Vorwürfe der Vetternwirtschaft in der AfD
politische Affäre in der Bundesrepublik Deutschland
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Seit dem Winter 2025/2026 wurden mehrere Fälle der Vetternwirtschaft innerhalb der AfD auf Landes-, Bundes- und Europaebene bekannt. Auslöser war ein parteiinterner Konflikt in der AfD Sachsen-Anhalt. Der Bundestagsabgeordnete Jan Wenzel Schmidt machte zunächst auf „Filz“ im Landesverband aufmerksam und bezeichnete die AfD-internen Strukturen als „Beutegemeinschaft“.[1] In der Folge wurden etliche weitere, teils ähnliche Fälle berichtet.[2][3][4] Die Bundestagsfraktion der AfD schloss Schmidt am 3. März 2026 wegen "parteischädigenden Verhaltens" aus der Fraktion aus.[5]
Medienrecherchen zufolge waren entsprechende Vorfälle nicht auf Sachsen-Anhalt beschränkt. Der Spiegel berichtete über Vorwürfe im Landesverband Niedersachsen, darunter persönliche Bereicherung, familiäre Seilschaften und mutmaßliche Korruption. Mehrere AfD-Politiker, darunter die Europaabgeordnete Anja Arndt, stellten demnach Dossiers zusammen und forderten Ordnungsmaßnahmen gegen Landesvorstände.[6][4]
In mehreren Medien wurde auf das Selbstbild der AfD als Anti-Establishment-Partei verwiesen, welches durch die Vorfälle beeinträchtigt werde.[7][8][9]
Hintergrund
Regelungen
In allen Parlamenten ist es Abgeordneten untersagt, Familienangehörige direkt zu beschäftigen.
Die sogenannte „Über-Kreuz-Beschäftigung“ wird als rechtliche Grauzone bezeichnet und ist nicht ausdrücklich verboten. Dabei werden Verwandte von Abgeordneten bei Parteikollegen angestellt, um Regelungen zu umgehen, die die Beschäftigung eigener Familienangehöriger im eigenen Büro untersagt. Kritisiert werden die daraus resultierenden Abhängigkeitsverhältnisse und eine Versorgungsmentalität auf Kosten der öffentlichen Hand.
Die Landtagsverwaltung in Sachsen-Anhalt kündigte nach Bekanntwerden der Strukturen innerhalb der AfD-Fraktion im Februar 2026 an, die Beschäftigungsverhältnisse der Abgeordneten einer Überprüfung zu unterziehen. Die schwarz-rot-gelbe Landeskoalition erwog eine Verschärfung der geltenden Regelungen; als Vorbild wurde der Bayerische Landtag genannt, der nach der dortigen Verwandtenaffäre im Jahr 2013 Überkreuzbeschäftigungen ausdrücklich untersagt hatte.[10]
AfD-Mitarbeiter
Für die Mitarbeiter von Parlamentsfraktionen der Parteien gilt das Verwandtenverbot nicht. Sie können abhängig von ihrer Größe auf Mittel der öffentlichen Hand zugreifen, um damit Mitarbeiter anzustellen.[11]
Nach Recherchen von t-online beschäftigen AfD-Abgeordnete im Bundestag wie auch im Landtag von Sachsen-Anhalt im Schnitt mehr Mitarbeiter als alle anderen Fraktionen.[11] Laut Stern schätzte der AfD-Fraktionsvorstand, dass bis zu 72 der 151 AfD-Bundestagsabgeordneten – etwa die Hälfte der Fraktion – direkt oder indirekt in Überkreuzanstellungen involviert sein könnten. Die genaue Methodik dieser Schätzung ist allerdings unklar.[12][10]
Verlauf
Die ersten Vorwürfe der breit angelegten Vetternwirtschaft standen im Zusammenhang mit einem eskalierenden Machtkampf zwischen Parteifunktionären innerhalb der AfD Sachsen-Anhalt.
