerte. Vor diesem Hintergrund verfasste Salis (auch wenn er beim Erstdruck 1806 jeden Zusammenhang mit realen Ereignissen bestritt) An die edeln Unterdrückten. 1794. Darin heisst es:

«[…] Vernunft folgt ewigen Gesetzen,
die Pöbelswuth, die ein Tyran
Ein Menschenalter durch verletzen,
Doch ewig nicht vertilgen kann.

[…] Ihr Märtyrer für Menschenwürde,
Vertraut der Wahrheit und der Zeit:
Vergänglich ist des Druckes Bürde,
Doch ewig die Gerechtigkeit[233]

Den Begriff Vernunft verwendete Salis hier im Sinn des deistischen Kults der Vernunft der Hébertisten, den Robespierre in Kult des höchsten Wesens umbenannte. Im 1798 veröffentlichten Epigramm Fürbitte setzte er ihn dann wie Kant in Kontrast zum Begriff Verstand:

«Heilige, reine Vernunft, vergieb den Blinden am Wege,
    Die dich verfolgen und schmähn! – Göttin, sie kannten dich nie!
Aber wehre den Stolzen, die gerne uns zwängen zu knieen,
    vor das vergoldete Kalb, ihren begränzten Verstand[234]

Matthisson berichtete dem Freund 1794: «Deine Muse hat in Deutschland eben so viele Freunde, als darin gebildete und gefühlvolle Menschen wohnen […].»

1795 erhielt Salis Besuch von der dänischen Dichterin Friederike Brun (1765–1835) und danach von Matthisson. Der «nordischen Sappho», die sich von der Französischen Revolution «Feenwunder» versprochen hatte,[235] war er 1791 in Paris begegnet. Sie nannte das Ehepaar Salis in einem Brief an Bansi «zwei hohe reine Gestalten aus dem Paradies»[236] und schloss mit Ursina, die ihr erstes Kind stillte, Seelenfreundschaft.[237]

Matthisson, der sich anschickte, im Gefolge der Fürstin von Anhalt-Dessau nach Italien zu reisen, schrieb: «Mein Eintritt in die friedliche Wohnung des treuen Salis war der Eintritt in ein hehres Heiligthum, wo Freundschaft, Liebe, Tugend, Weisheit, Natursinn, Geistesadel und Selbstgefühl in reiner und unwandelbarer Harmonie beisammen wohnen.»[238]

Verlust des Veltlins (1796/97)

Eine unrühmliche Rolle spielte Salis beim Verlust des Veltlins. Im Frühjahr 1787 hatte er den Vater besucht, der dort das Amt des Landeshauptmanns antrat. In Teglio bewunderte er den Anblick des Tales voll blühender Bäume, «weiss die Kirschen, roth die Pfisiche – Die Mandeln weiss mit grünem Laub vermischt.» Umso mehr desillusionierte der Blick hinter die Kulisse. Über Buglio in Monte notierte er im Tagebuch:

«[…] alles athmet und verräth die Knechtschaft; manches erinnert mich in unangenehmer Weise an die elenden französischen Dörfer, und nichts verräth, dass man noch in der Schweiz seye.»

Auf dem Heimweg musste der Vater umkehren, da im Veltlin Unruhen ausgebrochen waren.[239] Laut Coxe gab es kein Land, wo die Bauern unglücklicher waren, mit einem «Engros-Handel zwischen Verbrechern und Gerichtshöfen».[240]

Als Bonaparte 1796 das Herzogtum Mailand besetzte und diesen Aussenbesitz des Hauses Österreich zur Transpadanischen Republik erklärte, drohte das italienischsprachige Untertanengebiet von den herrschenden Landen abzufallen. Um dies zu verhindern, gaben die Bünde ihren drei Häuptern 1796 und 1797 einen Zuzug von je drei mehrheitlich patriotischen Abgeordneten bei. Dieser ausserordentliche Kongress hätte es in der Hand gehabt, das von den Salis fast als Privateigentum betrachtete Veltlin[241] für frei und gleichberechtigt zu erklären. Doch er verweigerte ihm die von Frankreich verlangte Eingliederung als vierter Bund (die den Katholiken ein zahlenmässiges Übergewicht verschafft hätte).

«Hauptmann Gaudenz Salis», der in beiden Jahren dem Zuzug des Zehngerichtenbundes angehörte, beteiligte sich 1797 an der Formulierung eines «einfältigen» bzw. «beleidigenden» Schreibens an die Untertanen[242] und an der falschen Klassifikation der Ergebnisse einer Befragung der Bündner Gemeinden.

Schliesslich ging der Kongress auseinander, «lahm gelegt durch die politische Bornirtheit eines seit Generationen verrotteten Kleinstaates» und der Familie Salis, «die in dem Augenblicke, wo nur entsagende Entschlossenheit den drohenden Verlust abwenden konnte, noch Geschäfte machen wollte».[243] Obwohl Frankreich «in beinahe grenzenlosem Langmut» auf einer innerbündnerischen Lösung bestand, wurde die Angelegenheit «in unglaublich fährlässiger Manier» verschleppt.[244]

So stellte es Bonaparte schliesslich dem Veltlin frei, sich der neugeschaffenen Cisalpinischen Republik anzuschliessen, in die unter anderem auch die bis dahin venezianischen Wirtschaftszentren Bergamo und Brescia integriert wurden. Die Mailänder Regierung verfügte darauf nicht nur die Einverleibung der Talschaft, sondern auch die Enteignung der Bündner Grundbesitzer, was nach Rufer einer «schweren Vergewaltigung» gleichkam.[245] Der Verlust des Veltlins kostete den Freistaat 90'000 seiner 160'000 Einwohner.[246]

Auf den Beschluss Bonapartes hin erreichte Jost die Einberufung eines ausserordentlichen Landtags. Dieser wählte Tscharner zum Standespräsidenten und setzte ein Strafgericht ein, das die verantwortlichen Mitglieder des Zuzugs im April/Mai 1798 verurteilte – Salis «wegen nicht vollzogener Willensmeinung der Gemeinden» zu 600 Gulden Busse.[247] Rufer meinte dazu: «Auch wenn Salis von jeder böswilligen Absicht freigesprochen werden muss, auch wenn er bloss aus Kleinmut, Schwäche, Kurzsichtigkeit und Verantwortungscheu fehlte, so kann das seine Mitschuld am Verlust des Veltlins nicht abschwächen.»[248]

