Marc Gafni

US-amerikanischer Rabbina und Schriftsteller From Wikipedia, the free encyclopedia

Marc Mordechai Gafni (hebräisch מארק מרדכי גפני; geboren 30. September 1960[1] in Pittsfield, Massachusetts, als Marc Winiarz, auch Mordechai Gafni) ist ein US-amerikanischer Autor, spiritueller Lehrer und früherer Rabbiner. Er wurde zunächst in orthodox-jüdischen Gemeinden tätig, entwickelte sich später zu einem interreligiös orientierten Akteur innerhalb der sogenannten Integralen Bewegung und ist Mitbegründer des „Center for Integral Wisdom“. Gafni ist zugleich eine kontroverse Persönlichkeit, da er seit den 1990er-Jahren mit mehreren Vorwürfen sexuellen Fehlverhaltens konfrontiert wurde, was zu seinem Ausschluss aus verschiedenen religiösen Institutionen führte.

Marc Gafni

Leben und Wirken

Gafni wurde 1960 als zweites von zwei Kindern, in der Nähe von Pittsfield, in eine jüdische Familie geboren. Seine Eltern waren Schoa-Überlebende und emigrierten aus Polen als ultraorthodoxen Familie in die USA.[2] Einige Jahre später zog die Familie und auch Marc Gafni nach Columbus, Ohio. Für seine Highschool- und Collegezeit kam Gafni aus dem Mittleren Westen nach New York. Er besuchte verschiedene religiöse Schulen und Jeschiwot und war seit seiner Jugend in der jüdischen Bildungs- und Jugendarbeit aktiv. In den 1980er Jahren war Gafni in der jüdischen Gemeindearbeit im Großraum New York tätig (siehe auch Geschichte der Juden in den Vereinigten Staaten). 1988 erhielt er eine Anstellung als Rabbiner in Boca Raton, (Florida). Gafni studierte Philosophie am Queens College und wurde vom Wolfson College der Universität Oxford promoviert. Seine Dissertationsschrift trug den Titel The Theology of Acosmic Humanism: Mordechai Lainer of Izbica (2006) (deutsche Übersetzung: „Die Theologie des akosmischen Humanismus: Mordechai Lainer von Izbica“).[3]

Später zog er nach Israel und nahm den hebräischen Familiennamen Gafni an.[4] Gafni erhielt eine orthodoxe Semicha (Rabbiner-Ordination), die ihm unter anderem von Rabbiner Shlomo Riskin erteilt wurde. Nach seinem Umzug nach Israel (Alijah) arbeitete Gafni als Rabbiner in der Siedlung Tzofim im Westjordanland (Samaria). Parallel dazu war er in der Erwachsenenbildung und spirituellen Lehre tätig und hielt Vorträge zu Talmud, jüdischer Mystik und Kabbala. Während dieser Zeit arbeitete Gafni auch als Abteilungsleiter in einem Hightech-Unternehmen und hielt gleichzeitig populäre Vorträge sowie Tora-Kurse in Jerusalem und Tel Aviv. Anschließend wurde er zu einem Leiter des MILAH-Instituts[5] (The Jerusalem Institute for Hebrew) in Jerusalem ernannt, wo er unter anderem Rabbi Ohad Ezrahi[6] – mit dem er später das Werk Lillith – A Re-Reading of Feminine Shadow (2005) (deutsche Übersetzung: „Lilith – Eine Neuinterpretation des weiblichen Schattens“) veröffentlichte – sowie Dov Berkowitz, Yossi Hayut und Amichai Lau-Lavie zur Mitarbeit einlud. Nach einem Streit mit dem Hauptsponsor des Instituts trat Rabbi Gafni von seiner Position zurück.[7]