Dem sachsen-anhaltischen Bundestagsabgeordneten Jan Wenzel Schmidt wurden 2025 unlautere Abrechnungspraktiken und dubiose Beschäftigungsverhältnisse im Zusammenhang mit privatwirtschaftlichen Aktivitäten neben seiner Abgeordnetentätigkeit vorgeworfen. Gegen Schmidt und Matthias Lieschke läuft ein Parteiausschlussverfahren.[13]
Der Landtagsabgeordnete Lieschke soll eine parteiinterne Videokonferenz aufgezeichnet und den Mitschnitt dem ebenfalls aus Sachsen-Anhalt stammenden AfD-Bundestagsabgeordneten Jan Wenzel Schmidt geschickt haben. Die AfD-Landtagsfraktion in Sachsen-Anhalt schloss Lieschke daraufhin wegen aus ihrer Sicht schwer partei- und fraktionsschädigenden Verhaltens aus der Fraktion aus.[13]
Schmidt selbst erhob Mitte Dezember 2025 in einer Mail an den Landesvorstand der AfD Sachsen-Anhalt schwere Vorwürfe gegen eine Führungsgruppe des Landesverbands. „Einige Akteure gehören auf die Anklagebank und nicht auf die Regierungsbank“, schrieb er laut Der Spiegel in einer internen Mail und warf dem Landesvorstand zudem „parteischädigendes Verhalten“ vor.[14] Er beklagte zudem, dass seit einigen Monaten systematisch gegen ihn und seine Familie vorgegangen werde.[15]
Neben unsauberen Fahrtkosten- und Reiseabrechnungen, Privatreisen unter dem Vorwand parlamentarischer Tätigkeit sowie Besuchen der Spielbank Berlin auf Dienstreisen warf er Mitgliedern der Gruppe auch systematische Vetternwirtschaft vor. Dazu zähle die Beschäftigung von Ehepartnern, Kindern und Geschwistern über Abgeordnetenstellen. Zudem erhob er Vorwürfe zu wirtschaftlichen Verflechtungen, Privatinsolvenzen sowie möglichen Falschangaben bei Wahlen und Mitgliederaufnahmen. Namentlich beschuldigte er in den Schreiben Martin Reichardt, Oliver Kirchner, Hans-Thomas Tillschneider, Tobias Rausch, Jan Moldenhauer, Matthias Büttner, Gordon Köhler und Phillipp-Anders Rau. Politisch werde das Vorgehen der Gruppe durch den Spitzenkandidaten für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 2026, Ulrich Siegmund, gedeckt und unterstützt.[16]
Schmidt drohte, ab der zweiten Januarwoche wöchentlich strukturierte Mails an Bundes- und Landesvorstand mit Belegen zu senden.[15] Jan Wenzel Schmidt berichtete im Portal „NIUS“ ausführlich über seine Einschätzung der Situation im AfD-Landesverband Sachsen-Anhalt. Er habe dem Landesvorstand ein Angebot gemacht; laut Tagesschau sagte er dazu: „Da schlummert was, lasst uns das gemeinsam parteiintern abbauen. Das hat man nicht gemacht, stattdessen hat man gesagt, da hauen wir nochmal mit dem Hammer drauf (…) und jetzt wundert man sich, was passiert ist.“[17]
Das Bundesvorstandsmitglied Kay Gottschalk hatte sich zunächst als Vermittler angeboten und sagte der Mitteldeutschen Zeitung später: „In der jetzigen Situation könnte nicht einmal der Papst vermitteln.“[17]
Nach den Veröffentlichungen
Anfang Februar 2026 berichteten zunächst Tagesschau und ZDF über Fälle von Vetternwirtschaft in der AfD.[2][3] Daraufhin wurden auch auf Bundesebene weitere Vorwürfe publik. In den folgenden Wochen kamen etliche weitere Fälle auf Kommunal-, Landes-, Bundes- und Europa-Ebene der Partei ans Licht.[18]