Helvetische Republik (1798–1803)

Die Helvetische Revolution von 1798, «das Werk der revolutionären Partei in der Schweiz und der militärisch-diplomatischen Aktion Frankreichs»,[249] versuchte, die Eidgenossenschaft in einen Einheitsstaat mit der Devise Freiheit, Gleichheit umzuwandeln. Dies laut dem Glarner Pfarrer Markus Freuler, weil die alte Verfassung «einem grossen Theil der Schweiz nicht mehr beliebig, und dem Geist des Volks nicht mehr angemessen war» und nur eine äussere Macht im Stande war, «dieses wichtige Werk auszuführen».[250]

Freiheitsbaum in Basel (22. Januar 1798), Kolorierte Radierung, Ludwig Friedrich Kaiser

Das geschrumpfte Bünden drohte damals von Österreich annektiert zu werden. Darum arbeiteten die Patrioten auf den Beitritt zur Helvetischen Republik hin, noch bevor diese am 12. April 1798 in Aarau ausgerufen wurde und den Freistaat in ihrer Verfassung einlud, «ein Bestandtheil der Schweiz zu werden».[251] Schon im Februar, als Salis noch auf sein Urteil wartete, pflanzten Malans und Maienfeld Freiheitsbäume. Als aber im Juli der Landtagsausschuss die Bündner Gemeinden über einen Anschluss an die Helvetische Republik abstimmen liess (und ihnen Zustimmung empfahl), lehnte die grosse Mehrheit ab[252] – gemäss dem Schriftsteller Heinrich Zschokke (1771–1848),[253] der in Reichenau[254] ein von Tscharner gegründetes Erziehungsinstitut geleitet hatte, ein erzwungener und gefälschter Entscheid.[255]

In den geheimen Artikeln des Allianzvertrags, den Frankreich am 19. August mit der Helvetischen Republik schloss, versprach es dieser Graubünden (mit Vorarlberg als Ersatz für das Veltlin).[256] Da die französische Armée d’Helvétie unter Schauenburg aber mit der Konterrevolution in Nidwalden beschäftigt war, konnte sie den anschlusswilligen Bündnern nicht zu Hilfe eilen. Immerhin wurde diesen am 29. August das helvetische Bürgerrecht zugesichert.[257] Zwei Tage später reichte Zschokke ein Gesuch um Vereinigung ein, das Malans und Maienfeld im Namen der gleich gesinnten Gemeinden stellten.[258]

Im Oktober liessen die Aristokraten die Bündner Herrschaft und Chur durch bezahlte Bauern besetzen, denen eine österreichische Invasionsarmee unter Auffenberg folgte. Neben rund 250 anderen Patrioten, Angehörige eingerechnet,[259] floh auch der «stille harmlose Dichter», wie Zschokke Salis nannte, mit Frau und Kindern in die Schweiz.[260] Dort lebte er fürs Erste vom Ertrag von Besitzungen der Familie in Meilen und Küsnacht, da das Vermögen der Geflohenen in Bünden unter Sequester gestellt wurde.[261]

Mit einem Empfehlungsschreiben von Schauenburg erschienen Salis und zwei Begleiter am 21. Oktober in Luzern, der damaligen Hauptstadt der Helvetischen Republik, wo sie von Zschokke eingeführt wurden. Dass der Präsident des Direktoriums, Frédéric-César de La Harpe, Zögling des Vorgängerinstituts von Reichenau in Haldenstein gewesen war, förderte die Sache der Bündner Patrioten. Tags darauf beschlossen die gesetzgebenden Räte, diese unter den Schutz der Regierung zu stellen.[262] Salis hätte nun dem Grossen Rat und dem Senat dafür danken sollen. Er habe Tag und Nacht an einer Rede geschrieben und gelernt, berichtet Zschokke. «Als aber der bestimmte Augenblick erschien, hatte der liebe Mann unglücklicherweise Alles rein wieder vergessen.»[263] Zschokke sprang darauf ein und sprach mit so viel Pathos, dass das Stenogramm seiner Worte in Druck gegeben wurde.[264]

Generalinspektor (1798–1801)

Während Bonapartes Ägyptenabenteuer waren die Franzosen ihren Gegnern in Europa militärisch unterlegen. Als Verbündete sollte die Helvetische Republik Frankreich sechs Demi-brigades auxiliaires stellen. Diese liessen sich mit Freiwilligen aber nicht auf den Sollbestand von 18'000 Mann bringen.[265] Darum griff man vor Ausbruch des Zweiten Koalitionskriegs (19. November) auf die in der Verfassung verankerte Wehrpflicht zurück und stellte der am 4. September geschaffenen Helvetischen Legion (die am 1. Februar 1799 aus 1100 Berufssoldaten bestand[266]) kantonale Milizen an die Seite.

Auf Empfehlung eines der Verfasser des Stäfner Memorials, Regierungsstatthalter Pfenninger, ernannte das Direktorium Salis am 9. November 1798 zum Generalinspektor der Miliz im Kanton Zürich.[267] Die Zürcher Zeitung ergänzte die entsprechende Meldung mit Zeilen aus seinem 1792 entstandenen Gedicht An ein Thal:

«[…] Undingbar, keines Königs Waffenknecht,
Zu edelstolz, um Rang und Sold zu werben,
Entsagt’ ich nie der bessern Menschheit Recht,
Für Völkerglück zu siegen oder sterben. […]»[268]

Das helvetische Volksblatt schrieb bei derselben Gelegenheit, Salis habe «sich von seinen Verwandten getrennt, welche aus Eigennutz und Ehrgeitz lieber ihr Vaterland an Oesterreich verrathen, als daß sie zugeben wollen, daß sich Graubündten zu der Schweiz schlage. Sie fürchten, alsdann würden auch andre ihrer Landsleute sich erheben, und sie selber möchten nicht mehr wie bisher das Volk leiten und verführen können.[269]

Salis gehörte auch der Kommission an, die das Gesetz über die Organisation der helvetischen Miliz vom 13. Dezember entwarf.[270]

