Moto Guzzi 1000 S
Italienisches Motorrad der Kategorie Roadster 1989–1993
From Wikipedia, the free encyclopedia
Die Moto Guzzi 1000 S ist ein Motorrad der Kategorie Naked Bike, das der italienische Hersteller Moto Guzzi von 1990 bis 1993 in Mandello del Lario baute. Es gleicht äußerlich den Guzzi-Modellen V7 Sport und vor allem 750 S/S3 der 1970er Jahre und gilt als eins der ersten Motorräder der aufkommenden Retrodesign-Welle bzw. eins der ersten „modernen Klassiker“ (englisch Modern Classics).[1] Antrieb, Rahmen und Fahrwerk entsprechen technisch weitgehend denen der Le Mans 1000 CI in der Ausführung von 1990. Anbauteile und schwarze Lackierung entsprechen denen der 750 S von 1974, Tank und Seitendeckel haben entweder orange oder grüne schräge Streifen – in Verbindung mit letzteren sind auch Rahmen und Schwinge grün lackiert.[1]
| Moto Guzzi | |
|---|---|
1000 S (im Hintergrund: technisch weitgehend gleiche Le Mans 1000 CI) | |
| 1000 S | |
| Hersteller | Moto Guzzi |
| Produktionszeitraum | 1990 bis 1993 |
| Klasse | Motorrad |
| Bauart | Naked Bike |
| Motordaten | |
| luftgekühlter V2-90°-Viertaktmotor, längs eingebaut, siehe Datentabelle | |
| Hubraum | 949 cm³ |
| Getriebe | 5-Gang |
| Antrieb | Kardanantrieb |
| Bremsen | Integralbremssystem. Vorn: zwei 270 mm-Scheiben mit Doppelkolbensätteln hinten: 270 mm-Scheibe mit Doppelkolbensattel |
| Radstand | 1485 mm |
| Sitzhöhe | 78 cm |
| Leergewicht | trocken: 215 kg fahrfertig: 239 kg |
Geschichte
Die Anregung zur 1000 S als klassisches, unverkleidetes Sportmotorrad im Stil der alten V7 Sport und 750 S kam, wie bereits für die relativ erfolgreiche Mille GT, 1988 vom deutschen Moto-Guzzi-Importeur, der Deutschen Motobécane GmbH (DMB) in Bielefeld, über dessen Geschäftsführer Eberhard Just.[2] Die Le Mans 1000 sollte die bewährte Basismaschine sein und die Anbauteile (Tank, Seitendeckel, Sitzbank, Kotflügel, Instrumente usw.) sollten von den alten V7 Sport und 750 S übernommen werden – Ersatzteile waren noch vorrätig. Schon im Frühjahr 1989 stand der Prototyp in der Halle bei DMB.[2] 1989 wurde jedoch die DMB von dem deutschen Yamaha-Importeur Mitsui Maschinen GmbH (ab 1996 Yamaha Motor Deutschland GmbH) übernommen, Moto-Guzzi-Importeur war fortan die Bielefelder A&G Motorrad Vertrieb GmbH. Nach Abschluss dieser Veränderung fiel in Mandello die Entscheidung für den Produktionsanlauf dieses „Klassik-Sportlers“.[2]
Im Herbst 1990 wurde das Motorrad überarbeitet (sogenannte 2. Serie) und auf der Kölner Zweiradmesse IFMA vorgestellt. Motor und Fahrwerk basieren auf der Mille GT, die 1000 S bekommt eine Abgasnachbehandlung, die Nennleistung ist dadurch um 10 PS niedriger.[2]
In manchen Ländern war neben der 1000 S auch eine Variante 1000 SE mit der kleinen Cockpitverkleidung der ersten 850 Le Mans erhältlich.
Produktionszahlen
Wider Erwarten verkaufte sich die Maschine schlecht – die Retro- bzw. „Modern-Classics“-Welle kam erst ein bis zwei Jahrzehnte später mit Motorrädern wie der Triumph Bonneville T100 oder den Modellen Kawasaki W650 und W800 auf, mit einem Höhepunkt um 2010 bis 2015 in den Neuzulassungen. Insgesamt wurden nur rund 1200 Stück 1000 S produziert.
| Jahr | 1990 | 1991 | 1992 | 1993 |
|---|---|---|---|---|
| Einheiten | 524 | 401 | 196 | 84 |
Quelle:[1]
Technik
Antrieb
Der längs eingebaute, luftgekühlte Viertakt-Zweizylinder-V-Motor der 1000 S wurde von der Le Mans 1000 CI übernommen und hat wie alle V-Motoren von Moto Guzzi seit 1967 einen Zylinderwinkel von 90 Grad. Der Hubraum beträgt 949 cm³, resultierend aus einer Bohrung von 88 mm und einem Hub von 78 mm.[3] Pro Zylinder hat der Motor je ein Ein- und ein Auslassventil, die von einer untenliegenden, kettengetriebenen Nockenwelle über Stößel, Stoßstangen und Kipphebel gesteuert werden. Die Steuerkette der Nockenwelle treibt auch die Ölpumpe zur Nasssumpfschmierung an.