Am 16. Februar 2026 beriet der AfD-Bundesvorstand in einer Telefonkonferenz über das Thema. Laut Medien wurde beschlossen, dass künftig für AfD-Politiker in Parlamenten von Bund und Ländern einheitliche Regelungen zur Anstellung von Familienangehörigen gelten sollen. Zudem wurden Konsequenzen gegen den Bundestagsabgeordneten Jan Wenzel Schmidt diskutiert; sein Verhalten sei als „schwer parteischädigend“ bewertet worden.[19] Für den AfD-Bundesvorstand sei Jan Wenzel Schmidt derjenige, der für die Eskalation in Sachsen-Anhalt verantwortlich sei, schrieb die Tagesschau.[17]
Am 19. Februar 2026 berichtete der Tagesspiegel, Schmidt wehre sich gegen den drohenden Ausschluss aus der Bundestagsfraktion. Er ließ durch einen Sprecher erklären, er stehe „inhaltlich weiterhin klar zur AfD“ und werde offensichtlich dafür sanktioniert, dass er auf Missstände hingewiesen habe. Ob bereits in der folgenden Woche über den Ausschluss abgestimmt werde, sei formal nicht entschieden.[20]
Entgegen der Forderung einiger Mitglieder des Landesverbandes rief die AfD Sachsen-Anhalt keinen Sonderparteitag ein, um die Vorwürfe der Vetternwirtschaft aufzuarbeiten. Der Landesvorstand teilte mit, es liege dazu kein satzungsgemäßer Antrag mehrerer Kreisverbände vor. Landesgeschäftsführer Martin Reichardt sagte, nur eine sehr kleine Gruppe von Mitgliedern habe einen Sonderparteitag gefordert. Stattdessen habe die AfD Sachsen-Anhalt eine interne Kommission eingesetzt, die sich mit den Anstellungsverhältnissen bei Abgeordneten beschäftigen solle. Das Gremium solle Empfehlungen vorlegen und über gesetzliche Änderungen beraten, die einen möglichen Missbrauch bei der Anstellungspraxis verhindern sollen. Reichardt beklagte eine „politisch-mediale“ Kampagne gegen die Partei.[21] Die Leitung dieser Kommission soll der Landtagsabgeordnete Gordon Köhler übernehmen, welcher laut Informationen der Rechercheplattform Correctiv den beteiligten Abgeordneten Tobias Rausch, Ulrich Siegmund und Martin Reichardt nahesteht.[22]
Angesichts der Vorwürfe der Vetternwirtschaft rief die AfD-Co-Vorsitzende Weidel laut „Bild“-Zeitung nach personellen Konsequenzen. Sie habe Stefan Keuter, Personalchef der AfD-Bundestagsfraktion aus dem Fraktionsvorstand, zum Rücktritt aufgefordert. Der Abgeordnete Jan Wenzel Schmidt solle nach Willen des Fraktionsvorstandes die Fraktion laut „Bild“ ganz verlassen.[18] Keuter verlor seine Position als Personalchef laut Pressemeldungen am 3. März.[23] Schmidts Ausschluss aus der Fraktion wurde am selben Tag bekanntgegeben.[24]
Am 2. März 2026 wurde von der AfD-Bundesspitze eine sogenannte Vertrauensgruppe eingesetzt, die insbesondere die Vorwürfen gegen den Landesvorstand Niedersachsen aufarbeiten soll. Mitglieder der Gruppe sind der ehemalige Sprecher des Landesverbands Baden-Württemberg Lothar Maier, der ehemalige Vorsitzende der Satzungskommission Albrecht Glaser und der sächsische Ex-Richter Jens Maier. Insbesondere die Personalie Jens Maier wurde parteiintern kritisiert, da dieser in der Vergangenheit durch rechtsextreme Aussagen der AfD zahlreiche Skandale eingehandelt hatte und ebenso wie Chrupalla als der niedersächsischen Landesspitze nahestehend gilt.[25]
