Alec Bagot

australischer Telegrafist, Politiker und Autor From Wikipedia, the free encyclopedia

Edward Daniel Alexander „Alec“ Bagot (* 25. Dezember 1893 in Adelaide; † 12. Juni 1968 in Sydney), kurz auch E. D. A. Bagot, war ein australischer Politiker, Unternehmer und Autor.

Alec Bagot[1] als junger Marconist im Funkraum der Olympic (koloriertes Foto, 1913)

Der Sohn einer anglo-irischen Familie arbeitete nach einer Kindheit in Westaustralien und England zunächst als Telegrafist auf Passagierdampfern. In dieser Zeit wurde er 1912 an Bord der Olympic indirekt Zeuge des Untergangs der Titanic. Nach dem Kriegsdienst im Ersten Weltkrieg versuchte sich Bagot sowohl in Mesopotamien als auch in seiner australischen Heimat als Unternehmer im motorisierten Ferntransport. In den 1930er Jahren erlangte er auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise als populistischer Anführer der rechten Citizens’ League of South Australia Bekanntheit, als er die Berufung eines Diktators zur Überwindung der wirtschaftlichen und politischen Krise Australiens forderte.

Nach dem Ende der Citizens’ League 1934 bemühte sich Bagot zunächst weiterhin um eine politische Karriere und war von 1938 bis 1941 Mitglied des South Australian Legislative Council. Ab 1944 arbeitete er schließlich in New South Wales in einem staatlichen Versicherungsbetrieb, in dem er insbesondere für die Unternehmenszeitung tätig war. Nach seinem Ruhestand 1955 widmete er sich dem Leben und Schaffen des australischen Theaterunternehmers und Politikers George Coppin (1819–1906), über den er 1965 eine umfangreiche Biografie vorlegte. Bagot starb drei Jahre später.

Leben

1893–1916: Frühe Jahre

Edward Daniel Alexander Bagot, genannt Alec, kam 1893 in Henley Beach, einem Stadtteil am Strand von Adelaide, in South Australia als Sohn anglo-irischer Einwanderer zur Welt. Seine Mutter war Harriet Lilian Bagot, geb. Massy-Dawson († 1901),[2] eine Tochter des Juristen und anglikanischen Schriftstellers Francis Dennis Massy-Dawson (1803–1870),[3] dessen Vater James Hewitt Massy-Dawson (1779–1834) wiederum aus einer Familie der anglo-irischen Oberschicht stammte und von 1820 bis 1830 die südirische Stadt Clonmel im House of Commons repräsentiert hatte.[4] Bagots Vater war der anglikanische Geistliche Edward Arthur Bagot (1854–1930), der aus dem irischen County Kildare stammte und 1891 Harriet Lilian Massy-Dawson geheiratet hatte. Noch im selben Jahr war das Ehepaar nach Adelaide ausgewandert.[5]

Bagot verbrachte seine frühe Kindheit gemeinsam mit seiner Schwester und seinem Bruder in Western Australia,[2] wo sein Vater als Geistlicher unter anderem in den Goldgräberstädten Kalgoorlie und Coolgardie tätig war. 1899 kehrte die Familie nach England zurück,[5] wo Bagot Privatschulen in Framlingham und Lowestoft im ostenglischen Suffolk besuchte.[2] Nach dem Tod seiner Mutter 1901 ging sein Vater eine neue Ehe mit Frances Spencer Churchill Hamilton (1879–1909) ein, aus der zwei Halbbrüder Bagots entstammten.[5] Im Alter von 15 Jahren ließ sich Bagot derweil in Ilford als Telegrafist ausbilden und wurde anschließend als sogenannter „Marconist“ von der Marconi’s Wireless Telegraph Company übernommen. In den nächsten Jahren arbeitete er unter anderem als zweiter Funker an Bord der Olympic,[2] auf der er auch im April 1912 im Dienst war, als sie von der untergehenden Titanic um Hilfe angefunkt wurde. Jedoch befand sich die Olympic in der Nacht des Unglücks zu weit entfernt, um Überlebende retten zu können. 1913 kehrte Bagot nach Australien zurück, wo er eine Anstellung im Postmaster-General’s Department in seiner Geburtsstadt Adelaide annahm.[6] Zumindest ab 1915 war er dort als Maschinen- und Anlagenführer tätig. Im September 1916 heiratete er die Arzttochter Christobel Ballantyne Bollen (1892–1973).[2]