Das Gemisch bilden bei der ersten Serie 1990 zwei Dell’Orto-Vergaser des Typs PHM 40 N mit Rundschieber, Beschleunigerpumpe und Ø 40 mm Durchlass. Die Batteriezündung hat je eine Zündspule und einen Unterbrecherkontakt für jeden Zylinder.[4] Bei der zweiten Serie ab Herbst 1990 haben die Vergaser wie bei der Mille GT einen kleineren Durchlass von Ø 36 mm (Typ PHF 36 C). Die erste Serie hat eine Batteriezündung mit doppelten Unterbrecherkontakten, die zweite Serie eine elektronische Zündung des spanischen Zulieferers Motoplat. Der Kraftstofftank aus lackiertem Stahlblech fasst 22,5 Liter. Wie alle großen Guzzis ab dem Frühjahr 1990 verträgt der Motor bleifreies Super-Plus-Benzin mit Oktanzahl 98.[2] Bei dem vom Hersteller angegebenen Kraftstoffverbrauch von 5,4 l/100 km gemäß CUNA[3] ergibt sich eine theoretische Reichweite von ca. 410 km. Tatsächlich ist der Verbrauch der 1000 S gering: die Redaktion der Zeitschrift „Motorradfahrer“ (Ausgabe 6/1990) konnte bei entsprechenden Bedingungen einen Rekord von unter 4 l/100 km messen. Selbst bei Vollgas auf der Autobahn beträgt er kaum mehr als 7 l/100 km.[2]
Die Zweischeiben-Trockenkupplung wird mechanisch über Seilzug betätigt. Das ebenfalls von der Le Mans 1000 CI unverändert übernommene, schrägverzahnte, am Motor angeflanschte Getriebe hat fünf Gänge. Ein Kardanantrieb überträgt die Kraft an das Hinterrad. Am vorderen Ende der zweifach gelagerten Kurbelwelle wird die Lichtmaschine direkt angetrieben.
Eine Abgasnachbehandlung gibt es erst mit der 2. Serie mit je einem ungeregelten Dreiwege-Katalysator direkt vor jedem langen, konischen Schalldämpfer.[5] Die gesamte Auspuffanlage besteht aus verchromtem nichtrostendem Edelstahl.
Rahmen und Fahrwerk
Auch der Rahmen wurde von der Le Mans 1000 CI übernommen. Der hinten offene Doppelschleifenrohrrahmen aus Stahlrohr mit geschraubten Unterzügen war ursprünglich für die V7 Sport von 1971 vom damaligen technischen Direktor Lino Tonti entworfen worden. Durch seine hohe Steifigkeit ermöglicht dieser „Tonti-Rahmen“ ein stabiles Fahrverhalten auch bei hoher Geschwindigkeit. Der einzige Unterschied zum Rahmen der Le Mans sind die hinten nicht hochgezogenen Rohre, damit die lange, gerade Sitzbank der alten V7 Sport und 750 S übernommen werden kann.[1][2] Die 1000 S ist das letzte Sportmotorrad von Moto Guzzi mit dem „Tonti-Rahmen“, der ein weiteres Jahr im erfolglosen „Allrounder“ Strada 1000 und bis 2012 im erfolgreichen Cruiser California 1100 in Serienproduktion blieb.
Das Vorderrad wird in einer hydraulisch gedämpften Teleskopgabel von Bitubo mit 140 mm Federweg, 40 mm Standrohrdurchmesser und einstellbarer Federvorspannung[3] geführt. Hinten hat die 1000 S eine Zweiarmschwinge aus Stahlrohr mit 75 mm Federweg.[6][7] Die ebenfalls von der Le Mans 1000 CI übernommenen Koni-Federbeine[3] sind voll einstellbar – die Federvorspannung in drei Stufen, die Dämpferzugstufe in vier Stufen.[2]
Die Radgröße der standardmäßigen Aluminiumgussfelgen in 5-Doppelspeichen-Design beträgt vorn 18″×2,50″, hinten 18″×3,00″. Die Reifenabmessungen sind vorne 100/90 V18 und hinten 120/90 V18.[3] Die 1000 S war jedoch beim deutschen Importeur A & G wahlweise mit klassischen verchromten Drahtspeichenrädern in den gleichen Größen erhältlich,[2] in Deutschland wurden angeblich fast nur diese bestellt. Ab Werk konnte die 1000 S auch mit schmaleren Drahtspeichenrädern von Akront in den Größen vorn 18″×2,15″ / hinten 18″×2,50″ ausgestattet werden.[1]
Bremsanlage
Das Integralbremssystem[3] hat hydraulisch betätigte Scheibenbremsen: am Vorderrad zwei schwimmend gelagerte Bremsscheiben und am Hinterrad eine, alle mit einem Durchmesser von 270 mm und axial geschraubten Doppelkolben-Festsätteln von Brembo.[3][6][7]
Technische Daten
| Version | 1000 S 1. Serie |
1000 S 2. Serie |
|---|---|---|
| Bauzeitraum | 1990 | 1990–1993 |
| Verdichtung | 10,0 : 1 | 9,5 : 1 |
| Vergaser (Dell’Orto) | PHM 40 N | PHF 36 C |
| Zündung | Batteriezündung mit Zündunterbrechern | Elektronische Zündung |
| Nennleistung | 81 PS (60 kW) | 71 PS (52 kW) |
| – bei Drehzahl | 7400/min | 6600/min |
| Max. Drehmoment | 83 Nm | 79 Nm |
| – bei Drehzahl | 6250/min | 3200/min |
| Abgasreinigung | – | ungeregelter Katalysator |
| Höchstgeschwindigkeit | ca. 210 km/h | ca. 200 km/h |
Weblinks
- Sammlung von Prospekten der 1000 S
- Bildersammlung zur 1000 S auf der frz. Website guzzitek.org
- Videorundgang einer 1000 S auf YouTube, 14. Oktober 2025, abgerufen am 18. Januar 2026 (gefilmt im Moto-Guzzi-Museum in Mandello).
- Video „Charakterstück auf zwei Rädern – Moto Guzzi 1000 S“ auf YouTube, 13. Oktober 2025, abgerufen am 6. Juli 2023 (Kanal des Oldtimermuseums PS.Speicher).