Floridante

Oper von Georg Friedrich Händel From Wikipedia, the free encyclopedia

Il Floridante oder kurz Floridante (HWV 14) ist eine Oper (Dramma per musica) in drei Akten von Georg Friedrich Händel auf ein Libretto von Paolo Antonio Rolli. Sie wurde am 9. Dezember 1721 im King’s Theatre am Haymarket in London uraufgeführt.

Schnelle Fakten Werkdaten, Personen ...
Werkdaten
Originaltitel: Il Floridante

Titelseite des Erstdruckes von Il Floridante, London 1721.

Form: Opera seria
Originalsprache: Italienisch
Musik: Georg Friedrich Händel
Libretto: Paolo Antonio Rolli
Literarische Vorlage: Francesco Silvani: La costanza in trionfo (1696)
Uraufführung: 9. Dezember 1721
Ort der Uraufführung: King’s Theatre, Haymarket, London
Spieldauer: 2 ¾ Stunden
Ort und Zeit der Handlung: Persien, mythische Zeit, etwa 500 v. Chr.
Personen
  • Floridante, Prinz von Thrakien, Orontes’ Feldherr (Alt, urspr. Kastrat)
  • Oronte, König von Persien (Bass)
  • Rossane, seine Tochter (Sopran)
  • Elmira, Orontes’ vermeintliche Tochter (Alt)
  • Timante, Prinz von Tyrus, Gefangener unter dem Namen „Glicone“ (Sopran, urspr. Kastrat)
  • Coralbo, ein persischer General und Statthalter (Bass)
  • Hofstaat, persische Offiziere und Soldaten, Wachen, Gefangene, Sklaven, Dienerschaft, Volk
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Die in Persien, einige Jahre nach dem Tode eines mythischen Königs Ninos,[1] spielende Handlung hat anscheinend und ausnahmsweise nichts mit historischen Figuren oder Ereignissen zu tun, sondern ist reine Fiktion.[2][3]

Entstehung

Floridante war Händels Beitrag zur dritten Saison der Royal Academy of Music (der sogenannten ersten Opernakademie), die am 1. November 1721 mit einer Wiederaufführung der Oper Arsace (mit Musik von Giuseppe Maria Orlandini und Filippo Amadei) begann;[4] es folgten Wiederaufnahmen von Muzio Scevola und Händels Radamisto.[5]

Wann Händel mit der Komposition des Floridante begann, ist nicht bekannt. Aus dem Autograph geht aber hervor, dass er die beiden Frauenrollen Elmira und Rossane zunächst genau umgekehrt besetzen wollte, das heißt Elmira mit einem Sopran und Rossane mit einem Alt. In der Literatur wird davon ausgegangen, dass er für Elmira an Margherita Durastanti gedacht habe, die jedoch nach ihrem Heimaturlaub in Italien für die Saison 1721–22 nicht nach England zurückkam, entweder wegen Krankheit,[6][7][8] oder weil sie (laut Staccioli) im Herbst und möglicherweise auch den ganzen Winter für ein fürstliches Gehalt in München engagiert war.[9] Wie auch immer, jedenfalls änderte Händel sein ursprüngliches Konzept mitten in der Arbeit am zweiten Akt, kurz nachdem er mit Elmiras Arioso „Notte cara“ (Nr. 19) begonnen hatte, und veränderte nun nicht nur alle bereits fertigen vorangehenden Arien der beiden Frauen, sondern auch Rezitative durch Transpositionen oder andere Eingriffe. Daher ist die Überlieferung der Oper etwas kompliziert.[10][11]

Er beendete die Partitur am 28. November 1721. Das Datum findet sich nicht mehr im Autograph, da das Ende mit dem Schluss-Coro von diesem abgetrennt und am 16. März 1937 bei Sotheby’s, London, versteigert wurde; es geht aber aus einer Abschrift aus dem Besitz von Charles Jennens (in der Newman Flower Handel Collection, Manchester) hervor.[12]

Die Uraufführung fand bereits am 9. Dezember statt.[13][5] Es sangen:

Mit fünfzehn Vorstellungen in der ersten Saison wurde Il Floridante gut angenommen.[5] Das Werk lief mit Unterbrechungen bis zum 26. Mai 1722 und wurde ab Januar und Februar abwechselnd mit Giovanni Bononcinis Opern Crispo und Griselda gegeben.[14] Die Tatsache, dass (auch) Bononcinis Opern zu dieser Zeit beim Publikum viel Erfolg hatten, führte oft, beim damaligen Publikum und in der späteren Händel-Literatur, zu der Vorstellung einer erbitterten Rivalität zwischen den beiden Komponisten; es wurde jedoch mittlerweile darauf hingewiesen, dass es für eine persönliche Feindschaft gar keine Beweise gibt, zumal es völlig normal war, dass ein Opernbetrieb Werke mehrerer Komponisten aufführte, die einzelnen Musiker dadurch entlastet wurden und dies auch für das Publikum eine willkommene Abwechslung bot.[15]

Wiederaufnahmen

In der folgenden Spielzeit gab es im Dezember 1722 nochmals sieben Vorstellungen. Da nun die Rolle der Rossane von der aus Italien zurückgekehrten Margherita Durastanti, und Timante von dem Alt-Kastraten Gaetano Berenstadt (anstelle des Soprans Baldassari) übernommen wurden, waren Transpositionen und andere Änderungen nötig. Für die Durastanti mussten ein oder zwei Stücke um einen Ton herab transponiert werden, außerdem tauschte Händel für sie drei Soli (Nr. 3, 14a, 28a) gegen Arien aus seiner Kantate Crudel tiranno amor (HWV 97) aus und fügte eine ganz neue Arie („Dopo l'ombre“, Nr. 6) ein.[16]

In der Spielzeit 1727 fanden zwei weitere Aufführungen statt, für die Händel weitere Änderungen vornahm. Vor allem wurde der Part Rossanes (in der Durastanti-Fassung) für Faustina Bordoni um noch eine Arie erweitert, während Elmira (gesungen von der Altistin Anna Dotti) zwei Arien verlor. Beide Duette wurden gestrichen (!). Hinzu kamen Änderungen für die Partien von Floridante und Timante.[17]

Weitere Änderungen nahm Händel für insgesamt sieben Vorstellungen im März und Mai 1733 vor, die wahrscheinlich angesetzt wurden, weil die führende Sopranistin Anna Maria Strada laut Zeitungsberichten mindestens im März „sehr krank“ war. Die genaue Besetzung dieser Aufführungen ist nicht bekannt, aber ganz sicher sang Senesino wieder die Titelrolle und der Bass Antonio Montagnana übernahm den Oronte.[18][19]

Weitere Aufführungsgeschichte

Am Hamburger Theater am Gänsemarkt kam Floridante bereits ab dem 28. April 1723 unter dem Titel Der Thrazische Printz Floridantes zu elf Aufführungen, wie aus den Aufzeichnungen Matthesons hervorgeht. Sämtliche Arien wurden im originalen Italienisch gesungen, die Rezitative jedoch waren von Joachim Beccau ins Deutsche übersetzt[20][21] und von Georg Philipp Telemann neu vertont worden; letzterer hatte auch die musikalische Leitung.