1916–1929: Erster Weltkrieg und Unternehmer

Mitglieder des 1st Australian Wireless Signal Squadron im März 1917 in Bagdad, kurz nach der Einnahme der Stadt: Bagot ist rechts in der oberen Reihe abgebildet, unter den anderen Mitgliedern sind Michael James Hillary (untere Reihe, links) und Charles Marr (untere Reihe, mittig)

Nur wenige Monate nach Bagots Rückkehr nach Australien war in Europa der Erste Weltkrieg ausgebrochen, dem Australien aufgrund seiner Verbindung zum Vereinigten Königreich rasch beitrat. Die Australian Imperial Force wurde somit auch nach Europa entsandt und dort insbesondere an Kriegsschauplätzen mit britischer Beteiligung eingesetzt, wie zum Beispiel im damals noch osmanisch dominierten Mesopotamien. Einen Tag nach seiner Hochzeit im September 1916 ging auch Bagot in den Kriegsdienst, als er in das 1st Australian Wireless Signal Squadron eingezogen wurde, einer Schwadron von Militärfunkern, das wenige Monate vorher eigens für die Mesopotamienfront gegründet worden war. Bagot diente über die nächsten zwei Jahre in Mesopotamien als Militärfunker und wurde zweimal über das Prinzip „mentioned in dispatches“ für seine Tapferkeit geehrt. Im letzten Kriegsjahr wurde er zum Captain befördert, einem militärischen Rang vergleichbar mit dem eines Hauptmannes. Zugleich verfasste Bagot die offizielle Geschichte seines Schwadrons.[2] Im Februar 1919 wurde er aus dem Kriegsdienst entlassen und kehrte daraufhin nach Australien zurück,[7] ohne jedoch eine klare Perspektive für sein weiteres Leben mitzubringen.[2]

Der Kriegsdienst im Nahen Osten wirkte in Bagot nach. Noch im Jahr seiner Rückkehr hielt er vor der Handelskammer von Melbourne einen Vortrag über die wirtschaftlichen Möglichkeiten Mesopotamien; insbesondere im Außenhandel, der Landwirtschaft und dem Verkehrsgewerbe erkannte er Chancen für australische Unternehmen und andere Geschäftsleute des British Empire. Bagot selbst folgte diesem Ruf und kehrte 1920 gemeinsam mit seiner Frau in den Nahen Osten zurück, wo sich gerade das Britische Mandatsgebiet Mesopotamien im heutigen Irak zu formieren begann.[7] Bald fasste er dort als Unternehmer im Handels- und Verkehrssektor Fuß.[6] 1924 wurde er Geschäftsführer der Eastern Transport Company, die als erstes Unternehmen unter Nutzung motorisierter Verkehrsmittel eine Postverbindung durch die Syrische Wüste zwischen Beirut, Bagdad und Teheran unterhielt.[2] Das Unternehmen griff unabhängig eine Idee auf, die 1923 bereits von der Nairn Transport Company unter der Leitung zweier neuseeländischer Brüder zwischen der Mittelmeerküste und Bagdad ausgetestet worden war.[7] Parallel wurde Bagot Mitarbeiter der englischsprachigen Tageszeitung Times of Mesopotamia und war ab 1920 Sekretär der British and Arab Chambers of Commerce.[8]

Karikatur Bagots von John Henry Chinner, um 1925 entstanden anlässlich der Gründung von Bagot’s Overland Tours[9]