Bekannte Fälle
Anstellung von Verwandten von Parteikollegen durch Abgeordnete
Weitere Anstellungsverhältnisse
Sonstige
65-35-Regel im Landesverband Niedersachsen
Eine Gruppe um die Europaabgeordnete Anja Arndt wirft dem niedersächsischen Landesvorsitzenden Ansgar Schledde vor, ein System von Günstlingswirtschaft errichtet und schwarze Kassen geführt zu haben. In einem Schreiben kritisiert sie, Schledde, der Landesvorstand und ein Kreis von Mandatsträgern und Mitgliedern nutzten die AfD „als Geschäftsmodell zur dauerhaften persönlichen Bereicherung“. Dafür habe Schledde 2024 eine „Parallelorganisation“ gegründet.[59] Die Gruppe fordert vom Bundesverband die Absetzung des Vorstands. Der Landesvorstand teilte dagegen mit, man wolle rechtliche Schritte sowie Parteiordnungsmaßnahmen gegen entsprechende Mitglieder einleiten.[59]
Im Rahmen der sogenannten 65-35-Regel soll Schledde seine Unterstützung dafür versprochen zu haben, dass Mitglieder Listenplätze erhielten, und im Gegenzug über 35 Prozent ihres Mitarbeiterbudgets bestimmt zu haben. Bis zu 1,4 Millionen Euro pro Jahr seien so veruntreut worden. Viele Mitarbeiter, die mit für Parlamentsarbeit vorgesehenen Geldern angestellt wurden, hätten tatsächlich Parteiarbeit geleistet.[60][61]
Laut der niedersächsischen AfD-Bundestagsabgeordneten Martina Uhr hatte sie 35 Prozent ihres Mitarbeiterbudgets in Höhe von 26.650 Euro für Schleddes Personalwünsche zur Verfügung gestellt. Arbeitsverträge seien ihr „vorgefertigt“ mit Unterschriften vorgelegt worden. Die Mitarbeiter, die aus den 35 Prozent bezahlt wurden, hätten nicht für sie gearbeitet und nur Schledde als Chef akzeptiert. t-online zufolge könnte dies einen Verstoß gegen das Parteiengesetz darstellen, da die Mitarbeiter, welche aus dem Landtagshaushalt bezahlt werden, nicht für Parteiarbeit eingesetzt werden dürfen.[62][63]
Wie beide Seiten bestätigten, legte kurze Zeit nach Veröffentlichung der Vorwürfe der AfD-Landesgruppensprecher und Vertrauter von Schledde Andreas Paul Uhr einen vorformulierten Brief zur Unterschrift vor, laut dem Uhr ihr Mandat niederlegt. Da Uhr nicht unterschrieb, stellte Paul das Ultimatum, dass die Landesgruppe ihren Fraktionsausschluss beantragen würde, sollte sie ihr Mandat nicht innerhalb eines Tages niederlegen. Auch Paul wird von einem ehemaligen Mitarbeiter vorgeworfen, dass dieser illegal für kommunalpolitische Arbeit eingesetzt worden sei.[63]
Laut Michael Oelrich, einem ehemaligen Angestellten des Bundestagsabgeordneten Micha Fehre, stellte dieser ihn im Rahmen der 65-35-Regel an. Oelrich habe Fehres nie zu Gesicht bekommen und von ihm trotz mehrfacher Nachfrage weder Anweisungen noch eine Kontakt-Mailadresse erhalten. Stattdessen habe er Parteiarbeit geleistet, darunter Mitgliederwerbung und Einkäufe für AfD-Stammtische. Anweisungen habe er von Kreischef Jonas Kallendorf erhalten und nur mit diesem auch Details zum Arbeitsvertrag besprochen.[64]
Tobias Rausch