Die erste moderne Inszenierung in einer englischen Textfassung von Alan Kitching fand am 10. Mai 1962 in Abingdon im Unicorn Theatre mit einer verkleinerten Orchestration unter der musikalischen Leitung von Frances Kitching statt.[22]

Die erste Aufführung des Stückes in historischer Aufführungspraxis sah man am 2. März 1990 in einer konzertanten Form in der Trinity-St. Paul’s United Church in Toronto (Kanada) mit dem Tafelmusik Baroque Orchestra unter der Leitung von Alan Curtis.

Unter der Leitung von Curtis erschien 2005 auch eine CD-Einspielung, bei der die Rolle der Elmira aber nicht wie im Original von einem Alt, sondern in einer „rekonstruierten“ Fassung von einem Mezzosopran (Joyce DiDonato) gesungen wurde – mit der Begründung, dies entspräche Händels ursprünglicher Vorstellung und sei daher eine „ideale“ Version.[23] Nicht berücksichtigt wurde dabei, dass Händel die Rossane dann aber als Alt besetzt hätte; bei Curtis erklingen also drei Soprane, nur ein Alt und zwei Bässe, was keineswegs Händels ursprünglicher Konzeption entsprach und wofür es bei keiner der von ihm geleiteten Aufführungen des Floridante ein Beispiel gibt.

Libretto

Paolo Antonio Rolli. Don Domenico Pentini zugeschrieben

Das Libretto verfasste Paolo Antonio Rolli, der bis 1722 der italienische Sekretär der Royal Academy war und danach in dieser Funktion von Nicola Haym abgelöst wurde.[24] Es war wahrscheinlich die erste Zusammenarbeit von Händel und Rolli für eine komplette Oper (abgesehen vom dritten Akt des Muzio Scevola).[25] Als Vorlage gibt Rolli im Argomento des Librettos Francesco Silvanis La costanza in trionfo an,[26] die erstmals 1696 in einer Vertonung von Marc’ Antonio Ziani in Venedig und später in Ferrara und Livorno aufgeführt worden war. Es gab davon auch eine deutsche Textfassung von Gottlieb Fiedler, die 1704 in Braunschweig unter dem Namen Leonilde oder Die siegende Beständigkeit mit Musik von Georg Caspar Schürmann auf die Bühne kam.[27]

Es ist (noch) nicht bekannt, welche der Versionen von Silvanis Textbuch Rolli verwendete, von der Vorlage übernahm er aber wenig mehr als nur das Handlungsgerüst, in einer vereinfachten Form. Es blieb kein einziger Arientext und so gut wie keine Rezitative von Silvani erhalten. Eine Figur („Riccardo“) wurde gestrichen, und außerdem verlegte er die Geschehnisse von Norwegen nach Persien und änderte (zwangsläufig) die Namen der Personen, wie im Folgenden aufgeführt:[28]

  • Gustavo, der König und Tyrann von Norwegen: Oronte
  • Sveno, Prinz von sarmantische: Floridante
  • Leonilde, Tochter des ermordeten Königs Adolfo, vermeintliche Tochter von Gustavo: Elmira
  • Marianne, Gustavos Tochter: Rossane
  • Lotario, Prinz von Frankreich: Timante
  • Flavio: Coralbo[28]

Es scheint, als ob Rolli in großer Eile arbeitete. Das Ergebnis wurde unterschiedlich beurteilt. Dean und Knapp fällten (wie so häufig) ein hartes Urteil und sprachen Rolli jegliche Kompetenz als Librettist ab, er habe Silvanis „klares Design, konsistente Charaktere und glaubwürdige Motivationen“ angeblich „alle über Bord geworfen“.[29] János Malina dagegen fand das Textbuch, obwohl es „auf Trivialitäten aufbaue“, „gelungen“, die Sprache sei „fließend“, die Handlung „wohlüberschaubar“ und biete dem Komponisten „einige wirklich dramatisch-psychologische Situationen zur Vertonung an“.[30] Saskia Woyke empfand das Libretto als „besonders fesselnde … Schilderung der Geschicke zweier Liebespaare, denen … alle Sympathie des Publikums sicher sein dürfte“; das sei „in der Opera seria dieser Zeit eher selten“.[31]

Handlung

Historischer Hintergrund

Rolli widmete die Oper dem Prince of Wales Georg August von Hannover.[32] Konrad Sasse löste eine Diskussion darüber aus, ob die Figur des Floridante eine versteckte politische Anspielung auf John Churchill, 1. Duke of Marlborough, enthalte, welchem 1711 im spanischen Erbfolgekrieg der Oberbefehl entzogen worden war. Als besonders pikant gilt dabei die Tatsache, dass Händels Kollege und Konkurrent Giovanni Bononcini, ein Freund Rollis, mit der Familie Marlboroughs in enger Verbindung stand. Dean/Knapp hielten es für unwahrscheinlich, dass Händel mit einer versteckten Attacke gegen das Königshaus, das ihn unterstützte, einverstanden gewesen wäre.[33] Woyke wies darauf hin, dass die Frage nicht „eindeutig beantwortet werden“ könne.[34]

Vorgeschichte

In der Vorgeschichte zur Handlung (laut Argomento des Librettos) gelangte der persische Satrap Oronte in einem Staatsstreich an die Macht und ermordete den wahren König Nino. Anstelle einer eigenen, etwa gleichaltrigen Tochter, die gerade verstorben war, adoptierte Oronte Ninos kleine Tochter Elisa, die einzige Überlebende ihrer Familie, gab ihr den Namen Elmira und gab sie als sein eigenes Kind aus. Der thrakische General Floridante verliebte sich später in Elmira und Oronte versprach ihm ihre Hand, wenn es ihm gelinge, die Tyrer in einer Seeschlacht zu besiegen. Orontes leibliche Tochter Rossane war ursprünglich dem tyrischen Prinzen Timante versprochen, doch wegen der kriegerischen Entwicklungen wurde das Verlöbnis gelöst.