1922 wurden die Bagots in der Hafenstadt Basra Eltern eines Sohnes, der das einzige Kind der beiden blieb.[2] Sozial suchten sie in diverser Weise Anschluss an die europäisch-westliche Gesellschaft in Mesopotamien. Bagot trat unter anderem den Freimaurern bei,[6] suchte aber auch zum Beispiel Kontakt zu diversen britischen Archäologen, darunter Archibald Henry Sayce und Leonard Woolley. Über letzteren kam er wohl in Besitz von etwa 15 babylonischen Siegeln, darunter aus dem Zikkurat des Mondgottes Nanna in Ur. Seine Sammlung – die neben den Siegeln auch einige andere Antiquitäten umfasste – verkaufte er 1929 an die National Gallery of Victoria,[10] vier Jahre nachdem er 1925 mit seiner Familie wieder nach Australien zurückgekehrt war. Dort initiierte er zunächst ein ähnliches geschäftliches Projekt wie im Nahen Osten, als er ein Transportunternehmen für die Verbindung zwischen Adelaide und Darwin durch das australische Outback gründete.[2] Die sogenannten Bagot’s Overland Tours waren jedoch kein Erfolg und gingen bald in Konkurs. 1927 nahm Bagot deshalb eine Stelle als Vertreter für die australische Branche von General Motors an und versuchte sich nebenher als Kleinunternehmer;[6] 1928 wechselte er in die Versicherungsbranche.[2]

1929–1944: Rechter Politiker in der Wirtschaftskrise

Politisierung

Wenngleich seine Geschäftsprojekte in den 1920er Jahren wenig Erfolg beschieden war, so hatten sie Bagot einiges an Bekanntheit in Australien eingebracht. Anfang 1929 wurde er daher eingeladen, eine Rede über das wirtschaftliche Potenzial im Nahen Osten vor dem Constitutional Club seiner Heimatstadt Adelaide zu halten, einer politischen Vereinigung mit ausgesprochen konservativer Haltung. Bagot lamentierte in seiner Rede, dass die hohen Lohnkosten in der australischen Wirtschaft Exporte unrentabel machen würden und damit Australiens wirtschaftliches Potential einschränken würden. Angetan von Bagots Rede kooptierte der Club ihn im Juni 1929 zu seinem Vorstand. Bagot trat auf diesem Weg in die Welt der Politik ein – nur wenige Monate vor dem Beginn der Weltwirtschaftskrise ab Ende 1929, die schnell auch Australien stark betraf. Für den Constitutional Club und seine Mitglieder war diese Krise durch die wirtschaftliche Inkompetenz des bestehenden politischen Systems mit seinem ausufernden Staat und seiner festgefahrenen Parteipolitik verursacht worden.[11]

Im Laufe des Jahres 1930 etablierte sich Bagot rasch als einer der Wortführer dieser neuen Rechten. Im April 1930 tat er noch privat kund, dass er die Vorschläge des linken Premierministers James Scullin, über einen festen Abgabepreis pro Scheffel den Weizenanbau und damit auch die Exportwirtschaft Australiens wieder anzukurbeln, als ersten Schritt in Richtung „Sowjetismus“ betrachte.[12] Einige Monate später verfasste er einen offenen Brief an die Tageszeitung The Advertiser, in der er – angeregt durch eine Rede von Archie Galbraith Cameron vor dem Constitutional Club – offen zu einer Diktatur in Australien aufrief: Ein starker Mann – im besten Fall mit unternehmerischem Hintergrund – müsse alle Macht einsetzen können, um „die Fesseln der Parteipolitik zu lösen [und] jene nutzlosen Politiker sowohl von Liberal als auch von Labor abzusetzen, die es durch ihre schiere Unfähigkeit ermöglicht haben, dass das Land in Richtung Zahlungsunfähigkeit schlittert.“ In einer weiteren öffentlichen Rede im September 1930 bei der Political Reform League stellte er erneut heraus, dass die von Parteipolitik korrumpierte Demokratie und die Wirtschaftskrise kausal verbunden seien, und forderte eine sofortige, neuartige Lösung, da diverse Versuche zur politischen Lösung über bekannte Wege gescheitert seien.[13]