Ende Dezember schrieb er dem nach Mailand geflohenen Bansi: «Die Adlerstange, die in Chur aufgerichtet worden, wird bald dem Freiheitsbaum Platz machen und ihren Errichtern auf den Kopf fallen: welch eine Kur wird der Aufenthalt der Weißröcke [Österreicher] für den Volksgeist werden, wenn man ihren Zwang und Druck wird empfunden haben.»[271]

Als die Regierung wegen drohender Kriegsgefahr Ende Februar 1799 die Pikettstellung eines Teiles der Miliz verfügte, da war laut Rufer «außer dem Kanton Leman nur in Zürich die Organisation zum großen Teil vollendet».[272]

Obwohl die französische Armée d’Helvétie unter Schauenbergs Nachfolger Massena vom 6. März an Graubünden besetzte,[273] kehrte Salis nicht dorthin zurück. Am 22. März erhielt er Befehl, mit der Zürcher Miliz Unruhen im Untertoggenburg[274] zu ersticken, die zur Vorbereitung der bevorstehenden austro-russischen Invasion der Schweiz organisiert worden waren. Indem er die Aufständischen mit den ersten marschfähigen 1500 Mann einkreiste, stellte er die Ordnung in drei Tagen ohne Blutvergiessen wieder her und verhaftete die Rädelsführer.[275]

Während die Armée d’Helvétie noch in Graubünden stand, wurde die Armée du Danube unter Jourdan am 25. März bei Stockach von Erzherzog Karl geschlagen.[276] Am selben Tag beschlossen der Grosse Rat und der Senat der Helvetischen Republik, zur Sicherung der gefährdeten Landesgrenze 20'000 Mann aufzubieten,[277] die von den Generalinspektoren der Kantone befehligt wurden. Darauf eilten statt der erwarteten 4000 Zürcher «unter Jubel und Gesang» gleich 8000 an den Rhein.[278]

Am 28. März ernannte das Direktorium den Chef der Helvetischen Legion, Keller, zum Général de brigade (Zwei-Sterne-General) und Oberkommandierenden, den Chef der 1. Demi-brigade auxiliaire, Weber, sowie den Freiburger Milizinspektor von der Weid zu Generaladjutanten und den Chef de bataillon Louis La Harpe zum Generalstabschef.[279]

Am 4. April erhielt der einflussreiche Politiker Kuhn als Zivilkommissär die Oberaufsicht über die Armee.[280] Salis wurde auch Milizinspektor des Kantons Schaffhausen, der jedoch kurz darauf in die Hand des Feindes fiel.[281]

Generalstabschef (1799) [in Überarbeitung]

Salis in Zivil, Johann Heinrich Lips (Radierung und Kupferstich, 1800?)
Salis in Uniform, Joseph Brodtmann nach Lips (Lithografie, nach 1817)

Als der für die Leitung des Generalstabs vorgesehene La Harpe diese Aufgabe nicht übernehmen wollte, übertrug das Direktorium sie am 5. April Salis, obwohl dieser nach Meinung General Kellers eher zum Truppenführer geeignet gewesen wäre. Gleichzeitig beförderte es ihn zum Generaladjutanten (Ein-Stern-General). Damit verdiente Salis sich noch vor dem Verfasser des Schauspiels Sturm und Drang, Friedrich Maximilian Klinger, das Epitheton Dichter-General.[282] Zwar erklärte er sich nur bereit, als Stabschef zu fungieren, bis sich ein geeigneterer Anwärter finden würde, doch blieb er es dann zwei entscheidende Monate lang, nämlich bis am 9. Juni.[283]

Kuhn war selber mit Vorwürfen konfrontiert, als er dem Generalstabschef später «Nullität» vorwarf: «[…] Salis-Seewis, einer der sittlich besten, redlichsten Menschen, die ich kenne, war seiner Aufgabe nicht gewachsen. Es fehlte ihm dazu sowohl an Kenntnissen als an Thätigkeit. Er drehte Stunden lang an einer Phrase, unternahm zehn Geschäfte auf einmal und beendigte keines, und schien zu glauben, daß man auch im Felde nicht anders leben könne, als im häuslichen Kreis von Weib und Kindern. Er organisirte nicht einmal sein Bureau.»[284] Rufer kommentierte: «Salis und Kuhn waren nach Charakter und Temperament grundverschieden: der eine [Kuhn] ein methodischer und systematischer Geist, doktrinär und autoritär, gewandt in Rede und Schrift, initiativ und rastlos tätig, der andere [Salis] eine beschauliche, träumerische Natur, tapfer im Felde, aber zögernd und langsam in seinen Entschließungen und schriftlichen Arbeiten.»

Den General und den Generalstabschef verglich Rufer wie folgt: «Der eine [Salis] war ein Abkömmling eines der ältesten Adelsgeschlechter, ein Mann von vieler Kultur und feinen Manieren, aber auch von exaltierten politischen Meinungen. Der andere [Keller] war der Sohn eines Schusters, in der Garnison und im Felde groß geworden, derb, sorglos, tapfer, ein Haudegen in des Wortes wahrem Sinne, die Uniform und militärische Aufzüge vorzüglich liebend, aber auch dem Wein und dem holden Geschlechte leidenschaftlich ergeben.»

Das Personal des Hauptquartiers arbeitete so ineffizient, dass Salis dem Kriegsminister einmal schrieb: «Ich werde diejenigen, die nicht thun, was sie sollen, und zwar vom General abwärts bis zum Bäckergesellen, zur Probe wenigstens, ob etwa dieses Mittel helfen will, in Arrest setzen.»[285]

Laut Rufer trug die helvetische Armee «in allen Teilen das Gepräge der Improvisation».[286] Sie stand grossenteils schon unter Waffen, als Salis am 14. April in St. Gallen, dem damaligen Standort des Hauptquartiers, eintraf. Die Eliten (Auszüger) der Grenzkantone waren dem Aufgebot über Erwarten zahlreich gefolgt, und allmählich trafen auch die übrigen Kontingente ein. Das Gros besetzte gemeinsam mit den Franzosen die 150 Kilometer lange Linie von der ehemaligen Grafschaft Werdenberg bis zur Aaremündung. Am 20. April standen zwischen Montlingen (ehemalige Vogtei Rheintal) und Weiach rund 11'000 Mann, davon rund 1000 Säntiser unter Oberteuffer (Berneck), rund 1000 Legionäre und Luzerner sowie rund 3000 Thurgauer unter von der Weid (Kreuzlingen) und rund 6000 Zürcher unter Weber (Winterthur).[287]