Erster Akt

Ein Wald. Elmira und Rossane haben sich als Jägerinnen verkleidet, um incognito die Rückkehr Floridantes zu beobachten, der an der Spitze des thrakischen Heeres die Tyrer besiegt hat. Elmira kann es kaum erwarten ihren geliebten Bräutigam wiederzusehen: „Dimmi, oh spene!“ (Nr. 1). Rossane freut sich mit ihrer Schwester, auch wenn sie selber jede Hoffnung auf ein Eheglück mit dem tyrischen Prinzen Timante aufgeben musste; obwohl sie diesem nie persönlich begegnet ist, ist sie ihm dennoch herzlich verbunden: „Mà un dolce mio pensiero“ (Nr. 3).

Feldlager der Perser vor Persepolis. Mit einem Marsch wird Floridante feierlich empfangen (Nr. 4), doch anstelle von Oronte, der ihn sonst immer herzlich begrüßte, erscheint zu Floridantes Überraschung und Freude seine Braut Elmira: „Alma mia, sì, sol tu sei“ (Nr. 5). Als auch Rossane Floridante beglückwünscht, bemerkt sie einen gefangenen Tyrer, der ihr sofort sympathisch ist. Floridante stellt den jungen Mann, der in Wahrheit kein Geringerer als Rossanes Ex-Verlobter Timante ist, als „Glicone“ vor und macht ihn ihr als Diener zum Geschenk. In dem Moment erscheint der Satrap Coralbo und überreicht Floridante einen Brief von König Oronte, in dem dieser ihn ohne Begründung auffordert, Coralbo das Kommando zu übergeben, und ins Exil schickt. Alle Anwesenden sind über diese Ungerechtigkeit fassungslos und Rossane bietet sich als Vermittlerin an. Elmira und Floridante bleiben allein zurück, und versichern sich ihrer Liebe: „Ma pria vedrò le stelle“ (Nr. 7) und „Sventurato, godi, oh core“ (Nr. 8).

Königliches Gemach. Rossane stellt ihren Vater zur Rede, um die Gründe für den Bruch mit seinem besten Heerführer zu erfahren. Er redet sich nur dunkel mit der „Staatsraison“ heraus, ist aber immerhin bereit Floridante zu empfangen: „Finchè lo strale non giunge al segno“ (Nr. 9). Als sie allein ist, hat Rossane eine Unterredung mit „Glicone“. Sie befragt ihn nach Timante, worauf er berichtet, der habe sich aus der Schlacht retten können, habe aber zuvor immer von seiner Liebe zu ihr und seine Enttäuschung über das gelöste Ehegelöbnis gesprochen, obwohl er sie nur vom Hörensagen kannte. Rossane bricht in Seufzer aus und gesteht, dass auch sie darüber schwer enttäuscht sei. Alleingeblieben, philosophiert Timante über das Schicksal und preist sich glücklich, dass es ihn hierher führte: „Dopo il nembo e la procelle“ (Nr. 11).

Thronsaal im Palast. Oronte empfängt Floridante, der bereit ist, dessen Befehl zu akzeptieren, aber die Gründe dafür erfahren möchte; außerdem wünscht er, dass Elmira mitkomme, wie es ihm versprochen wurde. Doch Oronte bleibt hart und lehnt das ab. Auch Elmiras Einwände nützen nichts, der König verlässt ohne weitere Begründungen den Saal. Die beiden Liebenden bleiben untröstlich zurück und verabschieden sich: „Ah mio caro, se tu parti/Ah mia cara, se tu resti“ (Nr. 12).

Zweiter Akt

Rossanes Gemach. Rossane berichtet „Glicone“ traurig, dass man Timante nicht habe finden können und er wahrscheinlich tot sei. „Glicone“ jedoch entgegnet, er habe sichere Nachrichten, dass Timante lebe, sich aber verborgen halte. Als Rossane sich wundert, woher er das so genau wissen könne, überreicht er ihr ein Bildnis des Prinzen und verlässt den Raum. Rossane erkennt, dass „Glicone“ und Timante ein und derselbe sind und ist glücklich: „Gode l’alma innamorata“ (Nr. 14).

Der als Mohrensklave verkleidete Floridante erscheint und „Glicone“ versichert ihm, er sei nicht zu erkennen und verspricht ihm seine Hilfe, da er so freundlich zu ihm gewesen sei. Elmira kommt und berichtet, dass Rossane entschlossen sei, mit ihnen zusammen zu fliehen. Als Rossane „Glicone“ bittet, mitzukommen, gibt dieser seine Tarnung auf. Floridante entschuldigt sich, falls er ihn nicht mit dem nötigen Respekt behandelt habe. Timante schwört Rossane Treue und beide sind glücklich. Bevor Floridante sich bis zum Abend in Elmiras Gemächern versteckt, besingt er seine Liebe zu ihr: „Bramo te sola, non penso all'impero“ (Nr. 15). Als Oronte angekündigt wird, trennen sich die Paare. Im nun folgenden Gespräch erfährt Elmira von Oronte zu ihrem Entsetzen, dass er selbst sie noch am selben Tag heiraten wolle. Sie glaubt, er habe den Verstand verloren, da ein Vater doch nicht seine eigene Tochter ehelichen könne, und will gehen. Da entdeckt ihr Oronte das lang gehütete Geheimnis, dass sie in Wahrheit die Tochter seines von ihm gestürzten Vorgängers sei und dass er ihr durch die Heirat mit ihm den persischen Thron, der ihr zustehe, zurückgeben werde. Doch Elmira hat nun begriffen, dass er der Mörder ihres Vaters ist, und bricht in Zorn und Abscheu aus: „Barbaro! t’odio a morte, mà più“ (Nr. 16). Nachdem sie gegangen ist, überlegt Oronte, ob er Geduld mit Elmira haben und warten oder ihr seinen Willen einfach aufzwingen soll. Er tendiert jedoch zu Letzterem: „Ma non s’aspetti, no“ (Nr. 17).