Gründung der Citizens’ League of South Australia

Angesichts dieser von ihm wahrgenommenen Notlage initiierte Bagot Anfang Oktober 1930 ein Treffen diverser lokaler konservativer Gruppierungen, darunter seines Constitutional Club, der Political Reform League unter Keith Cameron Wilson und der Vereinigung von Getreideproduzenten. In Rahmen des Treffens klagte er in einer „leidenschaftlichen Rede“ erneut die Parteipolitik als Quell allen Übels an und forderte einen starken Führer zur Lösung aller Probleme ein. Unter seiner Führung beschlossen die anwesenden Aktivisten die Organisation einer Großdemonstration zwei Wochen später sowie die Gründung einer permanenten Massenbewegung namens Citizens’ League of South Australia, deren Leitung sich aus den Anführern der teilnehmenden Gruppierungen zusammensetzte und bald Kooperationen mit anderen lokalen Aktivistengruppen einging.[14] Bagot wurde zum Generalsekretär der Gruppe bestimmt, ihr Präsident wurde der Unternehmer William Queale. Viele ihrer Mitglieder entstammten der unteren Mittelschicht;[15] im Januar 1931 hatte die Citizens’ League bereits 5.000 Mitglieder, wenige Monate später waren es 22.000.[14] Allein bis Juni 1931 organisierte die Gruppe unter Bagot über 200 öffentliche Versammlungen, an denen insgesamt über 42.000 Personen teilnahmen.[16]

Ein noch radikalerer Zeitgenosse Bagots: Eric Campbell, Anführer der „New Guard“ in New South Wales

Bagot organisierte die Citizens’ League unter seiner Führung in „sehr militärischer Weise, mit ordentlichen Befehlsketten“. Im öffentlichen Auftreten setzte die Liga einen klaren Bezug zu Australiens militärischem Erfolg im Ersten Weltkrieg, ohne jedoch eine Ausprägung vergleichbar mit der faschistoiden „New Guard“-Miliz aus New South Wales zu erreichen, mit der Bagot dennoch nicht scheute, Kontakt aufzunehmen.[17] Dies war Teil seiner Bemühungen um den Aufbau einer nationalen Massenbewegung, die er über die Gründung lokaler Ableger seiner Citizens’ League verwirklichen wollte. Dies hatte jedoch nur limitierten Erfolg: In einigen Fällen wie der Australian Citizens’ League in Melbourne gründeten sich zwar ähnliche Gruppierungen, die sich aber als eigenständige Organisationen verstanden wissen wollten, in anderen Fällen verliefen sich seine Bemühungen im Sande. Weitere Organisationen in anderen Teilen Australien entstanden gänzlich ohne Bagots Zutun, darunter die All for Australia League in Sydney.[18] Wie auch diese anderen Organisationen dieses nur lose verbundenen citizen’s movement betrachteten sich Bagot und die Citizens’ League of South Australia nicht als Beginn einer neuen politischen Partei, sondern in der Tradition früherer konservativer nicht-parteilicher Gruppierungen als Ausdruck der „öffentlichen Meinung“ und des „öffentlichen Gewissens“, das durch die Wirtschaftskrise neu erwacht sei.[19]

Ideologie

Als Generalsekretär und Sprachrohr hatte Bagot großen Einfluss auf die Positionen der Citizens’ League. So übernahm diese zum Beispiel Bagots Forderung nach der Einrichtung einer Diktatur anstelle eines demokratischen Systems, um die Probleme Australiens – insbesondere die Parteipolitik – überwinden zu können. Voraussetzung sei allerdings ein geeigneter, charismatischer Anführer, der das nationale Interesse vor alles andere stellen würde. Einen solchen Führer meinte Bagot ursprünglich im Weltkriegsgeneral John Monash zu erkennen. Notfalls müsse eine solche Umstrukturierung des politischen Systems auch durch verfassungswidrige Mittel erreicht werden, sei es eine Vorenthaltung von Steuern oder eine wie auch immer geartete „Machtdemonstration“ durch die konservativen Aktivisten.[20]