Schliesslich zählten die helvetischen Truppen, die Kantone Waldstätten, Wallis und Basel eingeschlossen, rund 25'000 Mann. Jeder französischen Division war nun eine von einem Generaladjutanten kommandierte helvetische zugeteilt: die 1. unter Johann Rudolf Burckhardt (1764–1841) zwischen Basel und der Aaremündung, die 2. unter Weber zwischen der Aaremündung und Konstanz, die 3. unter von der Weid zwischen Konstanz und Rheineck und die 4. unter Louis Clavel (1762–1808) im heutigen St. Galler Rheintal.[288]

Am 21. April trat Graubünden als Kanton Rhätien der Helvetischen Republik bei, doch besetzen es schon am 15. Mai wieder die Österreicher (unter Hotze) und setzten eine Interimalregierung ein.[289]

Nach Jourdans Niederlagen war die Armée d’Helvétie in die Armée du Danube integriert worden. Massena, der nun von Düsseldorf bis zum Umbrail kommandierte, wollte eigentlich die begonnene Offensive fortsetzen. Da besetzten die Austro-Russen Mailand. Um nicht von drei Seiten angegriffen zu werden, mussten die Franzosen darauf die Kantone Rhätien, Bellinzona und Lugano räumen und sich vom Rhein hinter die Thur sowie vom Gotthard zurückziehen, wodurch sich die Front auf die Linie Aaremündung–oberer Zürichsee–Luzern–Brünig verkürzte.

Die bevorstehende Aufgabe der Nordostschweiz wurde geheim gehalten, doch informierte Massena die Verbündeten, dass sie unvermeidlich geworden sei. Schweizerischerseits wollte man dies aber nicht wahrhaben und unterliess die erforderlichen Vorkehrungen. In der Folge desertierten viele Soldaten aus den Grenzkantonen, die den Österreichern überlassen werden mussten.

Massena versuchte nun zu verhindern, dass sich die Armee des Erzherzogs, der bei Paradies über den Rhein setzte, mit Hotzes von St. Gallen her vorrückendem Armeekorps vereinigte.

Gefechte bei Frauenfeld und Winterthur [in Überarbeitung]

Tod General Webers im Gefecht bei Frauenfeld, anonym (Holzschnitt, 1801)

Am 19. Mai wurde Kuhn vom Direktorium beauftragt, Weber zu bewegen, Salis abzulösen. Der frühere Adjutant des Prinzen von Oranien, der sich 1798 bei Neuenegg ausgezeichnet hatte, war dazu aber offensichtlich nicht bereit.[290]

Am 25. Mai nahm Salis mit 10'000 helvetischen Soldaten am siegreichen Gefecht bei Frauenfeld[291] teil. Rufer schreibt: «Trotz der elenden Verpflegung, mangelhaften Ausrüstung und ungenügenden Instruktion schlugen sich die helvetischen Truppen mit einem Mut und einer Tapferkeit, die jedermann in Erstaunen setzte.»[292]

Da Weber beim Sturmangriff auf die Österreicher fiel, erfuhr er nicht mehr, dass er zum Nachfolger Kellers ernannt worden war, dem Kuhn «Imbecillität» vorwarf.[293]

Kuhn schlug darauf vor, die Stelle nicht mehr zu besetzen, da der General unter den gegebenen Umständen nur «ein fünftes Rad am Wagen» sei. Stattdessen sollten die Generaladjutanten dem Generalstabschef unterstellt werden. Auf diesen Posten sei Generaladjutant Burckhardt zu berufen. Salis dagegen solle wie schon bei Frauenfeld den Befehl über Webers Division übernehmen. Dies beschloss das Direktorium am 28., doch wollte weder Burckhardt noch offenbar erneut auch der am Vortag zum Generaladjutanten beförderte Louis La Harpe[294] Generalstabschef werden.

Gleichentags schrieb Salis dem Direktorium: «In diesem Moment informiert man mich von der Amtsenthebung des Generals Keller und versichert mich, dass ich in Erwartung seiner Rechtfertigung das Kommando übernehmen müsse; ich bitte sie inständig […] mir nicht eine Aufgabe aufzubürden, die meine Kräfte übersteigt, und dies in einem so kritischen und so entscheidenden Moment für das Vaterland.»[295]

Das Oberkommando, das Salis schliesslich wiederum nur mangels geeigneterer Anwärter akzeptierte, überforderte ihn vollends: Innert zehn Tagen hatte die helvetische Armee 10'000 Mann verloren. Als die Franzosen sich nach dem Gefecht bei Winterthur am 27. Mai[296] hinter die Glatt zurückzogen, desertierten weitere 6000 Milizsoldaten, vor allem Zürcher. Trotzdem schrieb Salis seiner Gattin: «Ich verspreche Dir und ich wäre Deiner nicht werth, wenn ich nicht ausdauern würde.»

Dem Kriegsminister gegenüber erklärte er im Entwurf eines Briefes: «Ich harre aus in einer Lage, in der ich gezwungen bin, zu gleicher Zeit die peinlichen Pflichten des Commandanten und [des] Generalstabschefs zu erfüllen, ohne weder das eine noch das andere [wirklich] zu sein, am Tage an der Spitze der Truppen und auf dem Schlachtfelde, nachts auf dem Bureau, ohne den einen oder andern Anforderungen genügen zu können.»[297]

Erste Schlacht bei Zürich

Zu Beginn der Ersten Schlacht bei Zürich am 2.–4. Juni[298] verfügte die helvetische Armee dort noch über 3200 Mann. Sie verlor den letzten Rest an Selbständigkeit. Während der Kämpfe stand Salis stets an Massenas Seite. Was dieser am 5. Juni mit Erzherzog Karl vereinbarte, scheint sein machtloser Bundesgenosse aber erst am folgenden Tag erfahren zu haben, als sich die Franzosen kampflos hinter die Limmat zurückzogen.[299]

