Offizierslager VI B
Offizierslager der Wehrmacht zwischen 1940
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Das Offizierslager VI B (Oflag VI B) war ein Offizierslager der Wehrmacht zwischen 1940 und 1945, in dem über 2500 kriegsgefangene Offiziere und Unteroffiziere verschiedener Nationalitäten untergebracht waren. Es lag bei Dössel im damaligen Kreis Warburg der preußischen Provinz Westfalen (und im damaligen Wehrkreis VI (Münster)), heute Kreis Höxter, Nordrhein-Westfalen.

Geschichte









Flugplatz
1939 wollte die Wehrmacht auf der baumlosen Hochebene westlich von Dössel einen Militärflugplatz errichten. Nach provisorischer Fertigstellung war er aber nur drei Tage in Betrieb. 1940 wurde die Planung verworfen, um die bereits aufgestellten Arbeiterunterkünfte zur Umwandlung in ein Lager für kriegsgefangene Offiziere zu nutzen.
Offizierslager
Zwischen 1940 und 1942 wurden anfangs vor allem Franzosen, später auch Briten dort interniert.[1] Es bildete sich dort zunächst aufgrund der Bestimmungen der Genfer Konvention, dass Offiziere nicht Zwangsarbeiten verrichten durften, eine besondere Lagerkultur, da viele Offiziere gebildet und kulturschaffend waren. Unter anderem wurden von den Gefangenen im OfLag eine Lageruniversität, ein eigenes Sinfonie- und Kammerorchester, ein Chor und ein Theater unterhalten und gepflegt. Ebenso wurden religiöse, sportliche und kulturelle Aktivitäten genutzt und verschiedene Feiertage begangen. An Halloween 1941 wurde der schottische Tanz Reel of the 51st Division vor Generalmajor Victor Fortune erstmals offiziell gezeigt. Der Tanz war von einem schottischen Kriegsgefangenen zur Hebung der Moral entwickelt worden und gehört heute zu den populärsten schottischen Tänzen weltweit.[2] Jedoch bedeutete dies nicht ein paradiesisches Leben für die gefangenen Offiziere, die während der Gefangenschaft fern ihrer jeweiligen Familie und Heimat waren.
Ab September 1942 bis zur Befreiung des Lagers 1945 waren vor allem polnische Kriegsgefangene, zeitweilig 2296 Offiziere, 287 Unteroffiziere und Mannschaften im Offizierslager, die als Ordonnanzoffiziere dienten, untergebracht. Die Genfer Konvention wurde bei diesen nicht mehr angewendet. Zudem waren auch sowjetische Zwangsarbeiter interniert, die außerhalb des Lagers Arbeiten verrichten mussten.
Am 20. September 1943 versuchten polnische Gefangene durch einen Tunnel zu fliehen,[3] jedoch konnten nur zehn Personen entkommen, die übrigen 37 und zwei im Lager verbliebene Helfer wurden u. a. im KZ Buchenwald hingerichtet. Im Dezember 1943 wurden zwei weitere Fluchtversuche unternommen. Die Flüchtlinge Jozef Dubciak und Leutnant Boleslaw Sobolewski wurden ebenfalls gefasst und hingerichtet.
Am 27. September 1944 schlug irrtümlicherweise eine britische Fliegerbombe im OfLag anstatt auf dem anvisierten Ziel Bahnhof Nörde ein und tötete 90 Gefangene, die später auf dem Dösseler Friedhof beigesetzt wurden.[1]
In der Spätzeit des Krieges wuchs die Zahl der Lagerinsassen auf über 6.000 Personen[4] und gleichzeitig nahm die Nahrungsmittelversorgung drastisch ab. Die deutschen Wachmannschaften wurden zunehmend auch für die Verteidigung der Orte eingesetzt und es wurden kleine geschlossene Trupps aus uniformierten Russen, Franzosen und Jugoslaven gebildet, die als Hilfstruppen gegen den Einmarsch der Alliierten eingesetzt werden sollten.