Ende der 1990er Jahre eröffnete Gafni, mit anderen zusammen in Israel, ein spirituelles Zentrum „Bayit Hadash“ (hebräisch בית חדש neues Zuhause) in Jaffa. Aufgrund von Anschuldigungen sexuellen Missbrauchs floh er aus dem Land, das Zentrum schloss innerhalb weniger Tage. Er selbst bezeichnete die sexuellen Beziehungen als einvernehmlich und untermauerte dies durch die Veröffentlichung eines Lügendetektor-Tests, aus dem Jahre 2007, auf seiner Website.[8] Die Mitbegründer von „Bayit Hadash“ und andere prominente Führungskräfte äußerten, sie fühlten sich von Gafnis tiefgreifender Irreführung verraten und bedauerten, ihn unterstützt zu haben.

In dieser Zeit begann er, ein breiteres spirituelles Konzept zu entwickeln, das traditionelle jüdische Elemente mit philosophischen und interreligiösen Ansätzen verband.[9] Seit den 2000er Jahren veröffentlichte Gafni zahlreiche Bücher zu spirituellen und philosophischen Themen, darunter Your Unique Self, The Mystery of Love und Radical Kabbalah. Seine Schriften verbinden jüdisch-mystische Quellen mit integraler Philosophie und psychologischem Gedankengut.[10]

Gafni ist Mitbegründer des „Center for Integral Wisdom“ (vormals „Center for World Spirituality“), das er gemeinsam mit dem Philosophen Ken Wilber, u. a.[11] entwickelte; es wurde 2011 in Ben Lomond, Kalifornien, USA ins Leben gerufen. Im „Center for Intergral Wisdom“ implementierten Gafni und Ken Wilber einen „Weisheitsrat“ (englisch wisdom council,), um Spiritualität auf der Grundlage integraler Prinzipien zu entwickeln.[12]

Er selbst bezeichnet seine Arbeit als Teil einer „neuen Welt-Spiritualität“, die religiöse Traditionen mit modernen philosophischen Ansätzen verbinden soll.[12][13][14]

Der 14. Dalai Lama, Tenzin Gyatso und Marc Gafni im Jahre 2005

Für sein Werk Soul Prints: Your Path to Fulfillment erhielt er im Jahre 2001, den Nautilus Book Awards (NAPPA).[15][16]

Konzepte, Vorstellungen und Überlegungen

Gafni unterscheidet u. a. zwischen dem „wahren Selbst“ (englisch true self), das ein universelles Sein repräsentiert, und dem „einzigartigen Selbst“ (englisch unique self), das dessen einmaligen Ausdruck darstellt. Innerhalb dieses Rahmens kann das „wahre Selbst“ als stabiler, unveränderlicher Kern verstanden werden. Es repräsentiert die authentische Essenz der Person, die unabhängig von äußeren Umständen oder sozialen Rollen existiert. Somit kann das „wahre Selbst“ als zentraler Bestandteil des „einzigartigen Selbst“ betrachtet werden: Es hält die unterschiedlichen Facetten der Persönlichkeit authentisch zusammen und verdeutlicht, dass Einzigartigkeit (englisch uniqueness) nicht automatisch mit innerer Authentizität (englisch authenticity) gleichzusetzen ist.[17]

Gafni versteht unter dem „einzigartigen Selbst“ die unverwechselbare Einzigartigkeit eines Menschen, die weder bloßes Ego[18] noch die vollständige Auflösung des Egos ist. Es umfasst die Gesamtheit individueller Eigenschaften, Erfahrungen und Werte, die eine Person von anderen unterscheiden, und bildet damit die Struktur der individuellen Identität.

Während viele spirituelle Ansätze betonen, dass alle Menschen im Kern eins sind, ergänzt Gafni diese Perspektive um die Einsicht, dass jeder Mensch zugleich eine einzigartige, nicht austauschbare Ausdrucksform des Ganzen ist. Das „einzigartige Selbst“ beschreibt genau diese besondere Perspektive auf die Welt, die sich aus individuellen Fähigkeiten, Erfahrungen, Verletzungen und Begabungen ergibt. Diese Einzigartigkeit ist für Gafni kein Zufallsprodukt, sondern notwendig, damit das Leben als Ganzes vollständig sein kann. Sie ist immer mit Verantwortung verbunden: Wenn ein Mensch seine Einzigartigkeit nicht lebt und in Beziehung zur Welt bringt, fehlt etwas Wesentliches.