Tobias Rausch beschäftigt in seiner Immobilienfirma, die die Wahlkreisbüros von ihm und seinem Vater Daniel Rausch verwaltet, einen seiner Brüder.[30] Auch sein Schwager ist als Minijobber in der Firma angestellt.[42] Laut t-online stellte Rauschs Unternehmen dem früheren AfD-Politiker Robert Farle im Bundestagswahlkampf 2025 zudem über 40.000 Euro für Plakatierungsarbeiten in Rechnung.[28]
Laut Medienrecherchen nahm Rausch seine spätere Ehefrau Lisa Lehmann mehrfach auf Delegationsreisen mit. Lehmann war zunächst Mitarbeiterin im Wahlkreisbüro des Landtagsabgeordneten Oliver Kirchner, in der JA aktiv und zuvor Partnerin des ehemaligen Landesvorsitzenden André Poggenburg. Später wurde sie in der AfD-Landtagsfraktion angestellt und verdient laut Table.Media als Bürokauffrau 6.000 Euro brutto monatlich aus dem Fraktionsetat. Lehmann reiste 2022 mit Rausch und dem Europaausschuss nach Armenien. Im Oktober 2025 heirateten die beiden. Im Dezember 2025 nahm Rausch Lisa Lehmann auf eine Reise einer AfD-Delegation nach New York und Washington mit. Laut Table.Media wurde dies parteiintern als „Flitterwochen in den USA“ bezeichnet.[65]
Nadine Koppehel
Die sachsen-anhaltinische Landtagsabgeordnete Nadine Koppehel beschäftigt 16 Mitarbeitende in ihrem Wahlkreisbüro, was der taz zufolge auf mögliche Scheinbeschäftigungen hinweisen könnte.[66] Das Büro, welches Koppehel gemeinsam mit ihrer Mutter Margret Wendt betreibt, ist der Mitteldeutsche Zeitung zufolge nur durch ein handgeschriebenes, vergilbtes Klingelschild mit den Buchstaben „AfD“ ausgeschildert und nicht größer als eine Drei-Zimmer-Wohnung, obwohl dort insgesamt 23 Personen beschäftigt sein sollen.[67]
Reaktionen
In den Medien
„Sicher auch nicht leicht, mit lauter Leuten verwandt zu sein, die woanders keine Arbeit finden“, kommentierte Friedrich Küppersbusch die Affäre in der tageszeitung. Er ging davon aus, dass die Vetternwirtschaft der Partei bei den kommenden Landtagswahlen kaum schaden werde. „In einer autoritären Denke ist weniger relevant, welche Missetaten begangen werden, als dass die Richtigen sie richtig begehen.“[68]
Die Tagesschau verwies darauf, dass der AfD-Bundesvorstand in einem Dilemma stecke und „auffällig still“ sei.[17]
In der Wissenschaft
Der Politikwissenschaftler Alexander Hensel von der Universität Göttingen sagte, die Vorwürfe würden dem Selbstbild der AfD als „Alternative“ zu den etablierten Parteien schaden. Ihre populistische Kritik am „Altparteien-Filz“ wende sich nun gegen sie selbst. Die Skandalisierung werde auch für interne Machtkämpfe genutzt. So sieht Hensel in der Kritik von Björn Höcke an seinen Parteikollegen den Versuch, die AfD auf einen noch radikaleren Kurs festzulegen und „Anpassung an das System“ zu bestrafen.[69]
Der Politikwissenschaftler Wolfgang Schroeder von der Universität Kassel sprach im Münchner Merkur von einer „offensichtlich systemischen Struktur der Vetternwirtschaft“. Die AfD habe ein doppeltes Problem: ein Imageproblem, da sie den politischen Gegnern Korruption vorwerfe und selbst um maximale Ausbeute von Vorteilen bemüht sei, sowie eine innerparteiliche Konfliktlinie zwischen denen, die die externe Kritik für interne Machtkämpfe instrumentalisierten.[70]