An Mut hatte es ihm nicht gefehlt. Der Gattin berichtete er: «Den 3. um Mittag hast Du wohl an mich gedacht und mich umschwebt, mein Engel; denn eine Kanonenkugel schlug nur in einer Entfernung von ein paar Schuhen über mir in einen Baum.»[300] Wie er später Matthisson erzählte, wurde dabei «der Federbusch auf seinem Hute herabgedrückt».[301] (Dem Kriegsminister hatte er nur gemeldet, dass eine Kanonenkugel zwei Schritt neben Massena einen Baum getroffen hatte.[302])

Die Magazine konnten aus Zürich evakuiert werden, obwohl die mit den Invasoren kollaborierenden Behörden der Stadt die Lieferung der nötigen Pferde verweigerten. Dies laut einem Brief aus Bern, «dank der Festigkeit des Generaladjutanten Salis-Seewis, der zwei Mitglieder der Munizipalität festnehmen und mitführen liess».[303]

Am 7. Juni bezogen die Reste der helvetischen Armee bei Lenzburg Stellung. Salis schlug vor, sie in neuen Bataillonen zusammenzufassen.[304] Zwei Tage später billigte das Direktorium seine Reorganisationsvorschläge und entband ihn gleichzeitig von den Aufgaben des Generalstabschefs. Im Juli wurde er Mitglied des Kriegsrats sowie des Kriegsgerichts, das General Keller wegen Gehorsamsverweigerung und Desertion in Abwesenheit zu einer (in Kriegszeiten sehr milden) Strafe von einem Jahr Gefängnis verurteilte. Am 9. August entliess man Salis auch als Generaladjutanten.[305]

Rufer schrieb: «In bester Gesundheit, mit rosiger Gesichtsfarbe und wallenden braunen Locken war der schöne und elegante, erst siebenunddreißigjährige Salis-Seewis im Frühjahr 1799 ins Feld gerückt. Als hagerer, abgezehrter Greis, mit gebleichten Haaren, für seine besten Freunde beinahe unkenntlich geworden, kehrte er einige Monate später daraus zurück.» Noch im September bangte Tscharner um sein Leben.[306]

Nach der Ablösung Erzherzog Karls durch die Russen und dem Sieg der Franzosen über Korsakow (Zweite Schlacht bei Zürich, 25./26. September) und dessen Vorgesetzten Suworow (Schlacht bei Näfels, 1. Oktober)[307] war die Helvetische Republik mit Ausnahme des Kantons Rhätien wieder feindfrei.

Salis blieb auf eine Staatsstelle angewiesen. So wirkte er vom November 1799 bis im Januar 1801 erneut als Generalinspektor der Miliz im Kanton Zürich.[308]

Dass die Gedichte von Salis im Februar 1800 die vielbändige Sammlung der Lieblingsdichter Deutschlands eröffneten,[309] zeugt von ihrer Popularität. (Diesen Vorrang erhielten sie später auch beim Magazin der besten deutschen Klassiker[310] und zusammen mit jenen von Matthisson bei Meyer’s Groschen-Bibliothek der Deutschen Classiker.[311]) Zum Dichten aber war Salis vorerst nicht mehr zumute. An seiner Stelle würdigte Zschokke, Regierungskommissär in den Waldstätten, dass 1799 mehr Schweizer für die Helvetische Republik gefallen waren als 1798 für die Alte Eidgenossenschaft.[312] Nachstehendes Zitat stammt aus Zschokkes in den Ruinen des abgebrannten Altdorf[313] entstandenen Elegie an den Winter 1799–1800:

«[…] Hüll’ in dein Todtengewand die tote Natur und die Wunden,
    Welche das wüthende Jahr schlug mit eiserner Faust!
Und bedecke die stillen Gräber, die einsamen Hügel,
    Wo sie ruhen vom Kampf, für die Freiheit gekämpft,
Unsre Brüder! die Helden! – fern von den Hütten der Heimath.
    An den Ufern der Thur, an den Borden des Rheins! […]»[314]

Die Miliz neu aufzubauen fiel schwer. Die Niederlagen des Sommers 1799 und die Unfähigkeit der Helvetischen Republik, den versprochenen Sold zu bezahlen,[315] hatten die Wehrpflichtigen demoralisiert. Dazu wurde der als repräsentative Demokratie konzipierte Staat[316] zur Diktatur:[317] Im Jahr 1800 stürzten Republikaner (Notabeln)[318] und gemässigte Aristokraten mit zwei Staatsstreichen die aus den freien Volkswahlen von 1798 hervorgegangenen Behörden. Dadurch verlor Salis seine Protektoren La Harpe und Pfenninger. Die mit dem Inspektorat verbundenen Spesen überstiegen seine Einkünfte.[319]

Der Kanton Rhätien wurde im Juli von Lecourbe zurückerobert,[320] aber im Waffenstillstand von Parsdorf, entgegen der militärischen Lage, in eine französische, eine neutrale und eine österreichische Zone geteilt.[321] Im September erhielt Salis Befehl, ein Zürcher Elitenbataillon zu stellen, um den Splügenübergang des französischen Generals Macdonald zu decken. Er schreckte jedoch vor der nötigen Zwangsaushebung zurück[322] und wurde darum im November von Kriegsminister Lanther[323] gerügt. Die Entlassung als Generalinspektor, um die er darauf ersuchte, wurde ihm erst am 7. Januar 1801 gewährt, als der erwähnte Verband bereitstand.[324] Indessen befreite Macdonald Bünden endgültig,[325] und Österreich war gezwungen, im Friedensvertrag von Lunéville vom 6. Februar die Helvetische Republik anzuerkennen.

Zivile Funktionen (1801–1803)

Am 9. Mai 1801 veröffentlichte Bonaparte den Verfassungsentwurf von Malmaison, der eine Föderalisierung des wegen seiner Heterogenität chronisch unruhigen Einheitsstaats vorsah.

