Provincetown Art Colony
Künstlerkolonie in den Vereinigten Staaten
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Die Provincetown Art Colony ist eine Künstlerkolonie in den Vereinigten Staaten. Sie wurde im späten 19. Jahrhundert in der Stadt Provincetown auf Cape Cod im Bundesstaat Massachusetts gegründet und zählt zu den bedeutendsten Zentren der amerikanischen Moderne.[1] Die bauliche Struktur der Provincetown Art Colony besteht aus einfachen Wohnhäusern, ehemaligen Fischhütten, Scheunen und Ateliers, die von Künstlern genutzt und teilweise umgebaut wurden. Verbreitet sind funktionale Atelierbauten mit großen Fenstern sowie die Nutzung bestehender Gebäude im Ortskern und entlang der Küste. Diese informelle, kleinteilige Architektur trug wesentlich zur besonderen Arbeitsatmosphäre der Kolonie bei.[1]

Geschichte

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts ließen sich zunächst Landschafts- und Marinemaler in dem ehemaligen Walfänger- und Fischerort Provincetown nieder. Künstler hielten sich dort dauerhaft oder saisonal auf. Die Gründung der Cape Cod School of Art durch Charles Webster Hawthorne im Jahr 1899 begründete eine institutionalisierte künstlerische Ausbildung vor Ort. Einen weiteren organisatorischen Rahmen erhielt die Künstlergemeinschaft ab 1914 durch die Gründung der Provincetown Art Association, die Ausstellungen organisierte und als zentrale Einrichtung fungierte. In den 1910er- und 1920er-Jahren entwickelte sich Provincetown zu einem Standort moderner Kunst in den Vereinigten Staaten.[1][2]
Bereits 1916 bezeichnete der Boston Globe Provincetown als die größte Künstlerkolonie der Welt. In der kunsthistorischen Forschung wird der Ort als eine der am längsten kontinuierlich bestehenden Künstlerkolonien der Vereinigten Staaten beschrieben. In den 1940er- und 1950er-Jahren hielten sich zahlreiche Künstler der amerikanischen Avantgarde in Provincetown auf. Der Ort stand in engem Austausch mit dem Kunstbetrieb in New York City. Einen Beitrag zur Rezeption neuer künstlerischer Entwicklungen leistete die Veranstaltungsreihe Forum 49, die 1949 organisiert wurde und Werke des Abstrakten Expressionismus präsentierte. In den frühen 1950er-Jahren entstanden entlang der Commercial Street mehrere Künstlerkooperativen und Galerien, darunter die HCE Gallery (auch Kootz Gallery), die Arbeiten von Künstlern des Abstrakten Expressionismus zeigte. Zu den dort ausgestellten Künstlern zählten unter anderem Jackson Pollock, Mark Rothko, Franz Kline und Robert Motherwell.[2]

Eine wichtige Rolle spielte der Maler und Kunstpädagoge Hans Hofmann, der während der Sommermonate in Provincetown unterrichtete. Seine Lehrmethode des sogenannten „Push and Pull“, bei der Farbe und Form zur Erzeugung von Raumwirkung eingesetzt wurden, beeinflusste zahlreiche seiner Schüler. Zu ihnen gehörten unter anderem Lee Krasner, Helen Frankenthaler, Wolf Kahn, George Segal, Jan Müller, Lester Johnson und Robert De Niro Sr.[2]
Parallel zum Abstrakten Expressionismus entwickelte sich in den 1950er- und frühen 1960er-Jahren in Provincetown eine stärker figurativ orientierte Strömung, die als Figurativer Expressionismus bezeichnet wird. Diese verband gestische Malweise mit der Darstellung der menschlichen Figur. Thematisch griffen die Künstler unter anderem auf Motive aus Mythologie, Bibel, Literatur und Kunstgeschichte zurück. Ein Vertreter dieser Richtung war der aus Deutschland emigrierte Maler Jan Müller, der nach seiner Ausbildung bei Hofmann zunehmend figurativ arbeitete und in Provincetown mehrere großformatige Gemälde schuf. Zu den in Provincetown tätigen Künstlern des Figurativen Expressionismus zählten unter anderem Bob Thompson, Tony Vevers, Lester Johnson, Gandy Brodie, Emilio Cruz, Wolf Kahn, Robert Beauchamp, Red Grooms, George Segal, Selina Trieff, Robert Henri, Jay Milder, Bill Barrell, George McNeil und Robert De Niro Sr. Viele dieser Künstler hielten sich zeitweise oder dauerhaft in Provincetown auf, nutzten gemeinsame Ateliers und stellten in kooperativen oder nichtkommerziellen Räumen aus. Die lokale Kunstszene stand in Verbindung mit der New Yorker Kunstszene, insbesondere mit Künstlern und Galerien der Lower Manhattan Area.[2]