Wirtschaftspolitisch kritisierten Bagot und die Citizens’ League eine ihrer Meinung nach überbordende Einflussnahme des Staates in die Wirtschaft und die hohe öffentliche Verschuldung, die in den 1920er Jahren einen falschen Reichtum vorgespiegelt habe.[21] Privat beeindruckt von den wirtschaftspolitischen Ideen eines Henry Ford, forderten Bagot und die Citizens’ League als Lösung für die wirtschaftliche Krise eine verschlankende „Rationalisierung“ der Wirtschaft, die man auch auf die Politik ausdehnen müsse.[22] So hoffte er unter anderem darauf, zur Steigerung der Effizienz die Parlamente der australischen Bundesstaaten durch kleine Gremien von bezahlten Administratoren ersetzen zu können.[23] Ein ähnliches Expertengremium schlug er zur Kontrolle staatlicher Ausgaben und der Tarifpolitik vor, die letztlich eine weitgehende Privatisierung münden müsse. Ähnliche Gremien sollten seiner Meinung nach die Beziehungen zwischen Arbeitgebern und -nehmern organisieren, um den Arbeitgebern wieder mehr Macht zu geben.[24]

Ausgesprochener als vergleichbare Gruppierungen war Bagots Gruppe in ihrem Antikommunismus, der auf Bagots persönliche Animosität und eine allgemeine Furcht vor einer kommunistischen Verschwörung zur Übernahme Australiens zurückging. Unter seiner Führung forderte die Citizens’ League unter anderem, den Kommunismus und die Verbreitung kommunistischer Propaganda zu verbieten und illoyale „Agitatoren“ zu deportieren. Ebenso organisierte die Citizens’ League in geheimer Absprache mit der South Australia Police eine Gruppe von special constables, die im Falle eines Generalstreiks systemrelevante Dienste und Recht und Ordnung aufrechterhalten sollten.[25] Im Gegenzug zelebrierten Bagot und seine Mitstreiter offen ihre britische Herkunft und ihre Loyalität zum britischen Heimatland.[26] Daher engagierte er sich auch in lokalen Protesten gegen die Ernennung des gebürtigen Australiers Isaac Isaacs als Generalgouverneur von Australien, der von James Scullin durchgesetzt worden war, obwohl die Ernennung eines gebürtigen Australiers anstelle eines Briten bis dahin präzedenzlos war.[2]

Wahlen 1931 und Auflösung der League

Joseph Lyons (1931)

Bagots radikale Ideen waren jedoch kaum mehrheitsfähig; graduell musste er daher einlenken. Im Frühjahr 1931 stellte er sich hinter den Abgeordneten Joseph Lyons, der aus Protest aus dem Kabinett von James Scullin und dessen Labour Party ausgetreten war und nun für Bagot und seine Mitstreiter die Hoffnung auf die Überwindung des alten Parteisystems symbolisierte.[27] Nach anfänglichen Debatten konnten Bagot und die Citizens’ League im April 1931 auf einem Treffen mit der All for Australia League sicherstellen, dass sich beide Bewegungen geschlossen hinter Lyons stellen würden. Daraus entwuchs in den folgenden Wochen das sogenannte United Australia Movement, das sich im Parlament unter Lyons’ Führung als United Australia Party institutionalisierte. In South Australia organisierte sich derweil das sogenannte Emergency Committee of South Australia, das moderate Konservative und die verschiedenen Basisgruppen unter Leitung von Archibald Grenfell Price zusammenbrachte, um für die nächsten Parlamentswahlen eine gemeinsame Liste aufzustellen und zugleich dem radikalen Populisten und Parteikritiker Bagot den Wind aus den Segeln zu nehmen. Obgleich Bagot dem Projekt zunächst äußerst kritisch gegenüberstand und insbesondere eine Zusammenarbeit mit der moderaten Liberal Federation ablehnte, gab er schließlich nach, um einen Sieg der Linken zu verhindern, zumal auch William Queale dem Emergency Committee beitreten wollte.[28] Diese Entscheidung wurde jedoch von vielen Unterstützern der Citizens’ League als Abkehr von deren Anti-Partei-Linie kritisiert; später gab Bagot an, dass danach die Unterstützung und das Momentum der Citizens’ League einbrachen.[29]