Nach der kränkenden Entlassung aus dem Militärdienst wurde Salis die Genugtuung zuteil, erster Vertreter Bündens in der Legislative der Schweiz zu werden, die damals Gesetzgebender Rat hiess. Das sich selbst ergänzende Gremium wählte ihn am 7. August zum Nachfolger Usteris,[326] der in die Vollziehungsrat genannte Exekutive aufgerückt war.[327] Bei dieser Gelegenheit wurde Salis von Alphons Pfyffer[328] im «Freyheitsfreund» als «Mann von patriotischem, edlem Gemeingeist» bezeichnet.[329] Dass der Dichter das Amt trotz fehlender politischer Erfahrung annahm, begründete er mit dem Wunsch, «die Glükseligkeit des helvetischen Volks durch Eintracht, Freyheit und beruhigende Einleitung in eine weise Verfassung zu befördern».[330]

In der Zwischenzeit war Salis auch Mitglied der helvetischen Tagsatzung geworden. Diese sollte gemäss der Verfassung von Malmaison den von Unitariern beherrschten Gesetzgebenden Rat ersetzen, war aber von den dafür zuständigen kantonalen Tagsatzungen mehrheitlich aus Einheitsfreunden zusammengesetzt worden. Die Bündner Tagsatzung allerdings hatte fünf Anhänger Österreichs zu Repräsentanten bestimmt, worauf der als Sechster gewählte Maienfelder Enderlin[331] die Wahl abgelehnt hatte.[332]

Die Tagsatzung sollte die Verfassung von Malmaison absegnen. Salis wurde am 11. September in die siebenköpfige Kommission gewählt, die das Geschäft vorbereitete.[333] Sie schlug Veränderungen am Text vor, die den unbedingten Unitariern aber zu wenig weit gingen. Darauf wurde die Kommission vergrössert, und schliesslich verwandelte die Tagsatzung sich laut Rufer unter Führung von Innenminister Rengger «in einen Verfassungsrat und schuf eine Verfassung, die dem Einheitssystem auf Kosten der Kantone noch größere Ausdehnung gab». Aber sogar diese wurde von den extremen Unitariern in der Schlussabstimmung abgelehnt. Salis hingegen stimmte ihr zu, während 16 Föderalisten, unter ihnen alle seine Bündner Kollegen, schon vorher ausgetreten waren.[334]

Eine erhaltene Rede von Salis bezieht sich wohl auf den ersten Entwurf der Kommission. Als Unitarier vermisste er darin folgende Bestimmungen:

  • «Es giebt nur ein Helvetisches Staatsbürgerrecht, und keine politischen Kantonsbürgerrechte.»
  • «Die Souverainität steht bey der Gesammtheit des helvetischen Volcks […]»

Andererseits forderte Salis, man solle nicht «die «Hirtenvölker und den Landbebauer zu Gunsten fabrizierender Städte bedrücken», indem diese die (dort reichlicher fliessenden) indirekten Steuern von den direkten abziehen dürften.[335]

Am 25. Oktober wurde Salis zum Vertreter Bündens in dem von der Verfassung von Malmaison vorgesehenen Senat gewählt.[336] Dieser trat aber nicht mehr zusammen, weil die Föderalisten am 27./28. mit Rückendeckung Frankreichs einen dritten Staatsstreich durchführten. Salis gehörte zu den elf Mitgliedern der Gesetzgebenden Rates und zur grossen Mehrheit der Repräsentanten, die öffentlich gegen die Auflösung der bisherigen Behörden protestierten.[337]

Im Januar 1802 wählte Malans Salis zum Distriktsrichter und Friedensrichter. In der Zwischenzeit hatte Bonaparte die Föderalisten angewiesen, den Unitariern eine Minderheitsbeteiligung an der Regierung zu gewähren. Ursina hörte, ihr Gatte könnte Kriegsminister werden. Die Wahl fiel dann aber auf Escher (posthum von der Linth), wie Kuhn, Rengger und Usteri einer der führenden Republikaner.

Salis erhielt dafür ein ehrenvolles ziviles Amt: Der Oberste Gerichtshof der Helvetischen Republik berief ihn im Februar zu seinem Bündner Mitglied, wobei ihm auch hier der erwähnte Enderlin den Vortritt liess. In eine neue Bündner Tagsatzung und einen von den Föderalisten beherrschten helvetischen Verfassungsrat hingegen wurde am 25. März bzw. 17. April der konservative Vater von Salis gewählt. Letztgenannte Wahl nahm der 61-Jährige allerdings krankheitshalber nicht an.[338]

Im Mai übersiedelte Salis nach Bern. Nachdem der Oberste Gerichtshof sich am 31. August in eine Revisions- und eine Kassationssektion aufgeteilt hatte, gehörte er der ersteren an.[339] Im selben Monat sah Salis in Bern Matthisson wieder.[340] Die Korrespondenz mit ihm löst für die nachfolgende Zeit jene mit Bansi als Hauptquelle für seine Biografie ab.[341]

Vom August bis zum Oktober fand die verharmlosend Stecklikrieg genannte Konterrevolution statt, die Bonaparte nach der Devise Teile und herrsche durch den Abzug der französischen Truppen unterstützte. Geführt wurden die (nicht nur mit Stöcken bewaffneten) Aufständischen vom selben Bachmann wie seinerzeit das Regiment Salis-Samaden.[342] Als die helvetische Regierung Bern verlassen musste, zog der Dichter sich mit der Familie für einige Wochen nach Saint-Blaise im neutralen preussischen Fürstentum Neuenburg zurück, wo Ursina ihre Ausbildung erhalten hatte. Dann kehrten die Franzosen zurück und beendeten den Bruderkampf zwischen Schweizern.[343]

Kanton Graubünden (1803–1834)

Salis mit 60 Jahren, Joseph Brodtmann (Lithografie «nach dem lebenden Modell», 1823)[344]
Salis um 1830, Georg Balder («Nach dem Leb[en] gez[eichnet] u[nd] lith[ografiert]»)

Als Bonaparte im März 1803 die Helvetische Republik auflöste (Mediation), kehrte Salis in den nunmehrigen Kanton Graubünden zurück. Dort wurde er in eine Vielzahl meist unbezahlter Ämter gewählt, «obschon im Allgemeinen ihm die oft trockenen Geschäfte obrigkeitlicher Amtsverwaltung wenig zusagen mochten».[345]

1803–1809 und 1821–1824 gehörte er dem Oberappellationsgericht an, 1805–1809 und 1812–1814 dem Grossen Rat. 1806/07, 1813–1816 und 1819/20 war er Mitglied der neunköpfigen Standeskommission, 1807/08 und 1814/1815 Bundsstatthalter, 1808/09 und 1818/19 Bundslandammann des Zehngerichtenbundes und als solcher progressives Mitglied des dreiköpfigen Kleinen Rates (Regierungsrat).[346]

Als Napoleons Siegeszug zu Ende ging,[347] scheiterte im Januar 1814 ein Putsch von Bündner Reaktionären. Salis gehörte darauf der fortschrittlichen Mehrheit der neunköpfigen Kommission an, die eine neue Kantonsverfassung erarbeitete, und der dreiköpfigen Delegation, die den Entwurf den Grossmächten unterbreitete.