In der Nacht bereiten sich Rossane und Timante auf die Flucht vor und schwelgen bereits im Glück: „Fuor di periglio“ (Nr. 18). Indessen wartet Elmira voller Spannung auf ihren geliebten Floridante: „Notte cara“ (Nr. 19). Als der endlich, immer noch als Mohr verkleidet, erscheint, taucht kurz darauf auch Oronte auf der Suche nach Elmira auf. Floridante tritt ihm entgegen, doch bevor er ihn mit einem Dolch verletzen kann, tauchen die Wachen auf und legen ihn in Ketten. Oronte ist außer sich und ordnet die Hinrichtung des vermeintlichen Sklaven an. Floridante sagt ihm bittere Reue voraus: „Tacerò“ (Nr. 20). Oronte stellt Elmira ein Ultimatum: Sie könne wählen, entweder Herrschaft (durch die Ehe mit ihm) oder Tod. Sie ist bereit, sich einem feindlichen Schicksal zu ergeben und zu sterben: „Mà che vuoi più da me“ (Nr. 22).

Dritter Akt

Rossanes Gemach. Timante berichtet Rossane von Floridantes Verhaftung. Sie ist bestürzt und macht sich Sorgen wegen Elmira, doch Timante versucht, sie zu beruhigen: „Nò, non piangete, pupille belle“ (Nr. 23). Als Coralbo die gefangene Elmira hereinbringt, verbietet diese Rossane, sie weiterhin „Schwester“ zu nennen, da sie Elisa, die verschollene Tochter des ermordeten Königs Nino sei, während Oronte nur ein Mörder, Usurpator und Tyrann sei. Doch Rossane möchte Elmira wie bisher als Freundin schwesterlich verbunden bleiben: „Se risolvi abbandonarmi“ (Nr. 24). Elmira ist zu Tränen gerührt. Coralbo ist überrascht über das, was er soeben mit angehört hat, und versucht Elmira Mut zu machen: Sie habe als die rechtmäßige Thronerbin ganz sicher die Unterstützung des Volkes: „Non lasciar oppressa della sorte perir quell’alma forte“ (Nr. 25).

Oronte erscheint und erzählt Elmira, der „freche Mohr“ habe vor seinen Augen seine Seele ausgehaucht. Sie fällt in Ohnmacht, aber es stellt sich heraus, dass das Ganze nur ein Trick war, weil Oronte sicher sein wollte, dass der „Mohr“ in Wahrheit Floridante ist. Er lässt ihn hereinführen und befiehlt ihm, Elmira davon zu überzeugen, der Ehe mit Oronte zuzustimmen; wenn es ihm gelinge, sei er frei, andernfalls wären beide des Todes. Elmira erwacht aus ihrer Ohnmacht, und als sie Floridante erkennt, traut sie ihren Augen nicht. Der versucht, sie dazu zu bringen ihr eigenes Leben durch die ungeliebte Heirat zu retten, doch das lehnt sie ab. Beide sind bereit für ihre Liebe zu sterben: „Se dolce m’era già“ (Nr. 26) und „Vivere per penare“ (Nr. 27).

Timante berichtet Rossane, in der Stadt stehe eine ganze Schar bewaffneter Leute, sogar von den königlichen Wachen, bereit, um ihre Flucht zu unterstützen. Doch sie möchte zuvor Floridante und Elmira retten. Timante glaubt zuerst, sie wolle ihn aufgeben, doch Rossane kann ihn beruhigen („O cara spene del mio diletto“, Nr. 28), und schließlich ist auch er zu der edlen Rettungsaktion entschlossen: „Amor commanda, onore invita“ (Nr. 29).

Gefängnis. Floridante liegt in Ketten, macht sich jedoch nur Sorgen um Elmira: „Questi ceppi, e quest‘ orrore“ (Nr. 30). Diese erscheint in Begleitung von Wachen und mit einem Becher in der Hand. Sie berichtet, dass Oronte ihr befohlen habe, Floridante einen giftigen Trank zu verabreichen; doch zu seinem Entsetzen will sie es selber trinken. Das wird jedoch durch Oronte verhindert, der Alles beobachtet hat und ihr den Giftpokal entreißt, um ihn Floridante zu reichen. Im selben Augenblick stürmen Timante und Coralbo mit Soldaten den Kerker und nehmen Oronte fest. Coralbo ruft Elisa/Elmira zur rechtmäßigen Königin von Persien aus. Sie dankt ihm und bittet Floridante sie zu begleiten. Sie wolle ihm als ihrem Gemahl eigenhändig die Krone aufs Haupt setzen: „Sì, coronar vogl'io col nobil serto d’or“ (Nr. 31). Oronte kann es kaum fassen, dass er nun Alles verloren hat, gibt sich aber selbst die Schuld daran; er steht am Rande des Wahnsinns: „Che veggio? che sento? catene, tormento“ (Nr. 32).

Thronsaal im Palast. Elisa/Elmira bedankt sich beim Volk für seine Treue und krönt Floridante zum Mitherrscher; er schwört ihr als seiner Königin und Gemahlin Treue und verspricht Gerechtigkeit und Frieden. Als Rossane ihre „Schwester“ für ihren schuldig gewordenen Vater um Gnade bittet, delegiert Elisa diese Entscheidung an Floridante. Dieser begnadigt Oronte und gibt Rossane den Segen für ihre Hochzeit mit Timante; sie möge als dessen fürstliche Gemahlin nach Tyros gehen. Floridante besingt sein Glück („Mia bella, godo che son per te“, Nr. 34) und Elisa ruft diesen Freudentag als immerwährenden Festtag im ganzen Land aus: „Quando pena la costanza, spera pur“ (Nr. 35).

Musik

Georg Friedrich Händel, um 1727. Ölgemälde von Balthasar Denner, National Portrait Gallery, London

Dass Floridante nicht zu Händels bekanntesten Opern gehört, liegt ganz sicher nicht an der Musik, die ein gleichmäßig hohes Niveau zeigt und über weite Strecken von besonders großer Schönheit ist.[30][35] Saskia Woyke wies auf die „gelungene Gestaltung über Szenen hinweg“ hin.[36] Charles Burney, der generell vom „Lyrismus“ der ganzen Oper beeindruckt war (siehe Zitat unter Reaktionen),[37] hob unter anderem den zweiten Akt hervor, der „nicht ein Air ohne irgendein besonderes Verdienst oder Charakter hat, entweder im Gesang oder in der Begleitung“.[38] Seit Burney wurde Floridante auch immer wieder als Reaktion auf den anmutigen, melodiösen, liedhaften Stil von Bononcini angesehen, der zu dieser Zeit beim Londoner Publikum sehr gut ankam.[39][40][11][41][42] Dabei mag es Händel allerdings in Floridante (und anderswo) gelungen sein, Bononcini sozusagen „mit seinen eigenen Waffen zu schlagen“.[43][39]