Dabei geht es nicht um Überlegenheit oder Selbstverherrlichung, sondern darum, die eigene Besonderheit in den Dienst von Liebe, Wahrheit und dem Gemeinwohl zu stellen. Erst durch das Zusammenspiel vieler einzigartiger Selbste werden echte Beziehung, Kreativität und Entwicklung möglich. So verbindet das Konzept des einzigartigen Selbst die Erfahrung von Verbundenheit mit der Würdigung individueller Differenz und macht Sinn, Identität und Ethik untrennbar miteinander. Seine Ansätze sind in der Integralen Bewegung und Teilen der New Age-Spiritualität rezipiert worden, stoßen jedoch auch auf Kritik im akademischen wie religiösen Umfeld.[19]

Unterschiede zwischen dem Konzept von Gafni und Wilber

Marc Gafni nutzt den Begriff des „einzigartigen Selbst“ (englisch Unique Self) als eine spezifische spirituelle Ausdrucksform des wahren Selbst. Das „einzigartige Selbst“ ist der göttliche Ausdruck eines Individuums und eine spirituelle Verwirklichung, die durch das Erkennen des wahren Potentials im Moment erreicht wird.

Ken Wilber hingegen verwendet den Begriff des „wahren Selbsts“ (englisch true self) und beschreibt eine holarchische Transformation, bei der, das Selbst in verschiedenen Entwicklungsstufen immer weiter integriert wird. Für Wilber ist das wahre Selbst die tieferliegende Essenz, die im Prozess der Entwicklung und Überwindung des Egos erkannt wird.[20][21][22]

Welt-Spiritualität

Gafnis Konzept einer „Welt-Spiritualität“ betont: das philosophische Prinzip des „Unique Self“ (ein einzigartiges individuelles Selbst im Kontext eines universellen Bewusstseins), eine erotische bzw. lebensenergetische Dimension von Spiritualität, dialogische Ethik[23] und gemeinschaftsorientierte Entwicklung, den Versuch, klassische jüdische Mystik in einen globalen, interspirituellen Kontext einzuordnen. Die Kernidee ist: Jeder Mensch besäße eine einmalige, unverwechselbare Ausdrucksform des Göttlichen, die über das individuelle Ego hinausreichte.

„(…) Ihr einzigartes Selbst ist die Liebesunterschrift Gottes, die überall auf Ihnen sichtbar ist. Gott hat Sie so sehr geliebt, dass er sich in Ihnen verkörpert hat. Sie sind das individualisierte Herz und der individualisierte Verstand Gottes. Das ist Ihr einzigartiges Selbst. (…)“

Marc Gafni: Dein einzigartiges Selbst. Der radikale Pfad zur persönlichen Erleuchtung. Phänomen, Palma de Mallorca 2025, ISBN 979-1-399-00398-7, S. 28

Mit dem Begriff der, englisch radical Kabbalah, bezeichnet Gafni eine persönliche Neuinterpretation der Kabbala, die sich stark auf die lurianische Tradition (Isaac Luria), dem Chasidismus sowie auf integrale Denker wie Ken Wilber oder Jean Gebser stützt und im weiteren Kontext seines Projekts einer „World Spirituality“ bzw. eines „CosmoErotic Humanism“ steht. Der „CosmoErotische Humanismus“ steht für eine aufkommende metamoderne Metaphysik, die von Marc Gafni, Barbara Marx Hubbard, Kristina Kincaid, Ken Wilber, Sally Kempton und Daniel Schmachtenberger betrachtet und entwickelt wird. Anhand von Gafni und Kincaids A Return to Eros (2017) werden „Realität“, „Politik“ und „Sexualität“ diskutiert, drei Bereiche, die historisch durch metaphysische Ideen reguliert würden. Das Fehlen solcher Metaphysik in der Moderne habe über die Zeit ein Vakuum geschaffen, das heute neue, oft problematische Herausforderungen erzeuge.[24]