Der Politologe Marcel Lewandowsky erklärte im Freitag, die AfD werde vom Skandal besonders hart getroffen, weil sie die Vetternwirtschaft, die sie anderen vorwerfe, offensichtlich selbst betrieben habe. Zugleich sei der Widerspruch nur oberflächlich: Die Verachtung demokratischer Prozesse und Gepflogenheiten gehöre zum ideologischen Kern der Partei, weshalb es „gar nicht so überraschend“ sei, dass sich die AfD auch bei der Besetzung von Posten nicht an übliche Regeln halte.[12]
In der AfD
Der Spiegel berichtete über wachsenden Unmut in Teilen der Partei und an der Basis.[71] Der AfD-Politiker Björn Höcke sagte: „Wir können nur an uns selbst scheitern. Aber dieses Scheitern gerät in den Bereich des Möglichen.“ Er verwies auf einen Beitrag des neurechten Aktivisten Götz Kubitschek, der meinte, Parteien seien so gebaut, dass es zu Bereicherungen, Versorgungsnetzwerken und Begehrlichkeiten komme. Eine Partei, die eine Alternative sein wolle, müsse dies so lange wie irgend möglich bekämpfen, so Kubitschek.[19] Rund 150 Mitglieder der Partei in Sachsen-Anhalt forderten einen Sonderparteitag.[72]
Der Erste Parlamentarische Geschäftsführer der AfD-Bundestagsfraktion, Bernd Baumann, verteidigte die Anstellungspraxis bei Welt TV und verwies auf Rekrutierungsprobleme der Partei. Von 200 möglichen Stellen habe man 71 nicht besetzen können, da potenzielle Bewerber fürchteten, eine Tätigkeit für die AfD in ihrem Lebenslauf auszuweisen.[73] Berichten von t-online zufolge beschäftigen AfD-Landtagsabgeordnete in den Länderparlamenten und im Bundestag hingegen durchschnittlich 6,09 Mitarbeiter pro Abgeordneter, das Mittel aller Parteien liegt bei 4,83 Mitarbeitern.[74][75]
Der Thüringer Co-Landesvorsitzende Stefan Möller forderte im Stern eine Anpassung der Parteisatzung auf dem nächsten Bundesparteitag. Der Anspruch der AfD sei stets gewesen, „sauberer“ als die anderen Parteien zu agieren; auch wenn die Anstellungen legal seien, bedeuteten sie „ein Problem für unsere Glaubwürdigkeit“.[76]
AfD Sachsen-Anhalt
Der Landesvorsitzende Reichardt beklagte eine „politisch-mediale Kampagne“ gegen die Partei.[77] Der Landtagsabgeordnete Ulrich Siegmund nannte die Anstellungsverhältnisse „völlig legal“, Fraktionschef Oliver Kirchner bezeichnete die Vorwürfe als „hanebüchern“ und „Unfug“.[78] Die Landtagsabgeordnete Nadine Koppehel antwortete nach Bekanntwerden der Vorwürfe gegen sie nicht auf Medienanfragen, auch ihre Social-Media-Profile wurden stillgelegt.[79]
In anderen Parteien
In einem Interview mit den Zeitungen der Neuen Berliner Redaktionsgesellschaft und der Rheinpfalz bezeichnete Bundeskanzler Friedrich Merz die AfD als von „tief verankerter Filz- und Vetternwirtschaft“ geprägt. „Angesichts des Ausmaßes des Missbrauchs“ werde man möglicherweise nicht um eine Gesetzesverschärfung herumkommen, um Überkreuzanstellungen zu unterbinden.[80]
Die Partei Die Linke bezeichnete das Verhalten der AfD-Politiker als „Clan-Kriminalität“.[76] Auch der CSU-Parteivorsitzende Markus Söder äußerte, die Beschäftigungsverhältnisse bei AfD-Abgeordneten ähnelten „Clanstrukturen“.[81]