Tatsächlich konnten bei den Wahlen 1931 die United Australia Party – mit Unterstützung des Emergency Committee in South Australia – eine Mehrheit der Sitze im australischen Parlament gewinnen; Joseph Lyons wurde neuer Premierminister. In vielen Fällen bedeutete das das Ende des citizens’ movement; viele Organisationen der Bewegung lösten sich alsbald auf. Nur die Citizens’ League unter Bagot blieb noch aktiv, musste sich allerdings im Nachgang der Wahlen ebenfalls konsolidieren. Nach eigenen Angaben konnte die Gruppe sogar im August 1932 mit 23.133 Mitgliedern – etwa 7 % der damaligen Wahlberechtigten von South Australia – einen neuen Mitgliedsrekord aufstellen, viele dieser Mitglieder waren aber nur noch nominell aktiv. Inhaltlich setzte sich die Liga weiterhin für eine Reduzierung von Staatsausgaben und Arbeitslosigkeit, die Abschaffung von Tarifen und den Kampf gegen den Kommunismus und suchte einen Ausbau der Handelsbeziehungen innerhalb des British Empires. 1933 erwog die Gruppierung, in Antwort auf die weiter sinkenden Mitgliedszahlen doch noch eine eigene politische Partei zu gründen, nahm aber letztlich davon Abstand. Ende 1934 löste sich die Gruppe schließlich selbst auf; ihren Untergang sah sie darin begründet, dass viele ihrer ehemaligen Unterstützer mittlerweile wieder zur moderat-konservativen Liberal Party zurückgekehrt waren.[30] Zugleich hatte sich die wirtschaftliche Situation des Landes erholt; eine Krisenstimmung wie 1930, von der die Citizens’ League damals profitiert hatte, lag nicht mehr vor.[2]

Kandidaturen für öffentliche Ämter

Das Ende der Citizens’ League schien für Bagot persönlich zunächst der Sturz in die Bedeutungslosigkeit zu sein.[31] Bereits im Somer 1934 hatte er jedoch begonnen, neue Wege in die Politik zu suchen. Bereits im September 1934, noch vor der offiziellen Auflösung der Citizens’ League, hatte er sich als parteiloser Kandidat bei den Parlamentswahlen 1934 für den Wahlkreis Adelaide aufgestellt,[2] kam aber mit 16,71 % der Stimmen nur auf den dritten Platz hinter dem konservativen Amtsinhaber Fred Stacey und seinem Labour-Herausforderer Ken Bardolph.[32] Anschließend bemühte sich Bagot, zum Commonwealth Trades Commissioner to the East ernannt zu werden, einer Art Handelsbeauftragten für Ostasien, scheiterte jedoch in diesem Unterfangen.[6]

Eröffnung der Sitzungsperiode des Jahres 1939 im South Australian Legislative Council

Bei den Regionalwahlen in South Australia 1938 kandidierte Bagot wieder als Parteiloser, diesmal im „Southern District“ für das South Australian Legislative Council, dem Oberhaus des Landesparlaments von South Australia. Diesmal wurde er gewählt und gehörte deshalb bis 1941 dem Parlament an, wo er Mitglied des Joint Committee on Subordinate Legislation war.[33] Auf Basis seiner Erfahrungen kompilierte er ein Buchmanuskript mit dem Titel The New M.P., das allerdings von keinem Verlag zur Veröffentlichung akzeptiert wurde, zum Teil wegen der enthaltenen Kritik an Zeitgenossen.[6] Der Politik kehrte er danach den Rücken.