Am Karsamstag, den 31. März 1945 sollte das Lager evakuiert werden. Mit Ausnahme von 500 Kranken, die zurückgelassen wurden, zogen die deutschen Wachmannschaften mit allen marschfähigen Insassen, darunter fast 2000 Polen, über Lütgeneder Richtung Borgentreich.[5]
Das Lager nach Kriegsende
Am folgenden Ostersonntag, den 1. April 1945 wurden Dössel einschließlich des Lagers fast ohne Zerstörungen durch amerikanische Truppen eingenommen. Borgentreich wurde jedoch am gleichen Tag nach einem Angriff einer Werwolf-Gruppe auf amerikanische Panzer in Brand geschossen. Die am Rande der Stadt lagernden Polen liefen nun weiße Tücher schwenkend, zu den Amerikanern über. Ab Ostermontag kehrten sie wieder nach Dössel zurück. Dort ließen sie sich von den Dorfbewohnern bewirten und requirierten Handwagen für ihr Gepäck.
In den folgenden Wochen wurden von der Besatzungsmacht zunächst die Bedingungen der ehemaligen Kriegsgefangenen verbessert. Sie wurden vielfach in Privathäusern untergebracht. Das Gut Riepen musste für sie völlig geräumt werden und zur Bedienung der Offiziere mussten vier bis sieben Mädchen und einige junge Männer antreten. Ende Juli musste die Gemeinde Willebadessen etwa 130 Zimmer für ca. 150 polnische Offiziere bereitstellen.[6] Mit der örtlichen Bevölkerung konnten die Polen konnten nun Handel treiben, tauschten in den Häusern Seife gegen Eier und erbaten sich Blumen aus den Gärten.[7] Bis Mitte 1946 blieben sie unter dem Kommando von Stanisław Pietrzyk, der dann ins zerstörte Warschau zurückkehrte. Stattdessen kamen nun auch polnische Zivilisten mit Frauen und Kindern in das Lager und an andere Orte. In Hohenwepel wurde eine höhere Schule für die polnische Jugend eingerichtet.
In das ehemalige Gefangenenlager zogen nun auch ehemalige Zwangsarbeiter und andere Displaced Persons verschiedener Nationalitäten, insbesondere aus Osteuropa und der Sowjetunion, ein. Sie wurden nach Zünkel von der Bevölkerung als "richtige Plage", da sie oft nicht über das notwendigste zu Leben verfügten, nicht mehr in ihre Heimat zurückkonnten oder wollten und entsprechend demoralisiert waren.[8] Ende Mai brachten die Amerikaner viele Russen in entferntere Lager. Am 20. Juni 1945 wurde das gesamte sogenannte "Russenlager" aufgelöst. Trotz großer Wohnungsnot wurden schließlich bis 1948 die meisten Baracken des Lagers abgerissen. Ein Teil des Baumaterial wurde 1948 u.a für den Bau eines Dorfgemeinschaftshauses, der "Bördehalle", verwendet. Die Flächen links und rechts des Menner Weges wurden wieder einer landwirtschaftlichen Nutzung zugeführt und später von zwei gegenüberliegenden Aussiedlerhöfen aus bewirtschaftet.
Das ehemalige südwestlich außerhalb des Lagers gelegene Kommandanturgebäude und die ehemaligen Stabsbaracken blieben bestehen und wurden in der Nachkriegszeit auf zweierlei Arten genutzt: Zunächst dienten sie als Durchgangslager für Flüchtlinge und Vertriebene aus dem Osteuropa, später nutzten die belgische Armee und die Bundeswehr diese als Kaserneneinrichtungen. Ab April 1964 wurden die Gebäude Standort für die Pionier-Ausbildungskompanie 746, später in Börde-Kaserne umbenannt und diente u. a. der Ausbildung von Militärkraftfahrern der 2. Panzergrenadierdivision (AusbKp StDst/MKF 2/2).[9]
Seit einigen Jahrzehnten wird das Lager wieder bewohnt. Asylbewerber aus aller Welt mit zeitweiligen Visa haben dort ihre Notunterkünfte.
Erinnerungskultur
1980, zum 35. Jahrestag der Befreiung des Lagers, kehrten erstmals ehemalige Gefangene zum Gedenken zum Lager und zum Friedhof zurück, dabei brachten sie als Geschenk ein Abbild der Schwarzen Madonna von Tschenstochau mit einer persönlichen Widmung des Primas von Polen, Kardinal Wyszyński, mit.
Als die Gäste 1984 zum 40. Jahrestag des Bombenabwurfs das zweite Mal das Lager besuchten, wurde ein am ehemaligen Eingang positionierten Gedenkstein mit der Aufschrift „Versöhnung – Frieden – Freiheit 1944–1984“ enthüllt.