Privates

Gafni ist seit den 1990er-Jahren Gegenstand wiederholter Vorwürfe sexuellen Fehlverhaltens, darunter auch Vorwürfen aus früheren Jahren. Diese führten zu intensiver öffentlicher Debatte sowie zu Stellungnahmen zahlreicher jüdischer Organisationen.[25][26] Die jüdische Erneuerungsbewegung ALEPH (englisch Alliance for Jewish Renewal[27]) distanzierte sich offiziell von ihm und erklärte, dass Gafni keine Rolle mehr in ihren Strukturen einnehme. Auch andere Organisationen und ehemalige Kolleginnen und Kollegen beendeten formelle Kooperationen. Gafni selbst wies zahlreiche Vorwürfe als falsch oder verfälscht zurück und erklärte, einzelne Beziehungen seien einvernehmlich gewesen.[28][29] Obwohl Gafni seit vielen Jahren mit schweren Vorwürfen sexuellen Missbrauchs konfrontiert ist und sein Ruf stark beschädigt wurde, existiert keine verlässliche, dokumentierte Verurteilung gegen ihn. Er wurde also nicht strafrechtlich zur Rechenschaft gezogen – zumindest ist nichts dergleichen öffentlich bestätigt.

Die Berichterstattung führte international zu Diskussionen über spirituelle Autorität, Machtmissbrauch und Pluralität in neuen religiösen Bewegungen.

Gafni war mehrfach verheiratet. Aus seinen ersten Ehen hat er drei Kinder. Seine dritte Frau, Chaya, geborene Lester[30], heiratete er im Jahre 1998. Die Ehe wurde im August 2004 geschieden. Seit vielen Jahren ist Gafni mit seiner Schreib- und Lehrpartnerin, Kristina Kincaid, verheiratet.[1]

Publikationen (Auswahl)

    • deutsche Ausgaben:
  • Seelenmuster: der Schlüssel zur individuellen Lebensaufgabe und Erfüllung. Arkana/Goldmann, München 2002, ISBN 978-3-442-21606-2.
  • Dein einzigartiges Selbst. Phänomen-Verlag, Palma de Mallorca 2025, ISBN 979-13-9900398-7

Literatur

  • Zachary Stein: On Spiritual Books and their Readers: A Review of Radical Kabbalah Gafni, Marc. (2012). Radical Kaballah 2 Volume Set. Integral Publisher, LLC. In: Integral Review. Band 10, Nr. 1, März 2014 (integral-review.org).
  • Zachary Stein: On Spiritual Teachers and Teachings. In: Journal of Integral Theory and Practice. Band 6, Nr. 1, 2011, S. 57–77, hier S. 4, 16–18, 29 (zakstein.org PDF).
  • Boaz Huss: Mystifying Kabbalah: Academic Scholarship, National Theology, and New Age Spirituality (= Oxford Studies in Western Esotericism), Oxford University Press, Oxford / New York 2020, ISBN 978-0-19-008696-1.
  • Sean Esbjörn-Hargens: Eine Übersicht Integraler Theorie: Ein allumfassendes Bezugssystem für das 21. Jahrhundert. S. 1–22 (integraleuropeanconference.com PDF).
Commons: Marc Gafni – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  • Offizielle Website
  • Unique Self 2.0. with Marc Gafni. Portal 1: Intimacy, Eros, and Evolutionary Love - Begins Sunday, November 24 2024, interview in englischer Sprache, auf youtube.com youtube.com

Einzelnachweise

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