In Bagots Amtszeit fiel auch der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Nachdem sein Mandat abgelaufen war, wurde er im Mai 1942 in die Australian Military Forces eingezogen und diente bis zum September 1944.[34] Sein Sohn Edward Christopher Bagot diente ebenfalls im Krieg, allerdings als Pilot der Pathfinder Force. Als solcher wurde er Anfang 1944 bei einem Luftangriff auf Berlin abgeschossen und kam ums Leben.[6][35]

1944–1968: Rückkehr in die Wirtschaft und Coppin-Biograf

1944 kehrte Bagot in die Privatwirtschaft zurück und nahm in Broken Hill, einer Bergbausiedlung im Osten von New South Wales, eine Anstellung beim Government Insurance Office an, einer staatlichen Arbeitnehmerversicherung. Schnell zeichnete er sich in seinem neuen Beruf aus und wurde alsbald nach Sydney versetzt, wo die Versicherung ihren Hauptsitz hatte. Ab 1946 war er Redakteur der unternehmenseigenen Zeitung Survivor und wurde 1951 zum Produktionsleiter befördert. 1963 ging er in den Ruhestand.[2]

Das Subjekt der Biografie: George Coppin (hier 1890)

Ab 1955 recherchierte Bagot für eine Biografie über den australischen Schauspieler und Politiker George Coppin, den er als „Vater des australischen Theaters“ (Father of the Australian Theatre) verstanden wissen wollte. Sein Buch erschien 1965 unter dem Titel „Coppin the Great“ im Verlag der Universität Melbourne.[6] Bagot erzählt dort die Lebensgeschichte Coppins auf Basis einer Auswertung von Coppins Nachlass, der von dessen Stieftochter und späterer Ehefrau Lucy zusammengetragen worden war.[36] Insbesondere Bagots Einordnung von Coppin als „Vater des australischen Theaters“ wurde nach der Veröffentlichung kontrovers diskutiert und nicht zuletzt von Helen Oppenheim in einer Rezension in der Fachzeitschrift Australian Literary Studies angezweifelt.[37] Der Theaterhistoriker Eric Irvin hinterfrage vier Jahre später in seiner Monografie Theatre Comes to Australia ebenfalls, wie Coppin etwas begründet haben soll, das schon zehn Jahre von seiner Ankunft in Australien existiert habe.[38] Auch später konnte sich Bagots Behauptung nicht durchsetzen, wenngleich Coppins Stellung als bedeutsame Figur der australischen Theatergeschichte nicht angezweifelt wird.[39]

Tod und Nachleben

Ab Mitte der 1960er Jahre litt Bagot an chronischer lymphatischer Leukämie, an der er im Sommer 1968 in Sydney im Alter von 74 Jahren verstarb. Sein Leichnam wurde nach Adelaide überführt und dort nach anglikanischem Ritus bestattet;[2] er ist auf dem Centennial Park Cemetery in Pasadena, einem Stadtteil von Adelaide, bestattet.[34] Bagots Nachlass, darunter auch ein unpubliziertes Manuskript für eine Autobiografie mit dem Titel Roaming Around aus 1924/1925,[8] befindet sich heute im Besitz der State Library of South Australia.[40] Ein Auszug über die Titanic-Katastrophe aus seiner Autobiografie wurde online von der Titanic Historical Society publiziert.[41] Weitere Archivbestände zu Bagot sind in der National Library of Australia zu finden.[42]