Am 2. November 2015 besuchte der polnische Vizekonsul Andrzej Dudziński gemeinsam mit Bürgermeister Michael Stickeln die Gedenkstätte auf dem Friedhof, beide gedachten mit einem Kranz der 131 in Dössel umgekommenen polnischen Soldaten.[10]
Bekannte Gefangene A–Z
- Dominic Bruce (1915–2000), RAF-Jagdflieger, Serienflüchtling
- Josef Bryks (1916–1957), Jagdflieger, Serienflüchtling
- Władysław Dobrowolski (1896–1969), Leichtathlet
- Mieczysław Krzywobłocki (1891–1944), Oberstleutnant
- P. Mairesse-Lebrun (1912–2003), Ausbrecher Schloss Colditz
- Andrzej Molenda (1897-1966), Oberst, Häftling im KZ Auschwitz-Birkenau
- Stanisław Pietrzyk (1895–1965), Kommandant des Lagers bis 1946
- Adam Rapacki (1909–1970), polnischer Außenminister
- Jan Zieleniewski (1901–1973), Wirtschaftswissenschaftler
- Eric Foster (11. Mai 1903 – 26. März 2006), Serienflüchtling, Inspirator und Berater bei der Produktion des Films "Gesprengte Ketten".[11]
- Jock Hamilton-Baillie 1. März 1919 – 16. April 2003, mehrfacher Ausbrecher.
- Wincenty Kawalec (31. Oktober 1914 in Męczennicach, † 25. Januar 1991 in Warschau), polnischer Ökonom und Politiker, am 19./20. 1943 aus dem Lager geflohen, 1965–1972 Präsident des polnischen Zentralamts für Statistik 1972–1974 polnischer Minister für Löhne, Arbeit und Soziales unter Edward Gierek
- Stanisław Zygmunt „Danny“ Król (* 22. März 1916 Zagorzyce † 12. April 1944 in Breslau durch Erschießung) polnischer Supermarine-Spitfire-Jagdflieger, Flüchtling aus Stalag Luft III im März 1944.
- Włodzimierz Łączyński (* 2. Mai 1898 in Radyymno, † durch Bombenangriff vom 27. September 1944 in Dössel) Major der Kavallerie der Polnischen Armee. Silbernes Verdienstkreuz der Republik Polen, Offizierskreuz des Ordens des Sterns von Rumänien
- Tadeusz Maresz (29. Dezember 1895 in Radom, † durch Bombenangriff vom 27. September 1944 in Dössel) Historiker, Pädagoge, Pfadfinderführer der Republik Polen, Leutnant der Infanterie der Polnischen Armee.
- Stanisław Mikulski (geb. 14. November 1899 in Wojnicz, gest. November 1943 im KZ Buchenwald), ehemaliger Offizier der polnischen Armee, Träger des Ordens Virtuti Militari
- Jerzy Skrzymowski (* 21. Januar 1929 in Grodno, † 1. August 1944 in Warschau), Leutnant der polnischen Armee, Soldat des Regiment "Baszt" der Heimatarmee und Teilnehmer am Warschauer Aufstand
Literatur
- Oflag VI B Dössel. Erinnerungen polnischer Kriegsgefangener an das Offizierslager VI B. In: Hermann Hermes (Hrsg.): Warburger Schriften. Nr. 14. Hermes, 1995, ISSN 0344-9556.
- Horst-Dieter Krus: Reiches Kulturleben und großes menschliches Leid hinter Stacheldraht. Erinnerungen an das Kriegsgefangenenlager Oflag VI B Dössel bei Warburg. In: Jahrbuch Kreis Höxter 1996. 1995, ZDB-ID 584557-9, S. 213–218.
- Alfred Schickel: „Gott sei Dank kamen wir nicht nach Katyn …“, Kriegsgefangene polnische Offiziere in Deutschland. In: Vergessene Zeitgeschichte. Herbig Materialien zur Zeitgeschichte. München / Berlin 1985, ISBN 3-548-33047-9, S. 79.
- Airwar Museum, Stichting Wings to Victory: Crash No 107, Wellington T2620 Noordzee, 09 Juni 1941
- warburg.net: POW camp (Oflag) VI B Doessel. Archived from the original on 29 October 2017. Retrieved 7 November 2018.
- Moosburg Online, Kriegsgefangenenlager (Liste)". Moosburg 2012, Retrieved 17 April 2012.