Da Händel vor der Uraufführung viele Änderungen vornahm, vor allem mitten in der Komposition die Stimmlagen der beiden Frauenrollen vertauschte (siehe oben), ist das Autograph des Floridante ein komplexes Dokument; eine ausführliche Besprechung aller Änderungen und Fassungen, auch der Wiederaufnahmen, geben Winton Dean und John Merrill Knapp.[44]

Die Oper beginnt mit einer tragisch gefärbten Ouverture in a-moll[45], deren Fuge auf einem sehr französisch wirkenden, durchgehend punktierten Thema basiert; dieses war das einzige, was Burney an der Partitur nicht gefiel, weil er es „krampfhaft und unangenehm“ fand (“...a convulsive and unpleasant theme”).[46][47][48] Von insgesamt 35 Musik-Nummern (mit Ouverture, ohne Secco-Rezitative) stehen 19 in Dur und 16 in Moll. Wegen der mit Transpositionen verbundenen Änderungen der beiden Frauenrollen im ersten und zweiten Akt während der Entstehung kann von einem genaueren Tonartenplan nicht die Rede sein.[49]

Im Folgenden wird die Version besprochen, die tatsächlich in der Spielzeit 1721–22 zur Aufführung gelangte, und wo es ein erstes Liebespaar von zwei Altstimmen (Elmira und Floridante) und ein zweites Liebespaar von zwei Sopranen (Rossane und Timante) gibt; hinzu kommen die beiden Bässe (bzw. Baritone) Oronte und Coralbo. Diese Stimmendisposition, auch wenn Händel zuerst eine andere Idee über die Besetzung der beiden Frauen gehabt haben mag (siehe oben), sorgt für einen wirkungsvollen Kontrast: Schon klanglich erscheint das erste Paar durch die beiden Altstimmen melancholischer und pathetischer, passend zu den tragischen Verwicklungen, während das zweite Paar durch die höheren Stimmen insgesamt heiterer und leichter wirkt. Das wird auch durch die Wahl von Tonarten und Tempi unterstützt, so stehen vor allem Timantes Musik-Nummern alle in Dur-Tonarten, darunter auch das Duett mit Rossane („Fuor di periglio“, Akt II, Nr. 18), während etwa die Hälfte der Musik für Elmira und Floridante Moll-Tonarten verwendet, darunter auch das gemeinsame Duett („Ah mia cara“, Akt I, Nr. 12). Es gibt auch in den Seccorezitativen mehrere Stellen, wo die Liebespaare im Duett geführt werden (Elmira und Floridante in I,4 und III,8, beide Paare in II,4).

Anastasia Robinson am Cembalo. Stich von John Faber the Younger nach John Vanderbank, 1723

Die interessanteste Partie ist die ursprünglich von Anastasia Robinson gesungene Elmira, die einen betont pathetischen Charakter, aber auch einige dramatische Ausbrüche hat. Fünf ihrer Soli sind „gewöhnliche“ Dacapo- oder Dal-segno-Arien, dazu kommen einige formal ausgefallenere Nummern. Sie ist außerdem die einzige, der Händel (zwei) Accompagnatos gab. Außerdem singt sie ein Duett mit Floridante. Vier ihrer Solo-Nummern und das Duett stehen in Moll, drei in Dur (Nr. 1–2 als eins gerechnet), und die meisten haben gerade Taktarten.[50]

Die erste Szene der Oper folgt einem etwas ungewöhnlichen Dalsegno-Design, dabei bilden Elmiras Cavatina „Dimmi, oh spene!“ (Nr. 1) und deren Wiederholung mit leicht verändertem Text („Godi, oh spene!“, Nr. 2) den Rahmen für eine kurze Unterhaltung Elmiras und Rossanes im Secco-Rezitativ. In der Cavatina selber schwebt die lyrisch geführte Stimme über einer etwas „merkwürdigen“, amazonenhaften Unisonobegleitung der Streicher mit einer fanfarenartigen Motivik[51][52] – letztere ist vermutlich durch die Verkleidung als Jägerin motiviert, und/oder eventuell durch die Ankunft des siegreichen Floridante mit seinem Heer.

Elmiras erste große Arie „Ma pria vedrò le stelle“ (Nr. 7) erklingt nach der ungerechten „Entlassung“ Floridantes und ist ein wirkungsvoller Ausdruck ihrer Empörung. Auch hier verwendet Händel wieder Unisoni in der Begleitung, aber im Kontrast mit pochenden Streicher-Teppichen. Auch ihr nächstes Solo „Barbaro! t’odio a morte“ (Akt II, Nr. 16) ist ein dramatischer Zornes-Ausbruch, nachdem sie die Wahrheit über ihre eigene Identität und Oronte erfahren hat.[53] Diese beiden Arien wurden ursprünglich der Durastanti auf den Leib geschrieben, die ein dramatischer Mezzosopran war; Anastasia Robinson, die den Part schließlich sang, mag sich mit den beiden Stücken weniger wohl gefühlt haben, auch wenn Händel sie für ihre Altstimme nach unten transponierte.[54][11][55]

Umgekehrt dürfte die Scena „Notte cara“ (Nr. 19), in der nicht nur János Malina „den Höhepunkt der Rolle Elmiras“ sah,[56] vollkommen nach Robinsons Geschmack gewesen sein – genau dies ist auch der Punkt, an dem Händel begann, die Partie für ihre Alt-Stimme umzuarbeiten.[57] Die geheimnisvolle nächtliche Atmosphäre, die unter anderem durch die extrem dunkle Tonart b-moll und die sich überschneidenden absteigenden Akkord-Motive gemalt wird, findet in der dunklen Altstimme einen idealen Ausdruck. Die Nummer hat eine Dalsegno-Form, aber der Mittelteil ist ein Accompagnato-Rezitativ, in dem sich Elmira ausmalt, wie sich Floridante zu ihr begibt;[58] ein besonders gelungenes Detail sind die regelrecht „konfusen“ Modulationen, als sie glaubt, ihn zu hören, aber dann merkt, dass sie sich getäuscht hat („Ah, no! M’inganna amore...“).[59]

In Elmiras Scena „Sorte nemica, hai vinto!“ (Nr. 21) verwendet Händel noch einmal, geradezu als ein Erkennungsmerkmal, eine originelle Dacapo-Form: Diesmal umschließen zwei identische kurze Accompagnato-Rezitative (=A) ein Seccorezitativ (=B). Es folgt als letzte Arie des zweiten Aktes „Ma che vuoi più da me, sorte crudele e ria“ (Nr. 22), ein recht herbes Allegro in c-moll, in dem sich Elmira beim grausamen Schicksal beklagt; auch dieses Stück hat einen dramatischen Charakter und Unisono-Passagen in den Streichern und harmoniert somit stilistisch mit ihren meisten vorhergehenden Soli.