Eine erste Aufarbeitung von Bagots Leben legte 1979 John Lonie mit einem biografischen Abriss für das Australian Dictionary of Biography (ADB) vor.[2] Die Archäologin Parvine H. Merrillees arbeitete 2001 für ihre Studie zu Siegeln im Besitz der National Gallery of Victoria – deren Sammlung etwa zur Hälfte aus Bagots Siegeln besteht – Bagots Zeit in Mesopotamien auf.[10] Eine detaillierte Auseinandersetzung mit Bagots politischem Wirken leistete der neuseeländische Historiker Matthew Cunningham in seinem 2022 veröffentlichten Buch Mobilising the Masses: Populist Conservative Movements in Australia and New Zealand During the Great Depression.[43] In Bagots Nachlass enthaltene persönliche Bilanzen und andere Buchführungsunterlagen, insbesondere aus den 1930ern, wurden 2007 von Garry D. Carnegie und Stephen P. Walker, zwei Professoren in Buchführung, für eine mikrohistorische Studie über das private Buchführungswesen in Australien genutzt und waren laut ihnen so umfangreich wie keine vergleichbaren Dokumente. Carnegie und Walker begründeten diese Detailversessenheit mit Bagots Hintergrund als Funktelegrafist und Unternehmer.[8]

Einordnung

Obwohl Bagot mit seiner Initiative zur Gründung der Citizens’ League den Beginn eines politischen Zeitalters in Australien markierte,[11] ist eine Einordnung seines Schaffens bislang nur im Ansatz vorhanden. John Lonie bezeichnete die Citizens’ League in seinem ADB-Eintrag über Bagot als „militant-rechte politische Organisation“, als deren Anführer Bagot „politisch naiv in seinen öffentlichen und privaten Aussagen“ gewesen sei.[2] Eine solche „politische Naivität“ attestiert ihm auch Matthew Cunningham, nach dessen Meinung Bagot ansonsten eine „statthafte, einigermaßen autoritäre Person mit einer exzellenten Sprechstimme und einer Vorliebe zum Organisieren“ war, obwohl er 1930 mit 37 Jahren der jüngste Anführer der großen Gruppen des citizens’ movement gewesen sei. Seine Naivität und seine dominante Position innerhalb der citizens’ league hätten ihn jedoch isoliert.[44] Lonie stimmt dem zu und nennt Bagot daher einen „Außenseiter in einer Bewegung von Außenseitern“.[15]

Cunningham sieht Bagot darüber hinaus als Verkörperung des „Prozesses der konservativen Radikalisierung“ während der Weltwirtschaftskrise.[11] Am Rande seiner Monografie zur Geschichte der Arbeiterbewegung in South Australia ordnet der kommunistische Historiker Jim Moss die Citizens’ League und Bagot als deren „diktatorischen Anführer“ als Teil eines größeren Prozesses im Bundesstaat ein, der „vergleichbar“ mit „faschistischen Tendenzen“ in anderen Ländern zur selben Zeit gewesen sei: „Es gab Versuche, die bourgeoise Demokratie und das bourgeoise Parlament außer Kraft zu setzen und durch die gewaltvolle Unterdrückung der Arbeiterklasse mit der autoritären Herrschaft der größten Teile des Kapitals zu ersetzen.“[45] Lonie wiederum wies in seinem ADB-Eintrag über Bagot darauf hin, dass dieser ein „typisches Beispiel für die vielen ehemaligen Offiziere der AIF“ gewesen sei, „die sich während der Weltwirtschaftskrise in kurzweiligen konservativen politischen Organisationen hervortaten“.[2]

Veröffentlichungen

  • Coppin the Great. Father of the Australian Theatre. Melbourne University Press, Carlton 1965.

Literatur

Commons: Alec Bagot – Sammlung von Bildern
  • Edward Daniel Alexander Bagot in der Datenbank Find a GraveVorlage:Findagrave/Wartung/Wikidatakennung nicht gesetztVorlage:Findagrave/Wartung/Wirkungslose Verwendung von Parameter 2Vorlage:Findagrave/Wartung/Name ungleich Wikidata-Bezeichnung

Einzelnachweise

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