Dann war er Mitglied einer dreiköpfigen Kommission, die vorschlug, den Hauptteil des Veltlins zum Schweizer Kanton, die Grafschaften Chiavenna und Bormio aber wieder bündnerisch zu machen. Indem sie dies noch mit Entschädigungsforderungen verband, machte sie sich neben dem mit Salis befreundeten[348] Landammann der Schweiz, Hans von Reinhard, mitschuldig am endgültigen Verlust des Tales.[349]

Ab 1814 war Salis als Oberst Präsident der kantonalen Militärkommission, der er ab 1805 bis zum Tod angehörte, ab 1819 auch eidgenössischer Oberst und 1822 Mitglied der eidgenössischen Militäraufsichtsbehörde – angesichts der anarchischen Zustände im damaligen Graubünden wenig dankbare Ämter.[350]

1820–1830 sass er im Kleinen Rat der Stadt Chur, ab 1822 alternierend als amtierender und ruhender Stadtvogt.[351] 1811 wurde er Ehrenmitglied der Schweizerischen Musikgesellschaft. 1817 zählte er zu den Gründern der Churer Freimaurerloge Libertas et Concordia.[352]

Parteifreunde warfen dem früheren Demokraten «eine seit 1800 beginnende, allmählich doch sehr merkbare Schwenkung nach rechts» vor.

In politischen Angelegenheiten nahm er auch nicht viel Rücksicht auf die Ansichten seiner Gattin. Dieser fiel nun mehr und mehr die Hauptsorge für die Ökonomie zu. In der Folge war sie «einem oft wiederkehrenden und nicht selten bis zur Bewusstlosigkeit sich steigernden Kopfweh unterworfen», das «quälende Zustände und Verstimmungen» verursachte.[353]

1825 erhielt Salis einen letzten Besuch des inzwischen nobilitierten Matthisson.[354] Dieser widmete damals Bonstetten und ihm die Ausgabe letzter Hand seiner Gedichte, «deren besserer Theil niemals entstanden wäre, wenn unsere Seelen sich nicht gefunden und erkannt hätten».[355] Roeder sah, «wie die beiden Greise als ein edles Zwillingspaar traulich auf Spaziergängen bald auf der Landstraße in der Ebene des Rheintals bei Chur, bald auf einem rauhen Bergwege zusammenwandelten […] Matthisson war schmächtig und trug das Aussehen eines Hofmannes in seiner äußern Haltung; v. Salis erschien kräftiger und in militärischem Ausdruck, der durch seine hohe Adlernase und festen Schritt sich deutlich unterschied.»[356]

Die Staatsämter liessen Salis laut Matthisson «für Ausflüge auf dem Pegasus oder für Spatziergänge in den Hainen der Minerva fast keine Sekunde übrig».[357] Aber obwohl er 1806 das Gedicht Abschied von der Harfe veröffentlicht hatte,[358] ging er nicht vergessen. Dafür sorgten allein schon die 14 seiner Gedichte, die Schubert 1816/17 (zum Teil mehrfach) vertonte.[359]

Die Neue Zürcher-Zeitung bezeichnete ihn 1822 als ersten, «unter den Jetztlebenden auch wohl einzig klassisch zu nennenden» Dichter der Schweiz.[360] Und noch zwei Jahrzehnte lang stammte über ein Prozent der Tagesmottos im Morgenblatt für gebildete Stände (Tübingen) von ihm.[361]

Nachleben

Unterschrift von Salis, 7. Mai 1793

Die letzte Lebensphase verbrachte Salis zurückgezogen in Malans.[362] 1834 starb er mit 71 Jahren im Brückerschen Haus «an einem chronischen Leberleiden und an Schwäche in den Verdauungsorganen». Dies geht aus dem Nachruf der Bündner Zeitung hervor, der von der Neuen Zürcher-Zeitung und der Allgemeinen Zeitung (Augsburg) nachgedruckt wurde. Einleitend heisst es darin:

«Der Name des Dichters Johann Gaudenz von Salis-Seewis hat europäischen Ruf, und soweit die deutsche Muse ihre Priester und Verehrer gefunden, glänzt v. Salis unter den gefeierten Namen. Am südlichen Marksteine deutscher Sprache und Dichtung geboren, war er als Dichter eine seltene Erscheinung in den bündnerischen Thälern, und vielleicht dankbarer, als die engere Heimath, spricht das gesamte Deutschland, wenn es die Reihe seiner Zierden überblickt, mit edlem Stolze: "Der Mann gehört uns an!"»[363]

Dass Salis, «gewesener Bundslandaman, eidgenössischer u. Kantonsoberst», «fest vertrauend in Christum» gestorben sei, betont die Gedenktafel an der Seewiser Kirchenmauer durch nachstehendes Zitat aus seinem Morgenpsalm:

«[…] Im Morgenroth, das naher Gletscher Reih’n
Und ferner Meere Grenzkreis glorreich hellt,
Verdämmert seines Thrones Wiederschein,
Der mild auf Menschen, hell auf Gräber fällt.
Er leuchtet Huld auf redliches Vertrau’n
Und Licht der Ewigkeit durch Todesgraun. […]»[364]

Die Witwe, welche sich schon vorher zeitweise völlig apathisch und erschöpft gefühlt hatte, folgte dem Gatten 1835 mit 63 Jahren nach.[365]

Das Ehepaar hinterliess vier Kinder:

  • Johann Ulrich Gaudenz (1794–1844), ∞ Barbara von Cleric (1801–1862), 1826/27 und 1828/29 radikaldemokratischer Regierungsrat,[366] wohnhaft im Brückerschen Haus, Malans
  • Margaretha Jakobea, genannt Meta (1797–1865),[367] ∞ ihren Cousin Johann Ulrich von Salis-Soglio (1790–1874), 1847 General des Sonderbunds, wohnhaft in Chur
  • Johann Jakob (1800–1881),[368] ∞ Anna Barbara von Jenatsch (1800–1856), wohnhaft auf Schloss Bothmar, Malans
  • Ursina, genannt Sina (1803–1871), ∞ Oberst Anton Michel (1800–1857), wohnhaft in Chur und Seewis

Der Enkel Johann Gaudenz Dietegen von Salis-Seewis (1825–1886) nahm 1848 an der Deutschen Revolution teil und wurde radikaldemokratischer Regierungsrat, Ständerat und Nationalrat. Seine Schwester Anna Barbara (1829–1916) war mit dem liberalen Nationalrat und ersten Bündner Bundesrat Simeon Bavier (1825–1896) verheiratet, die Urenkelin Katharina Bavier (1851–1875) mit dem späteren Generalstabschef Theophil Sprecher von Bernegg (1850–1927).

1862 fanden in Seewis und Chur Feiern zum 100. Geburtstag von Salis statt. Dabei vermied man es, an die Kämpfe zwischen Patrioten und Aristokraten, Anhängern der Schweiz und Österreichs zu erinnern. In Seewis sang man Die Kinderzeit.[369] Der Pfarrer bemerkte immerhin, es mache «einen bemühenden Eindruck», dass dem Grab des Dichters «bis anhin jegliches äußere Erinnerungszeichen fehle». In der Kantonshauptstadt zitierten Redner neben dem obligaten Grab auch An die Unterdrückten.

Vier Jahre später wurde im Churer Stadtgarten das von liberalen Adligen[370] initiierte 5 m hohe Salis-Denkmal von Ludwig Keiser enthüllt.[371]

Es zeigt auf einem Säulenschaft eine wenig ähnliche Büste des Geehrten.[372] Den Sockel schmücken Reliefs mit Personifikationen der Lyrik (Euterpe), der Erinnerung (Mnemosyne, Mutter der Musen) und der Kriegskunst (Minerva). Auf der vierten Seite steht der Schluss des Jugendwerks von Salis An mein Vaterland, der so unverfänglich ist, dass er sogar zu antihelvetischer Propaganda verwendet worden war:[373]

«[…] Heil dir und dauernde Freiheit, du Land der Einfalt und Treue!
    Deiner Befreier Geist ruh’ auf dir, glückliches Volk!
Bleib’ durch Genügsamkeit reich und groß durch Strenge der Sitten;
    Rauh sei, wie Gletscher, dein Muth; kalt, wenn Gefahr dich umblitzt!
Fest, wie Felsengebirge, und stark, wie der donnernde Rheinsturz;
    Würdig deiner Natur, würdig der Väter, und frei!»[374]

Bei der Einweihung des Werks erklang das Lied eines Landmanns in der Fremde («Traute Heimath meiner Lieben […]»).[375] Pieth bezeichnete es als «eigentümliche Fügung», dass die Festrede «durch den Trommelwirbel eines vorüberziehenden, bei einem drohenden europäischen Kriege[376] zum Schutze der Grenzen bestimmten Bataillons aus Zürich gestört wurde».[377]

Um Salis zu huldigen, imaginierte der Lyriker und Revolutionär Ferdinand Freiligrath 1872 einen an der Strecke Sargans–Chur[378] gelegenen Bahnhof:

«[…] Station Malans![379] Kein Halten!
Vorbei! Ich hebe den Hut;
Ich neige mein Haupt dem Alten,
Dem Sänger lieb und gut. […]»[380]

Nach dem Ersten Weltkrieg schrieb Emil Jenal, ein Schüler des österreichischen Germanisten Josef Nadler,[381] Salis «völkische Wesenszüge» zu.[382] Dies inspirierte Heinrich Eugen Wechlin,[383] den «größten Lyriker der eidgenössischen Wiedergeburt»[384] für die Frontenbewegung zu vereinnahmen. Er behauptete: «[…] nicht aus der französischen Aufklärungsphilosophie und staatlichen Umwälzung schöpfte Salis sein Freiheitsideal, sondern aus dem bündnerischen und bergalemannischen Volkstum […].»[385]

Demgegenüber mutmasste der Linksfreisinnige Rufer 1938 im Zuge der Geistigen Landesverteidigung: «[…] lebte Johann Gaudenz Salis-Seewis unter uns, er stände in der vordersten Reihe der Kämpfer für Freiheit, Recht und Demokratie, Vernunft, Menschlichkeit und Kultur, gegen die Entwürdigung, Versklavung und Entrechtung der Individuen und Völker.»[386]

Ein Gedenkstein, der Salis zu seinem 200. Geburtstag in Seewis gesetzt wurde, trägt die Inschrift «Sänger der Heimat, Diener des Volkes».

Galerie

Werke

Die Gedichtsammlungen Salis (1848) und Frey (1884) sind in den Fussnoten abgekürzt. Von einer geplanten kritischen Ausgabe der Werke und Briefe in drei Bänden erschien infolge des Todes des Herausgebers nur eine Auswahl aus dem Briefband.[388] Namentlich die Tagebücher von Salis[389] und seine Korrespondenz mit Bansi[390] warten weiterhin auf eine Publikation.

Gedichte in Almanachen etc.

Gedichte von J. G. von Salis (Orell Füssli)

Andere Ausgaben (ohne Partituren)

Rezensionen

Literatur

Wohl wegen des erforderlichen interdisziplinären Ansatzes (Literatur-, Kriegs-, Politikgeschichte) und der Vielzahl von Quellen existiert noch keine umfassende Biografie. Die Titel Actensammlung, Frey (1889), Friedmann (1917), Rufer (1938) und Erni (1995) sind in den Fussnoten abgekürzt.

18. Jahrhundert

19. Jahrhundert

20. Jahrhundert

21. Jahrhundert

Audiodateien

Nachweise und Anmerkungen

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