Ihre beiden Arien im dritten Akt sind sehr verschieden und runden Elmiras Charakterporträt ab. „Vivere per penare“ (Akt III, Nr. 27) ist ein ausdrucksvolles Andante in f-moll mit einer elegisch-schönen Gesangsmelodie und signifikanten Schleiferfiguren in der ornamentalen Violinbegleitung über einem gleichmäßig wandernden Bass. In ihrem letzten Solo, „Sì, coronar vogl’io“ (Nr. 31), besingt sie schließlich ihr Glück in einem fröhlichen, anmutigen Stil, mit Koloraturen im Gesang und hoch gesetzten Violinen.[60]

Ein Höhepunkt an Schönheit und Ausdruck ist das melancholische Abschieds-Duett für Elmira und Floridante „Ah mia cara…“ (Nr. 12) am Ende des ersten Aktes. Die beiden Stimmen umschlingen sich in belcantistischen Kantilenen über langen fließenden Achtellinien der Bässe. Es wurde schon von Burney besonders hervorgehoben („an exquisite duet in the grand style of pathetic“),[61] und von Woyke als „einer der Höhepunkte des Schaffens Händels überhaupt“ bezeichnet.[62][63]

Der ursprünglich für Senesino komponierte Part des Floridante besteht aus sieben Dacapo-(oder Dalsegno-)Arien und dem erwähnten Duett mit Elmira; davon stehen vier Arien in Dur, die übrigen in Moll. Es überwiegen Dreiertakte und langsame Tempi. Nachdem er durch den berühmten Marsch Nr. 4b in großer Orchesterbesetzung, mit Trompeten und Hörnern, und in der typischen Tonart D-Dur als strahlender Sieger und Held angekündigt wurde, wirkt die liebliche Intimität seiner ersten Arie „Alma mia“ (Nr. 5) in derselben Tonart – einer schlichten Liebeserklärung an Elmira in einem wiegenden 12/8-Takt – durchaus überraschend.[64] Der Gesang setzt allein mit einem Adagio ein, das vom Sänger durch Messa di voce und Verzierungen zu gestalten ist; die eigentliche Arie wird nur vom Continuo begleitet, nur am Ende gibt es ein Orchester-Ritornell. Floridantes nächste Arie „Sventurato“ (Nr. 7) ist ein Es-Dur-Larghetto im 3/8-Takt von ausgesprochen idyllischem Charakter; auch hier geben mehrere über das Stück verteilte Fermaten reichlich Möglichkeit zu freien, improvisierten Verzierungen.[65]

Seine beiden Arien im zweiten Akt zeigen Floridante von einer heldenhafteren Seite.[66] „Bramo te sola“ (Akt II, Nr. 15) ist eine Liebeserklärung in g-moll, aber die Musik, mit Staccato-Akkorden im Orchester und Triolen-Koloraturen, widerspricht dem Text etwas; die Stimme muss idealerweise sogar über eine gewisse dramatische Kraft verfügen. Das gilt noch mehr für „Tacerò“ (Nr. 20), das nach Floridantes Gefangennahme durch Orontes Wachen erklingt. Diese ist eine heldenhaft-dramatische Bravourarie in hellem E-Dur mit signalartigen punktierten Motiven zu Beginn und wiederum zahlreichen Triolen-Koloraturen.[67][68]

Floridantes Soli im dritten Akt sind beide vom melancholisch-pathetischen Typus. „Se dolce m’era già“ (Nr. 26) ist eine sehr schöne, von einem Streicherteppich unterlegte Siciliana in c-moll mit einigen neapolitanischen Einfärbungen. „Questi ceppi, e quest‘ orrore“ (Nr. 30) beginnt mit einer recht dramatischen Orchester-Einleitung, die ein Accompagnato-Rezitativ erwarten lässt, doch stattdessen folgt etwas überraschend die Arie, die mit ihrer kargen Continuo-Begleitung und der Todestonart f-moll ein Abbild der Einsamkeit zeichnet. Floridantes letzte Arie „Mia bella, godo che son per te“ (Nr. 34) ist ein anmutiger Freudengesang, wiederum in der hellen Tonart E-Dur, und mit einer sehr duftigen zweistimmigen Begleitung mit einer hoch geführten Violinstimme; auch hier fallen (wie bei seinen Arien in Akt I) wieder mehrere zu Verzierungen einladende Fermaten auf.[69]

Das zweite Liebespaar, Rossane und Timante, singt vor allem in einem graziösen, oft tänzerischen Stil, der bis zu einem gewisse Grade auf die leichten und agilen Stimmen ihrer ersten Interpreten, Maria Maddalena Salvai und der Kastrat Benedetto Baldassarri, schließen lässt. Händel mag gerade bei diesen beiden Partien auch etwas von Bononcini inspiriert gewesen sein.[70]

Rossane hat fünf Arien sowie ein Duett mit Timante. Zwei ihrer Arien (Nr. 3b und 14a) wurden ursprünglich für Alt geschrieben, aber mitten im Kompositionsprozess für Sopran nach oben transponiert (siehe oben).[71] Sie mag vom Typus her eine gewisse kindlich-jugendliche Naivität ausstrahlen, ist jedoch zugleich gefühlvoll und sensibel, was vor allem in ihren drei Arien in Moll-Tonarten zu spüren ist: „Ma un dolce mio pensiero“ (Nr. 3b) und „Sospiro è vero“ (Nr. 10b) im ersten Akt, sowie „Se risolvi abbandonarmi“ (Nr. 24) in Akt III. Die größte Tiefe darunter hat „Sospiro è vero“, wo sie mithilfe zahlreicher Seufzerfiguren ihre ehrliche Traurigkeit und Bedauern über das Nicht-zustande-Kommen ihrer Ehe mit Timante ausdrückt.[72] Sehr ausdrucksvoll und von großer Schönheit ist auch „Se risolvi abbandonarmi“, wo die langen Kantilenen der Stimme durch eine Oboe unterstützt und von den Violinen anmutig umspielt werden.