Eine besondere Rolle nahm die 1955 von Yvonne Anderson und Dominic Falcone gegründete Sun Gallery ein. Sie bestand bis 1960 und zeigte Einzelausstellungen, darunter frühe Ausstellungen junger Künstler. Neben Malerei wurden dort auch Performances, Lesungen und Filmvorführungen veranstaltet. Zeitgenössische Berichte dokumentieren polizeiliche Interventionen im Zusammenhang mit einzelnen Veranstaltungen. Das künstlerische Leben in Provincetown war in den 1950er- und 1960er-Jahren von engen sozialen Kontakten geprägt. Viele Künstler lebten unter einfachen Bedingungen und gingen saisonalen Beschäftigungen nach. Neben bildenden Künstlern hielten sich auch Schriftsteller, Dichter und Performer in Provincetown auf.[2]
Nach der Schließung der Sun Gallery und dem Rückgang der öffentlichen Aufmerksamkeit für den Figurativen Expressionismus verlagerten mehrere Künstler ihre Tätigkeit wieder nach New York. Dort setzten sie ihre Zusammenarbeit in alternativen Ausstellungsräumlichkeiten fort. 1969 gründeten ehemalige in Provincetown tätige Künstler, darunter Jay Milder, Peter Passuntino und Bill Barrell, gemeinsam mit weiteren Künstlern die Rhino Horn Group, ein loses Bündnis figurativ arbeitender Künstler.[2]
Künstler (Auswahl)
- Milton Avery (1885–1965)
- Mary Hackett (1906–1989)
- Gerrit Albertus Beneker (1882–1934)
- Henry Botkin (1896–1983)
- Oscar Bluemner (1867–1938)
- Ralph Blakelock (1847–1919)
- John Whorf (1903–1959)
- Oliver Newberry Chaffee (1881–1944)
- Beulah Eisle Stevenson (1890–1965)
- Ada Gilmore (1883–1955)
- Stuart Davis (1892–1964)
- Florence Esté (1860–1926)
- Charles Demuth (1883–1935)
- Ross Eugene Braught (1898–1983)
- Oscar H. Gieberich (1886–1954)
- Adolph Gottlieb (1903–1974)
- Agnes Weinrich (1873–1946)
- William Formby Halsall (1841–1919)
- Marsden Hartley (1877–1943)
- Charles W. Hawthorne (1872–1930)
- Henry Hensche (1899–1992)
- Hans Hofmann (1880–1966)
- Bror Julius Olsson Nordfeldt (1878–1955)
- Karl Knaths (1891–1971)
- Max Kuehne (1880–1968)
- Blanche Lazzell (1878–1956)
- Lucy L’Engle (1889–1978)
- Herman Maril (1908–1986)
- Ethel Mars (1876–1959)
- Ross Moffett (1888–1971)
- Robert Motherwell (1915–1991)
- Robert Neuman (1926–2015)
- Arthur Osver (1912–2006)
- Edwin Dickinson (1891–1978)
- Man Ray (1890–1976)
- I. Rice Pereira (1902–1971)
- Hilda Belcher (1881–1963)
- Henry Strater (1896–1987)
- George Elmer Browne (1871–1946)
- William Zorach (1887–1966)
- Marguerite Zorach (1887–1968)
Literatur
- Ross Moffett: Art in Narrow Streets: The First Thirty-Three Years of the Provincetown Art Association 1914–1947, Provincetown 1964.
- Robert Motherwell: Beside the Sea. Provincetown Art Association and Museum 2012.
- Peter Hastings Falk: Who Was Who in American Art, Madison 1999.