- The London Gazette: Supplement No. 37568. 14 May 1946. p. 2340, Tunstall (2014), Location 3616.
- The Daily Telegraph: Major 'Skelly' Ginn". London. 17 September 2001. ISSN 0307-1235. OCLC 49632006. Retrieved 17 April 2012.
- Liddle, Peter H. (2012). For you Tommy, the war is over: Escape and Evasion in Europe. The Second World War Experience Centre. Retrieved 17 April 2012.
- powvets.com. Mass Escapes from German POW Camps, 2012, Retrieved 17 April 2012.
- polska-zbrojna.pl.: Wielka ucieczka Polaków z Dössel, Retrieved 2023-06-25.
- Krzysztof Jóźwiak: Jak polscy oficerowie uciekli Niemcom. Rzeczpospolita (in Polish). 11 November 2017, Retrieved 2023-06-25.
- Piotr Stanek, (2018). "Stanisław Bożywoj Rutkowski, Pamiętnik z oflagów 1939–1945, wstęp, oprac. i red. nauk. Wojciech Polak, Sylwia Galij--Skarbińska, Toruń: Wydawnictwo Adam * Marszałek, 2018, ss. 251". Śląski Kwartalnik Historyczny Sobótka (in Polish). 73 (4): 188–195. doi:10.19195/SKHS.2018.4.188.196. ISSN 0037-7511.
- Philip D.Chinnery, (2018-04-30). Hitler's Atrocities Against Allied PoWs: War Crimes of the Third Reich., Casemate Publishers. ISBN 978-1-5267-0189-3.
- Clare Hunter: Threads of life: a history of the world through the eye of a needle. Sceptre (Hodder & Stoughton), London 2019, p. 59. ISBN 978-1-4736-8791-2. OCLC 1079199690.
- Violetta Rezler-Wasielewska, Biuletyn Informacji Publicznej. Centralne Muzeum Jeńców Wojennych w Łambinowicach-Opolu (in Polish). Archived from the original on 5 February 2012. Retrieved 17 April 2012.
- Steve Brew: Sergeant Pilot William A. Brew, From Pilot to POW in One Short Sweep. brew.clients.ch. (2009) Archived from the original on 5 February 2012. Retrieved 17 April 2012.
- Josef Bryks: Free Czechoslovak Air Force, 20 Februar 2011. Retrieved 27 October 2017.
- Renata Urban: "Polscy olimpijczycy w niemieckich obozach jenieckich". Łambinowicki rocznik muzealny (in Polish). 44. Opole (2021): 45. ISSN 0137-5199.
- The Daily Telegraph (Sydney Dowse): London. 12 April 2008. ISSN 0307-1235. OCLC 49632006. Retrieved 17 April 2012.
- The Daily Telegraph (Jock Hamilton-Baillie): London, 24 May 2003. ISSN 0307-1235. OCLC 49632006. Retrieved 17 April 2012.
- Lesław M. Bartelski: Mokotów 1944. Warschau: Verlag des Ministeriums für Nationale Verteidigung, 1986; Wincenty Kawalec: Fünfzig aus Dössel. Warschau: Verlag des Verteidigungsministeriums, 1963
- Zünkler, Berthold: Warburg 'in jeden Tagen' Das Kriegsende 1945 im Altkreis Warburg Westfalenblatt 1953 2. Auflage hg. von Franz Mürmann, Bussesche Verlagshandlung, Herford 1982, ISBN 3-87120-864-7, S. 105
Weblinks
- Reichskriegsministerium Berlin: Lagerplan bei Flickr Berlin 1940/41
- Doessel - aus der Geschichte eines Boerdedorfes - eine virtuelle Ausstellung - Die Geschichte des Kriegsgefangenenlagers OFLAG VI B. In: www.warburg.net. Archiviert vom (nicht mehr online verfügbar) am 14. Juni 2007.
- Westfalen-Blatt (Christina Stürmer): Warburg: In Dössel wird das Offiziersgefangenenlager wieder sichtbar Warburg, 23. September 2024, abgerufen am 21. Januar 2026
- Christoph Störmer: Das OfLag Dössel, abgerufen am 26. Januar 2026
- Jörg Kohlhase: Borgentreich brennt - Das Kriegsende 1945 zwischen Egge und Eser, Vortrag vom 20. September 2018, StA. Borgentreich, abgerufen am 17. Februar 2026