Timantes vier Solonummern sind ausschließlich im Dur-Bereich angesiedelt, modulieren freilich in den B-Teilen immer nach Moll und werden dadurch vor Oberflächlichkeit bewahrt. Er strahlt einen fröhlichen, optimistischen Charme aus, besonders in seiner ersten und letzten Arie, „Dopo il nembo e la procella“ (Akt I, Nr. 11) und „Amor commanda, onore invita“ (Akt III, Nr. 29b), die beide derart eingängige, tänzerische Melodien haben, dass man von „Ohrwürmern“ sprechen kann. Seine beiden anderen Soli sind Liebeslieder und schon von da her lyrischer; beide stehen in der hellen und weichen Tonart A-Dur. Timantes gefühlvollstes Stück ist die Siciliana „Lascioti, oh bella“ (Nr. 13a) zu Beginn des zweiten Aktes, die sogar Dean und Knapp als „exquisit“ bezeichneten.[73]

Eine Perle der Partitur ist das Liebesduett von Timante und Rossane „Fuor di periglio“ (Nr. 18) im zweiten Akt; die Orchester-Ritornelle sind apart instrumentiert mit obligaten Fagotten und Oboen, die offenbar das Gurren der im Text besungenen Tauben darstellen. Das Stück kontrastiert wunderbar zu Elmiras folgender Scena „Notte cara“ (siehe oben).[74][75]

Oronte hat drei Arien, die alle in Moll stehen, was ihm grundsätzlich etwas Düsteres verleiht. Die beiden Arien im ersten und zweiten Akt sind beide schwungvoll und tänzerisch und wirken dadurch bis zu einem gewissen Grade ironisch bis zynisch. Während in „Finchè lo strale“ (Nr. 9) geradezu bellende Einwürfe zu den Worten „No, no“ herausstechen, ist seine zweite Arie „Ma non s’aspetti, no“ (Nr. 17) im Zusammenspiel von Stimme und Orchester besonders schön gearbeitet. „Che veggio? che sento?“ (Akt III, Nr. 32) ist ein ausgesprochen gelungenes, dramatisch motiviertes Stück in durchkomponierter zweiteiliger Form, beinahe eine kurze Wahnsinnsszene. Es beginnt mit heftigen, kurz abgerissenen und von langen Pausen unterbrochenen Phrasen im Orchester und deklamatorischen Ausrufen der Stimme, bevor im zweiten, fließenderen Teil lange absteigende Läufe offenbar die im Text erwähnten „catene“ (Ketten) darstellen. Laut Dean/Knapp hatte Händel ursprünglich eine Dacapo-Form beabsichtigt, aber er änderte das noch vor der Uraufführung.[76]

Die kleine Nebenrolle des Coralbo singt nur eine Arie (Nr. 25) in Akt III.[77]

Orchester

Zwei Blockflöten, zwei Oboen, zwei Fagotte, zwei Trompeten, zwei Hörner, Streicher, Basso continuo (Violoncello, Erzlaute oder Theorbe, 2 Cembali[78]).

Struktur der Oper

Erster Akt

Scena I 1. Aria. Elmira (2 Vl, BC) Dimmi, oh spene!
Recitativo. Elmira, Rossane Oggi di Tracia
2. Aria. Elmira (2 Vl, BC) Godi, oh spene!
Recitativo. Rossane Avventurosa Elmira!
3b. Aria. Rossane (2 Ob, 2 Vl, BC) Ma un dolce mio pensiero
Scena II 4. Marche. (2 Trp, 2 Hr, 2 Ob, Str, BC)
Recitativo. Floridante, Elmira Questo de’miei trionfi
5. Aria. Floridante (2 Ob, Str, BC) Alma mia, sì, sol tu sei
Scena III Recitativo. Rossane, Floridante, Elmira, Timante Giove, compensator
Scena IV Recitativo. Coralbo, Floridante, Rossane, Elmira Oronte, il Re de' Persi
6. Aria. Rossane (Str, BC) Dopo l’ombre d’un fiero sospetto
Recitativo. Floridante, Elmira Ch’io parta? Ch’io ti perda?
7a. Aria. Elmira (Str, BC) Ma pria vedrò le stelle
Recitativo. Floridante Fammi bersaglio pur
8. Aria. Floridante (2 Ob, Str, BC) Sventurato, godi, oh core abbandonato!
Scena V Recitativo. Rossane, Oronte Cinto d'allori Floridante torna
9. Aria. Oronte (2 Ob, Str, BC) Finchè lo strale non giunge al segno
Recitativo. Rossane Novo aspetto di cose
Scena VI Recitativo. Rossane, Timante Ma viene di prigionier
10b. Aria. Rossane (2 BlFl, Str, BC) Sospiro è vero
Recitativo. Timante Per quali vie lontane
11. Aria. Timante (2 Ob, Str, BC) Dopo il nembo e la procella
Scena VII Recitativo. Floridante, Oronte Al primo cenno, Sire
Scena VIII Recitativo. Elmira, Oronte, Floridante Padre, Signor, frena lo sdegno
12. Duetto. Elmira, Floridante (Str, BC) Ah mia cara, se tu resti

Zweiter Akt

Scena I Recitativo. Timante, Rossane Ecco il vago mio sol
13a. Aria. Timante (2 Ob, Str, BC) Lascioti, oh bella, il volto d’un che vorrebbe anco
Recitativo. Rossane O fortunati affetti miei
14a. Aria. Rossane (2 Ob, 2 Vl, BC) Gode l’alma innamorata
Scena II Recitativo. Timante, Floridante Difficil cosa
Scena III Recitativo. Floridante, Elmira Fedele Elmira!
Scena IV Recitativo. Rossane, Timante, Floridante, Elmira Glicon, se sei verace
15. Aria. Floridante (2 Ob, Str, BC) Bramo te sola, non penso all’impero
Recitativo. Timante, Elmira, Rossane Oronte un messo invia
Scena V Recitativo. Oronte, Elmira Questo e il tempo fatal
16. Aria. Elmira (2 Vl, BC) Barbaro! t’odio a morte
Recitativo. Oronte Convien lasciar libero il corso
17. Aria. Oronte (2 Vl, BC) Ma non s’aspetti, no
Scena VI Recitativo. Rossane, Timante Ormai tutta silenzio
18. Duetto. Rossane, Timante (2 BlFl, 2 Ob, 2 Fg, Str, BC) Fuor di periglio di fiero artiglio
Scena VII 19. Arioso e Recitativo accompagnato. Elmira (Str, BC) Notte cara, deh! riportami’l mio ben / Parmi ascoltare un lieve moto
Scena VIII Recitativo. Floridante, Elmira Oh facil porta
Scena IX Recitativo. Oronte, Elmira, Floridante Qual buona sorte!
20. Aria. Floridante (Str, BC) Tacerò, ma non potrai
Recitativo. Oronte Guardia a costei
21. Recitativo accompagnato. Elmira (Str, BC) Sorte nemica, hai vinto!
Recitativo. Elmira Fatto ai l’estremo de’ tuoi danni
22. Aria. Elmira (2 Vl, BC) Ma che vuoi più da me, sorte crudele e ria?

Dritter Akt

Scena I Recitativo. Timante, Rossane Giunsi allor che fra guardie
23. Aria. Timante (2 Vl, BC) No, non piangete, pupille belle
Scena II Recitativo. Rossane, Elmira, Coralbo Oh sventurati e vani
24. Aria. Rossane (2 Ob, 2 Vl, BC) Se risolvi abbandonarmi
Recitativo. Coralbo, Elmira Or mi si svela
25. Aria. Coralbo (2 Ob, 2 Vl, BC) Non lasciar oppressa della sorte
Scena III Recitativo. Oronte, Elmira Elmira, a te ritorno
Scena IV Recitativo. Floridante, Oronte, Elmira Numi, che aspetto di dolor!
26. Aria. Floridante (Str, BC) Se dolce m’era già viver
Recitativo. Elmira Si mora, sì, vivere a voglia altrui
27. Aria. Elmira (2 Vl, BC) Vivere per penare, no, che non voglio
Scena V Recitativo. Timante, Rossane Nella vasta citta sparso e gia pronto
28a. Aria. Rossane (2 Ob, Str, BC) Vanne, segui’l mio desio!
Recitativo. Timante Servasi alla mia bella
29a. Aria. Timante (Str, BC) Amor commanda, onore invita
Scena VI 30. Aria. Floridante (Str, BC) Questi ceppi, e quest’orrore non mi fanno già spavento
Scena VII Recitativo. Elmira, Floridante Misera amato Prence!
Scena VIII Recitativo. Oronte, Floridante, Elmira Tale non era il cenno mio
Scena IX Recitativo. Coralbo, Oronte, Timante, Elmira, Floridante S’uccida, chi resiste a’nostr’armi
31. Aria. Elmira (2 Ob, Str, BC) Sì, coronar vogl’io col nobil serto d’or
Recitativo. Oronte Ah! traditor Coralbo!
32. Aria. Oronte (Str, BC) Che veggio? che sento?
33. Sinfonia. (2 Hr, Str, BC)
Scena X Recitativo. Elmira, Floridante, Rossane, Timante Fido e guerriero
34. Aria. Floridante (2 Vl, BC) Mia bella, godo che son per te
Recitativo. Elmira La cittade, la reggia
35. Coro. (2 Trp, 2 Ob, 2 Hr, Str, BC) Quando pena la costanza

Reaktionen

Charles Burney nahm die speziellen Qualitäten der Partitur des Floridante zum Anlass für einen Vergleich von Händel mit Bononcini:

“The partizans for Bononcini seem to have had little foundation for their praise of his plaintive and pathetic songs; as there are generally more airs of that kind in a single act of an opera set by Handel, than in any one of Bononcini’s whole dramas. ... I mention the slow songs in this opera particularly, as superior in every respect to those of Bononcini, who has frequently been extolled by his admirers for unrivalled excellence in airs of tenderness. The spirit, invention, and science of Handel, has never been disputed; but by a recent examination of his early works, I am convinced, that his slow airs are as much superior to those of his contemporaries, as the others in spirit and science.”

„Bononcinis Anhänger scheinen wenig Grund zu haben, diesen für seine klagenden und pathetischen Arien zu rühmen, sind doch in der Regel mehr Airs dieser Art in einem einzigen Akt einer Oper Händels gesetzt, als in irgendeinem ganzen Drama Bononcinis. … Ich erwähne hier besonders die langsamen Gesänge dieser Oper (= Floridante, Anm. d. Ü.), die in jeder Hinsicht denen von Bononcini überlegen sind, der von seinen Bewunderern häufig für seine unübertroffene Meisterschaft in zärtlichen Arien gepriesen wurde. Geist, Erfindungsgabe und Kunstfertigkeit Händels standen nie in Frage; doch nach einer kürzlichen Untersuchung seiner frühen Werke bin ich überzeugt, dass seine langsamen Arien denen seiner Zeitgenossen genauso überlegen sind, wie die anderen an Geist und Kunstfertigkeit.“

Charles Burney: A General History of Music. London 1776.[79]

Diskografie

  • Hungaroton HCD 31304-6 (1990): Drew Minter (Floridante), István Gáti (Oronte), Katalin Farkas (Rossane), Annette Markert (Elmira), Mária Zádori (Timante), József Moldvay (Coralbo)
Capella Savaria; Dir. Nicholas McGegan (160 min; Originalversion von 1721–22)
  • DGG Archiv Produktion 477 656-6 (2005): Marijana Mijanovic (Floridante), Vito Priante (Oronte), Sharon Rostorf-Zamir (Rossane), Joyce DiDonato (Elmira), Roberta Invernizzi (Timante), Riccardo Novaro (Coralbo)
Il complesso barocco; Dir. Alan Curtis (164 min; „rekonstruierte“ Fassung mit Elmira als Mezzosopran[80])

Literatur

  • Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Bühnenwerke. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 1, Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, ISBN 3-7618-0610-8 (unveränderter Nachdruck: Kassel 2008, ISBN 978-3-7618-0610-4).
  • Hans Dieter Clausen: Die ideale Version von „Floridante“. Booklettext zur Einspielung: DGG Archiv Produktion 477 656-6 (2005). S. 23–28.
  • Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7 (englisch).
  • Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie (= Insel-Taschenbuch. 2655). Aus dem Englischen von Bettina Obrecht. Insel Verlag, Frankfurt am Main / Leipzig 2000, ISBN 3-458-34355-5.
  • Paul Henry Lang: Georg Friedrich Händel. Sein Leben, sein Stil und seine Stellung im englischen Geistes- und Kulturleben. Bärenreiter-Verlag, Basel 1979, ISBN 3-7618-0567-5.
  • Silke Leopold: Händel. Die Opern. Bärenreiter-Verlag, Kassel 2009, ISBN 978-3-7618-1991-3.
  • János Malina: Booklettext zur Einspielung: Hungaroton HCD 31304-6 (1990), S. 6–8
  • Albert Scheibler: Sämtliche 53 Bühnenwerke des Georg Friedrich Händel, Opern-Führer. Edition Köln, Lohmar/Rheinland 1995, ISBN 3-928010-05-0.
  • Saskia Woyke: Il Floridante (HWV 14), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, ISBN 978-3-89007-686-7, S. 110–115
Commons: Floridante – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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